Brenkshaw starrte sie schuldbewußt an und war nicht imstande, eine Unwahrheit auszusprechen. Sobald Laura gegangen war, würde er seine Pflicht tun: Er würde den Fall der Polizei melden. Die Cops würden sie in ihrem Haus bei Big Bear suchen und dort das Blut, aber nicht die Leichen der Zeitreisenden sowie Hunderte von leeren Patronenhülsen, zersplitterte Fenster und Einschüsse in den Wänden entdecken. Morgen oder spätestens übermorgen würde die Story in ganz Amerika Schlagzeilen machen .
Vielleicht hatte es das Verkehrsflugzeug, das Laura vor über einer halben Stunde zu hören geglaubt hatte, doch nicht wirklich gegeben. Vielleicht hatte sie das gehört, was sie ursprünglich vermutet hatte: sehr fernen Donner, 20 bis 30 Kilometer entfernt.
Erneut Donner in einer Nacht ohne Regen.
»Helfen Sie mir jetzt, ihn anzuziehen, Doktor«, forderte sie Brenkshaw auf, indem sie zu ihrem Beschützer auf dem Untersuchungstisch hinüberdeutete. »Wenigstens das können Sie für mich tun, da Sie mich später ohnehin verraten werden.«
Bei dem Wort verraten zuckte er sichtbar zusammen.
Zuvor hatte Laura Chris mit dem Auftrag losgeschickt, aus Brenkshaws Schlafzimmer ein Hemd, einen Pullover, eine Jacke, eine Hose, Socken und ein Paar Schuhe zu holen. Der Arzt war nicht so sportlich schlank wie ihr Beschützer, aber die beiden waren etwa gleich groß.
Im Augenblick trug der Verletzte nur seine blutgetränkte Hose, aber Laura wußte, daß sie nicht mehr genug Zeit hatten, ihn vollständig anzuziehen. »Helfen Sie mir bloß, ihm die Jacke überzuziehen, Doktor. Die restlichen Sachen nehme ich mit und ziehe sie ihm später an. Die Jacke genügt vorerst als Schutz gegen die Kälte.«
»Eigentlich ist er nicht transportfähig«, sagte der Arzt, während er den Verletzten auf dem Untersuchungstisch widerstrebend in sitzende Stellung brachte.
Laura ignorierte Brenkshaws Worte, mühte sich ab, den rechten Arm des Verletzten in den Ärmel der warm gefütterten Cordsamtjacke zu stecken, und gab ihrem Sohn Anweisungen: »Chris, du gehst ins Wartezimmer, ohne dort Licht zu machen. Stell dich ans Fenster, beobachte die Straße und laß dich um Himmels willen nicht sehen!«
»Glaubst du, daß sie hier sind?« fragte der Junge ängstlich.
»Falls nicht, kommen sie bestimmt bald«, antwortete sie und steckte den linken Arm ihres Beschützers in den zweiten Jak-kenärmel.
»Wovon reden Sie überhaupt?« fragte Brenkshaw, als Chris ins Sprechzimmer lief und von dort aus ins dunkle Wartezimmer weiterhastete.
Laura gab keine Antwort. »Kommen Sie, wir müssen ihn in den Rollstuhl setzen.«
Gemeinsam hoben sie den Verletzten vom Untersuchungstisch, setzten ihn in den Rollstuhl und ließen den Bauchgurt einschnappen.
Während Laura die übrigen Kleidungsstücke und die beiden Pillenbehälter in das Hemd legte und ein Bündel daraus machte, kam Chris aus dem Wartezimmer zurückgerannt. »Mom, sie fahren gerade vor, das müssen sie sein, zwei Autos voller Männer auf der anderen Straßenseite, wenigstens sechs oder acht Mann! Was tun wir jetzt?«
»Scheiße«, sagte sie, »jetzt kommen wir nicht mehr zum Jeep. Und wir können das Haus nicht durch den Nebenausgang verlassen, weil sie uns von der Straße aus sehen würden.«
Brenkshaw war bereits ins Sprechzimmer unterwegs. »Ich alarmiere die Polizei .«
»Nein!« Laura legte ihrem Beschützer das Bündel mit Kleidung und Medikamenten auf den Schoß, stopfte ihre Handtasche dahinter und griff sich die Uzi und den Chief’s Special Kaliber 38. »Das dauert zu lange, verdammt noch mal! Die Kerle sind in ein paar Minuten hier - und sie haben’s auf uns abgesehen! Sie müssen mir helfen, den Rollstuhl durch den Hinterausgang aus dem Haus zu schaffen.«
Ihre Angst schien nun auch den Arzt zu überzeugen, denn er zögerte keine Sekunde lang und versuchte nicht mehr, seine Idee durchzusetzen. Statt dessen ergriff er den Rollstuhl und schob ihn rasch durch die Verbindungstür zwischen dem Untersuchungsraum und dem nach rückwärts führenden Korridor. Laura und Chris folgten ihm durch den nur schwach beleuchteten Flur in die Küche, in der die einzigen Lichtquellen die Digitaluhren an Herd und Mikrowelle waren. Der Rollstuhl polterte über die Türschwelle zwischen Küche und rückwärtiger Veranda und schüttelte den Bewußtlosen durch, der aber schon Schlimmeres überstanden hatte.
Laura hängte sich die Uzi um, steckte den Revolver in ihren Hosenbund und hastete an Brenkshaw vorbei die Verandatreppe hinunter. Sie packte den Rollstuhl vorn und half dem Arzt, ihn über die Stufen an die Betonplatten des Gartenweges hinunterzulassen.
Sie schaute zu dem Torbogen zwischen Haus und Garagen hinüber und rechnete fast damit, im nächsten Augenblick Bewaffnete hindurchstürmen zu sehen. »Sie müssen mitkommen«, flüsterte sie Brenkshaw zu. »Die Kerle bringen Sie um, wenn Sie hier bleiben, das weiß ich genau!«
Auch diesmal widersprach er nicht, sondern folgte Chris, als der Junge auf dem Weg vorausging, der über den Rasen zu dem Tor im Bretterzaun an der Rückseite des langgestreckten Grundstücks führte. Laura, die ihre Uzi jetzt in beiden Händen hielt, deckte ihren Rückzug und war bereit, beim geringsten Laut aus dem Haus das Feuer zu eröffnen.
Als Chris das Gartentor erreichte, wurde es vor ihm geöffnet, und ein Mann in Schwarz kam von der Wohnstraße hinter dem Grundstück in den Garten. Bis auf sein mondblasses Gesicht und seine weißen Hände war er schwärzer als die Nacht - und mindestens so überrascht wie die drei. Er war durch die schmale Wohnstraße gekommen, um den Hinterausgang des Hauses zu überwachen. In der rechten Hand hielt er eine dunkelglänzende Maschinenpistole - noch nicht schußbereit, aber er war dabei, sie hochzureißen -, und Laura konnte ihn nicht erschießen, ohne dabei auch ihren Sohn zu durchsieben. Chris reagierte jedoch, wie Henry Takahami ihn in monatelanger Ausbildung zu reagieren gelehrt hatte. Er warf sich herum, traf mit einem gezielten Tritt den rechten Arm des Killers, schlug ihm die Maschinenpistole aus der Hand - die Waffe prallte dumpf und mit leisem Klirren auf dem Rasen auf - und trat seinen Gegner dann in den Unterleib, so daß der Mann in Schwarz schmerzlich grunzend gegen den Torpfosten zurücksank.
Inzwischen war Laura um den Rollstuhl herum nach vorn gelaufen und zwischen Chris und den Killer getreten. Sie drehte die Uzi um, schwang sie wie eine Keule, schlug dem Mann die Schulterstütze auf den Kopf, holte wieder aus und schlug erneut mit aller Kraft zu. Der Killer brach auf dem Rasen zusammen, ohne einen Laut von sich gegeben zu haben.
Die Ereignisse überstürzten sich jetzt geradezu. Chris schlüpfte bereits durchs Gartentor, deshalb folgte Laura ihm, und sie überraschten dort einen zweiten Mann in Schwarz mit Augen wie Löchern in einem weißen Gesicht. Dieser war jedoch außer Reichweite eines Karatetritts, so daß Laura das Feuer eröffnen mußte, bevor der Killer selbst schoß. Der Feuerstoß aus ihrer Maschinenpistole ging eng gebündelt über Chris’ Kopf hinweg, zerfetzte Brust, Kehle und Hals des Mannes in Schwarz und enthauptete ihn buchstäblich, bevor er rückwärts aufs Pflaster der Wohnstraße geworfen wurde.
Brenkshaw, der noch immer den Rollstuhl schob, war hinter ihnen durchs Tor gekommen. Laura hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn nicht vor solchen Gefahren gewarnt hatte, aber nun konnten sie nicht mehr zurück. Die schmale Wohnstraße war auf beiden Seiten von Gartenzäunen begrenzt; auf den Grundstücken dahinter waren im Licht der Lampen in den Querstraßen einige Garagen und Ansammlungen von Mülltonnen zu erkennen.
Laura wandte sich an Brenkshaw. »Fahren Sie ihn auf der anderen Straßenseite ein paar Grundstücke weiter. Suchen Sie ein offenes Tor, durch das Sie ihn in einen fremden Garten schieben können. Chris, du gehst mit dem Doktor.«