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»Und du?«

»Ich komme gleich nach.«

»Mom .«

»Los, Chris!« forderte sie ihn auf, denn der Arzt hatte bereits zehn Meter Vorsprung und schob den Rollstuhl schräg über die schmale Straße.

Während der Junge widerstrebend Brenkshaw folgte, kehrte Laura ans offene Tor im Bretterzaun zurück. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zwei dunkle Gestalten 30 Meter entfernt durch den Torbogen zwischen Haus und Garage kommen zu sehen. Die beiden waren kaum auszunehmen und nur zu erkennen, weil sie sich bewegten. Einer von ihnen rannte geduckt auf die Veranda hinter dem Haus zu; der andere kam ebenfalls in geduckter Haltung über den Rasen, weil sie nicht genau wußten, woher die Schüsse gekommen waren.

Laura trat durchs Tor auf den Weg, eröffnete das Feuer, bevor die beiden sie sahen, und überschüttete die Rückwand des Hauses mit einem Kugelhagel. Obwohl sie nicht nahe genug stand, waren 30 Meter auch keine allzu große Entfernung, und die beiden warfen sich in Deckung. Sie wußte nicht, ob sie getroffen hatte, und durfte nicht weiterschießen, weil selbst ein Magazin mit 400 Schuß auch bei kurzen Feuerstößen schnell leergeschossen und diese Uzi jetzt ihre einzige Maschinenpistole war. Sie zog sich rückwärtsgehend durchs Tor zurück und rannte hinter Brenkshaw und Chris her.

Die beiden verschwanden eben durch ein schmiedeeisernes Tor, das in den Zaun des übernächsten Hauses auf der anderen Straßenseite eingelassen war. Als Laura es schweratmend erreichte und das Grundstück betrat, stellte sie fest, daß die auf beiden Seiten am Zaun entlang angepflanzten alten Eugenien zu einer dichten Hecke zusammengewachsen waren. Dahinter war sie unsichtbar, solange jemand nicht direkt vor dem Tor stand.

Der Arzt hatte den Rollstuhl mit dem Bewußtlosen bereits bis an die Rückseite des Hauses geschoben. Es war im Tudorstil erbaut, keine viktorianische Villa wie das Haus Brenkshaws, aber ebenfalls mindestens vier, fünf Jahrzehnte alt. Nun war der Arzt im Begriff, um das Gebäude herum die Einfahrt zu erreichen, die auf die nächste breitere Straße hinausführte.

Überall in den Nachbarhäusern ging jetzt Licht an. Laura war davon überzeugt, daß auch hinter den Fenstern, die vorerst dunkel blieben, Gesichter an die Scheiben gedrückt waren. Aber sie bezweifelte, daß die Neugierigen viel erkennen würden.

Sie holte Chris und Brenkshaw vor dem Haus ein und hielt die beiden im Schatten hoher Stauden an. »Doc, ich möchte, daß Sie mit Ihrem Patienten hier warten«, flüsterte sie Dr. Brenkshaw zu.

Er zitterte sichtbar, und sie konnte nur hoffen, daß er keinen Herzanfall bekam. Aber er machte weiter mit. »Okay, ich bleibe hier.«

Sie nahm Chris mit auf die nächste Straße hinaus, wo bis zur nächsten Querstraße auf beiden Straßenseiten etwa zwei Dutzend Autos parkten. Im bläulichen Licht der Straßenlampen sah der Junge schlimm aus, aber nicht so schlimm, wie Laura befürchtet hatte, und nicht so ängstlich wie Brenkshaw. »Hör zu, wir suchen jetzt unversperrte Autotüren. Du übernimmst diese Straßenseite, ich übernehme die andere. Findest du eine offene Tür, kontrollierst du, ob der Zündschlüssel steckt; ist das nicht der Fall, siehst du unter dem Fahrersitz und hinter der Sonnenblende nach.«

»Wird gemacht.«

Bei den Recherchen für ein Buch mit einem Autodieb in einer Nebenrolle hatte Laura unter anderem die Tatsache ausgegraben, daß jeder siebzehnte Fahrer nachts die Autoschlüssel stecken ließ. Jetzt hoffte sie, daß dieses Verhältnis in einer ruhigen Stadt wie San Bernardino noch mehr zu ihren Gunsten ausfallen würde. Schließlich ließen in New York, Chicago, Los Angeles und ähnlichen Großstädten nur Masochisten ihre Autoschlüssel stecken, so daß es anderswo doch wesentlich mehr vertrauensselige Amerikaner geben mußte, damit dieser statistische Durchschnitt erreicht wurde.

Während sie an den Türen der Autos auf der anderen Straßenseite rüttelte, versuchte sie, Chris im Auge zu behalten, aber er verschwand bald aus ihrem Blickfeld. Vier der ersten acht Fahrzeuge waren unversperrt, aber in keinem waren die Schlüssel zu finden.

In der Ferne ertönte Sirenengeheul.

Das würde die Männer in Schwarz wahrscheinlich vertreiben. Außerdem suchten sie vermutlich noch immer die Wohnstraße hinter Brenkshaws Grundstück ab, bewegten sich mit Vorsicht und rechneten damit, wieder beschossen zu werden.

Laura bewegte sich dagegen ganz offen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie aus den Nachbarhäusern gesehen wurde. Die Straße war mit ausgewachsenen, aber künstlich niedriggehaltenen Dattelpalmen gesäumt, die viel Deckung boten. Und wer in dieser Nacht aufgeschreckt worden war, stand vermutlich eher an einem Fenster im ersten Stock und bemühte sich, über die Palmen hinweg zu Dr. Brenkshaws Haus hinüberzusehen, wo vorhin geschossen worden war.

Das neunte Auto war ein Oldsmobile Cutlass, dessen Schlüssel unter dem Fahrersitz lagen. Als Laura eben den Motor anließ und die Fahrertür zuknallte, öffnete Chris die Beifahrertür und zeigte ihr einen Schlüsselbund, den er entdeckt hatte.

»Ein ganz neuer Toyota«, sagte er.

»Dieser hier reicht«, entschied Laura.

Die Sirenen kamen näher.

Chris warf die Toyotaschlüssel weg, stieg ein und fuhr mit Laura zu dem noch immer dunklen Haus auf der anderen Straßenseite zurück, in dessen Vorgarten der Arzt mit dem Bewußtlosen auf sie wartete. Vielleicht hatten sie Glück; vielleicht war dort wirklich niemand zu Hause. Sie hoben Lauras Beschützer aus dem Rollstuhl und streckten ihn auf dem Rücksitz des Cutlass aus.

Die Sirenen waren jetzt schon sehr nahe, auf der nächsten Querstraße raste ein Streifenwagen mit roten Blinklichtern vorbei, der zu Brenkshaws Haus unterwegs war.

»Bei Ihnen alles in Ordnung, Doc?« fragte Laura, nachdem sie die hintere Autotür zugeworfen hatte.

Er hatte sich erschöpft in den Rollstuhl gesetzt. »Keine Angst, ich habe keinen Schlaganfall. Was ist bloß mit Ihnen los, Mädchen?«

»Keine Zeit, Doc. Ich muß die Mücke machen.«

»Hören Sie«, sagte er noch, »vielleicht erzähle ich denen überhaupt nichts.«

»Doch, das tun Sie«, widersprach Laura. »Sie bilden sich vielleicht ein, es nicht tun zu wollen, aber Sie werden der Polizei alles sagen. Täten Sie’s nicht, gäbe es keinen Polizeibericht und keine Zeitungsmeldungen - und ohne diese in der Zukunft bekannten Unterlagen hätten die Killer mich heute nacht nicht aufspüren können.«

»Was brabbeln Sie da?«

Laura beugte sich vor und küßte ihn auf die Backe. »Keine Zeit für Erklärungen, Doc. Besten Dank für Ihre Hilfe. Tut mir leid, aber den Rollstuhl muß ich auch noch mitnehmen.«

Er klappte ihn zusammen und legte ihn ihr in den Kofferraum.

Die Nacht war jetzt voller Sirenen.

Laura stieg ein und knallte die Fahrertür zu. »Anschnallen, Chris.«

»Angeschnallt«, bestätigte er.

Sie bog aus der Einfahrt nach links auf die Straße ab - von Brenkshaws Haus weg in Richtung Querstraße, auf der vorhin der mit Blinklicht fahrende Streifenwagen vorbeigeflitzt war.

Die auf eine gemeldete Schießerei hin zusammenströmenden Fahrzeuge kamen aus verschiedenen Stadtteilen, aus verschiedenen Streifenbezirken, so daß vielleicht kein zweiter Wagen diese Route benützen würde. Die Querstraße mündete in eine um diese Zeit wenig befahrene Hauptstraße, auf der Laura keine Wagen mit aufgesetzten roten Blinkleuchten sah. Sie bog nach rechts ab, entfernte sich immer mehr von Brenkshaws Haus, durchquerte San Bernardino und fragte sich, wo sie letztlich Zuflucht finden würden.

3

Kurz nach 3.15 Uhr erreichte Laura Riverside, stahl in einer ruhigen Seitenstraße einen Buick, brachte ihren Beschützer im Rollstuhl zu dem neuen Fahrzeug und ließ den Cutlass stehen. Chris schlief während der gesamten Unternehmung fest und mußte von einem Wagen zum anderen getragen werden.