»Gut, meinetwegen, aber beeilen Sie sich!«
»Rechnen Sie damit, daß die Tür jeden Augenblick von FBI-Agenten aufgebrochen werden könnte?«
»Schlimmer«, sagte sie nur. »Viel schlimmer!«
Seit ihrer Ankunft in Dr. Brenkshaws Praxis rechnete sie mit plötzlich vom Nachhimmel herabzuckenden Blitzen, Donner wie dem Hufschlag apokalyptischer Reiter und dem Hereinstürmen weiterer bis an die Zähne bewaffneter Zeitreisender. Während der Arzt vor einer Viertelstunde den Oberkörper ihres Beschützers geröntgt hatte, hatte sie geglaubt, in weiter Ferne eben noch wahrnehmbaren Donner zu hören. Sie war ans nächste Fenster geeilt, um den Himmel nach fernem Wetterleuchten ab zusuchen, hatte jedoch nichts gesehen - vielleicht weil der Nachhimmel über San Bernardino zu hell war, vielleicht weil sie sich den Donner nur eingebildet hatte. Sie war schließlich der Meinung gewesen, sie habe nur ein Düsenflugzeug gehört und dieses Geräusch in ihrer Panik fälschlich für entfernten Donner gehalten.
Brenkshaw flickte seinen Patienten zusammen, schnitt den Faden ab, der später vom Körper absorbiert werden würde, und befestigte die Mullpolster mit breitem Heftpflaster von einer Rolle, die er mehrmals um Brust und Rücken von Lauras Beschützer führte.
Im Untersuchungsraum roch es so intensiv nach Desinfektionsmitteln, daß Laura gegen einen Brechreiz ankämpfen mußte. Chris schien der Geruch nicht zu stören. Er hockte in seiner Ecke und lutschte begeistert einen weiteren Tootsie Pop.
Während Brenkshaw auf die Röntgenaufnahmen wartete, hatte er dem Bewußtlosen auch eine Penicillinspritze gegeben. Jetzt trat er an einen der hohen weißlackierten Stahlschränke im Sprechzimmer und füllte zwei Tablettenfläschchen mit Kapseln aus zwei großen Packungen. »Ich habe die wichtigsten Medikamente hier, um sie an ärmere Patienten zu Selbstkosten abgeben zu können, damit sie keine Apothekenpreise zu bezahlen brauchen.«
»Was für Kapseln sind das?« fragte Laura, als er an den Untersuchungstisch zurückkam und ihr die beiden kleinen Plastikflaschen gab.
»Das hier sind Penicillinkapseln. Täglich drei zu den Mahlzeiten - falls er essen kann. Ich glaube, daß er bald wieder zu sich kommen wird. Sollte er bewußtlos bleiben, muß er intravenös Flüssigkeit zugeführt bekommen, sonst verdurstet er. Solange er im Koma liegt, dürfen Sie nicht versuchen, ihn trinken zu lassen - er würde daran ersticken. Die anderen Kapseln sind ein starkes Schmerzmittel. Bei Bedarf höchstens zwei pro Tag einnehmen.«
»Geben Sie mir mehr davon! Am besten gleich alle!« Laura deutete auf die beiden Behälter, die jeweils Hunderte von Kapseln enthielten.
»Solche Mengen braucht er nicht. Er ...«
»Nein, die braucht er nicht«, bestätigte Laura. »Aber ich weiß nicht, welche anderen Schwierigkeiten uns noch bevorstehen. Vielleicht brauchen wir Penicillin und ein Schmerzmittel für mich - oder meinen Jungen.«
Brenkshaw starrte sie für einen langen Augenblick an. »Um Himmels willen, wo sind Sie da hineingeraten? Das alles könnte aus einem Ihrer Bücher stammen.«
»Geben Sie mir einfach die ...« Laura machte eine Pause, als ihr klar wurde, was der Arzt gesagt hatte. »Das alles könnte aus einem meiner Bücher stammen? Aus einem meiner Bücher? Großer Gott, Sie wissen also, wer ich bin!«
»Natürlich. Das habe ich gleich gewußt, als Sie vor meiner Tür standen. Wie ich schon gesagt habe, lese ich gern Thriller, und obwohl Ihre Romane eigentlich nicht in diese Kategorie fallen, sind sie sehr spannend. Ich habe sie ebenfalls gelesen und dabei Ihr Photo auf der Umschlagrückseite gesehen. Glauben Sie mir, Mrs. Shane, kein Mann könnte Ihr Gesicht jemals vergessen - auch wenn er es nur auf einem Photo gesehen hat -und ein alter Knabe ist wie ich.«
»Aber warum haben Sie dann nichts ...«
»Ich habe die Sache anfangs für einen Scherz gehalten. Ihr melodramatisches nächtliches Erscheinen vor meiner Haustür, die Bedrohung mit der Waffe, Ihre knappen, unfreundlichen Anweisungen - das alles ist mir wie ein Witz vorgekommen. Glauben Sie mir, ich habe Freunde, die sich so was ausdenken könnten und denen ich sogar zutrauen würde, Sie zum Mitmachen zu überreden.«
Laura deutete auf ihren Beschützer. »Aber als Sie ihn dann gesehen haben .«
»Da habe ich gewußt, daß die Sache bitterernst ist«, bestätigte der Arzt.
Chris trat rasch neben seine Mutter und nahm den Tootsie Pop aus dem Mund. »Mom, wenn er uns verrät ...«
Laura hatte ihren Revolver aus dem Hosenbund gezogen. Sie hob die Waffe und ließ sie dann wieder sinken, als ihr klar wurde, daß Brenkshaw sich dadurch jetzt nicht mehr einschüchtern ließ - ja niemals Angst vor dem Revolver gehabt hatte. Erstens war er kein Mann, der sich von irgend jemandem einschüchtern ließ, und zweitens konnte sie jetzt nicht mehr überzeugend die gefährliche Verbrecherin spielen, da er doch wußte, wer sie wirklich war.
Auf dem Untersuchungstisch stöhnte ihr Beschützer und versuchte, sich in seinem unnatürlichen Schlaf zu bewegen, aber Dr. Brenkshaws Hand auf seiner Brust brachte ihn dazu, wieder stillzuliegen.
»Hören Sie, Doktor, wenn Sie irgend jemandem erzählen, was sich heute nacht hier ereignet hat, wenn Sie meinen Besuch nicht für den Rest Ihres Lebens geheimhalten können, bedeutet das den sicheren Tod für mich und meinen Jungen.«
»Sie wissen doch, daß Ärzte gesetzlich verpflichtet sind, von ihnen behandelte Schußwunden zu melden?«
»Aber hier handelt’s sich um einen Sonderfall«, sagte Laura drängend. »Ich bin nicht auf der Flucht vor der Polizei, Doktor.«
»Vor wem sonst?«
»Eigentlich . vor denselben Männern, die meinen Mann -Chris’ Vater - ermordet haben.«
Brenkshaw starrte sie überrascht und mitleidig an. »Ihr Mann ist ermordet worden?«
»Davon müssen Sie in der Zeitung gelesen haben«, antwortete sie verbittert. »Der Fall ist letztes Jahr sensationell aufgebauscht worden - ein gefundenes Fressen für die Medien.«
»Tut mir leid, aber ich lese keine Zeitungen und sehe mir keine Fernsehnachrichten an«, sagte Brenkshaw. »Überall bloß Brände, Unfälle und blutrünstige Terroristen. Statt richtiger Nachrichten bringen sie nur Blut, Tragödien und Politik. Das mit Ihrem Mann tut mir aufrichtig leid. Und wenn diese Leute, die ihn ermordet haben, jetzt hinter Ihnen her sind, sollten Sie sofort zur Polizei gehen.«
Laura gefiel dieser Mann, mit dem sie vermutlich viele Ansichten und Überzeugungen gemeinsam hatte. Er wirkte freundlich und vernünftig. Trotzdem machte sie sich wenig Hoffnung, Brenkshaw dazu überreden zu können, den Mund zu halten. »Die Polizei kann mich nicht vor ihnen schützen, Doktor. Außer mir - und vielleicht dem Mann, dessen Wunden Sie gerade genäht haben - kann mich niemand vor ihnen schützen. Diese Leute, die hinter uns her sind . sind brutal und unversöhnlich und stehen außerhalb des Gesetzes.«
Er schüttelte den Kopf. »Niemand steht außerhalb des Gesetzes.«
»Auf die trifft das zu, Doktor. Ich würde eine Stunde brauchen, um Ihnen zu erklären, wer sie sind, und Sie würden mir vermutlich trotzdem nicht glauben. Aber wenn Sie unseren Tod nicht auf dem Gewissen haben wollen, bitte ich Sie inständig, keinem zu erzählen, daß wir hier gewesen sind. Nicht nur ein paar Tage, sondern Ihr Leben lang.«
»Nun, ich ...«
Während Laura ihn prüfend betrachtete, merkte sie, daß es zwecklos war. Sie erinnerte sich an etwas, das er zuvor in der Diele gesagt hatte, als sie ihn davor gewarnt hatte, in bezug auf die Anwesenheit weiterer Hausbewohner zu lügen: Er lüge nie, hatte er gesagt, weil das Leben - trotz gelegentlicher Schwierigkeiten - einfacher sei, wenn man stets die Wahrheit sage. Für ihn sei das zu einer lebenslänglichen Gewohnheit geworden. Kaum eine dreiviertel Stunde später kannte Laura ihn bereits so gut, daß sie ihn für einen ungewöhnlich wahrheitsliebenden Mann hielt. Selbst jetzt, wo sie ihn bat, ihren Besuch geheimzuhalten, war er außerstande, die Lüge über die Lippen zu bringen, die sie beschwichtigt und zum Gehen veranlaßt hätte.