Eine halbe Stunde später war Laura erschöpft und todmüde in einer anderen Seitenstraße unterwegs: diesmal mit einem Schraubenzieher aus der Werkzeugtasche des Buicks, mit dem sie jetzt die Kennzeichen eines Nissans abschraubte. Die gestohlenen Nummernschilder kamen an den Buick, dessen Schilder in den Kofferraum wanderten, weil dieses Kennzeichen demnächst auf der Fahndungsliste der Polizei erscheinen würde.
Vielleicht dauerte es ein paar Tage, bis dem Nissan-Besitzer auffiel, daß seine Nummernschilder gestohlen waren, und selbst wenn der Diebstahl angezeigt wurde, würde er die Polizei weniger interessieren als ein Autodiebstahl. Diebstähle von Kennzeichen waren im allgemeinen Dumme-Jungen-Streiche oder die Tat von Vandalen, ihre Wiederbeibringung hatte bei den überlasteten Polizeidienststellen, die kaum wußten, wie sie die Ermittlungen in wirklichen Verbrechensfällen bewältigen sollten, keinen allzu hohen Stellenwert. Das gehörte zu den nützlicheren Tatsachen, die Laura bei den Recherchen für einen Roman erfahren hatte, in dem ein Autodieb eine Nebenrolle spielte.
Sie nahm sich auch noch die Zeit, ihrem Beschützer Socken, Schuhe und einen Pullover anzuziehen, damit er sich nicht erkälte. Dabei schlug er einmal die Augen auf, blinzelte und flüsterte heiser ihren Namen. Sie glaubte schon, er erwache aus seiner Bewußtlosigkeit, aber er versank wieder darin und murmelte etwas in einer Sprache, die sie nicht erkennen konnte, weil sie keines seiner Worte deutlich genug verstand.
Von Riverside aus fuhr Laura nach Yorba Linda im Orange County, wo sie um 4.50 Uhr in einer Ecke des Parkplatzes von Ralph’s Supermarket hinter einem der Altglascontainer parkte. Sie stellte den Motor ab, schaltete die Scheinwerfer aus und löste ihren Sicherheitsgurt. Chris blieb angeschnallt; er lehnte fest schlafend an der Beifahrertür. Ihr Beschützer war noch immer bewußtlos, aber er atmete nicht mehr ganz so keuchend wie vor ihrem Besuch in Dr. Brenkshaws Praxis. Laura bezweifelte, daß sie hier Schlaf finden würde; sie wollte sich nur sammeln und ihre Augen ausruhen - aber dann war sie binnen weniger Minuten doch eingeschlafen.
Nachdem sie drei Männer erschossen hatte, selbst mehrmals beschossen worden war, zwei Autos gestohlen und eine durch drei Counties führende Verfolgungsjagd überlebt hatte, wäre zu erwarten gewesen, daß sie vom Tod, von Blut und zerfetzten Menschenleibern träumen würde, einen Alptraum, dessen Hintergrundmusik das kalte Hämmern von Maschinenwaffen war. Sie hätte träumen können, Chris zu verlieren, der mit Thelma zu den beiden einzigen ihr verbliebenen Lichtblicken im Leben gehörte. Statt dessen träumte sie jedoch von Danny, und es war ein schöner Traum, kein Alptraum. Danny war wieder lebendig und erlebte mit ihr, wie die Rechte von »Shadrach« für über eine Million Dollar verkauft wurden. Aber Chris war auch da und acht Jahre alt, obwohl Chris damals noch gar nicht auf der Welt gewesen war, und sie feierten Lauras Erfolg in Disneyland, wo sie sich zu dritt mit Mickey Mouse fotografieren ließen. Und im Carnation Pavillon versprach Danny ihr, sie bis in alle Ewigkeit zu lieben, während Chris vorgab, sich in einer aus Grunzern bestehenden Schweinchensprache verständigen zu können, die er von Carl Dockweiler gelernt habe, der mit Nina und Lauras Vater am nächsten Tisch saß. Und an einem weiteren Tisch saßen die Ackerson-Zwillinge und aßen Erdbeereisbecher ...
Laura wachte nach über drei Stunden um 8.26 Uhr auf und fühlte sich nach diesem durch ihr Unterbewußtsein bewirkten Aufenthalt in vertrauter Gemeinschaft ebenso erfrischt wie durch den Schlaf selbst. Der Morgenhimmel war wolkenlos, das Sonnenlicht glitzerte auf dem Chrom des Wagens und fiel als breiter gelblicher Streifen durchs Heckfenster. Chris döste noch immer. Der Verletzte auf dem Rücksitz war weiterhin bewußtlos.
Sie riskierte es, rasch zu einer Telefonzelle neben dem Supermarkt hinüberzugehen, von der aus sie den Wagen im Auge behalten konnte. Mit Kleingeld aus ihrer Handtasche rief sie Chris’ Privatlehrerin Ida Palomar in Lake Arrowhead an, um ihr mitzuteilen, daß sie für den Rest der Woche verreist sein würden. Sie wollte nicht, daß die arme Ida ahnungslos in das von Kugeln durchsiebte Haus mit den unerklärlichen Blutspuren kam, mit denen sich bestimmt schon Spurensicherungsteams der Polizei befaßten. Sie erzählte Ida nicht, von wo aus sie anrief; sie wollte ohnehin nicht mehr lange in Yorba Linda bleiben.
Wieder im Auto saß Laura gähnend hinterm Steuer, reckte sich und massierte sich den Nacken, während sie die ersten Kunden beobachtete, die den etwa 100 Meter entfernten Supermarkteingang passierten. Als Chris keine zehn Minuten später mit verquollenen Augen und schlechtem Mundgeruch aufwachte, gab sie ihm Geld, damit er im Supermarkt süßes Gebäck und zwei Tüten Orangensaft einkaufen konnte - nicht gerade etwas zur vernünftigen Ernährung, aber stärkende Kost.
»Was ist mit ihm?« fragte Chris und zeigte dabei auf Lauras Beschützer.
Sie erinnerte sich an Dr. Brenkshaws Warnung vor dem Verdursten. Aber sie wußte auch, daß sie nicht versuchen durfte, ihm etwas einzuflößen, solange er komatös war - daran konnte er ersticken. »Hmmm . bring einen dritten Orangensaft mit. Vielleicht kriege ich ihn wach.« Als Chris ausstieg, fügte sie hinzu: »Am besten kaufst du uns auch was zum Mittagessen, was nicht verdirbt - vielleicht ein Brot und ein Glas Erdnußbutter. Und wir brauchen einen Deo-Stift und ein Haarwaschmittel.«
Der Junge grinste. »Warum darf ich mich zu Hause nicht so ernähren?«
»Weil du gesunde Nahrung brauchst, damit dein Verstand nicht noch mehr Schaden nimmt als bisher schon, Kleiner.«
»Mich wundert nur, daß du nicht sogar auf der Flucht vor angeheuerten Killern daran gedacht hast, deine Mikrowelle, frisches Gemüse und eine Packung Vitaminpillen mitzunehmen.«
»Soll das heißen, daß ich eine gute Mutter bin, aber die Gesundheitsmasche übertreibe? Okay, ich werd’s mir merken. Geh jetzt!«
Er wollte seine Tür schließen.
»Noch was, Chris ...«, begann Laura.
»Ich weiß«, sagte der Junge. »Vorsichtig sein.«
Während Chris fort war, stellte Laura das Autoradio an, um sich die Neun-Uhr-Nachrichten anzuhören. Sie hörte Meldungen über sich selbst - einen Bericht aus ihrem Haus bei Big Bear, einen weiteren über die Schießerei in San Bernardino. Beide Meldungen waren erwartungsgemäß vage und nicht sonderlich aufschlußreich. Aber sie bestätigten, daß die Polizei jetzt in ganz Südkalifornien nach ihr fahndete. Wie der Reporter berichtete, rechnete die Polizei damit, sie bald ausfindig zu machen, weil sie als Schriftstellerin eine doch sehr bekannte Persönlichkeit war.
Sie war vergangene Nacht erschrocken, als Dr. Brenkshaw sie sofort als die Schriftstellerin Laura Shane erkannt hatte. Dabei hielt Laura sich nicht für eine Berühmtheit; sie war lediglich eine Erzählerin, eine Geschichtenschreiberin, die am Webstuhl der Sprache arbeitete und Wortgewebe wob. Sie war lediglich für einen ihrer ersten Romane auf Tournee gegangen, hatte diese mühsame Reise abscheulich gefunden und hatte sich zu keiner zweiten überreden lassen. Sie war kein regelmäßiger Gast bei Fernseh-Talkshows. Sie hatte nie in TV-Werbespots für irgendein Produkt geworben, sich nie öffentlich für einen Politiker eingesetzt und im allgemeinen stets versucht, nicht in den großen Medienzirkus hineingezogen zu werden. Sie war mit dem traditionellen Photo auf der Rückseite von Schutzumschlägen einverstanden gewesen, weil es ihr harmlos vorkam, und konnte als 33jährige ohne falschen Stolz zugeben, daß sie ungewöhnlich attraktiv war - aber sie hätte niemals geglaubt, eine »doch sehr bekannte Persönlichkeit« zu sein, wie die Polizei es ausdrückte.
Laura war nicht nur betrübt, weil der Verlust ihrer Anonymität sie zu einer leichteren Beute für die Polizei machte, sondern auch, weil sie wußte, daß Berühmtheit im heutigen Amerika zugleich den Verlust selbstkritischer Fähigkeiten und einen gravierenden Niedergang künstlerischer Schaffenskraft bedeutete. Einigen wenigen gelang es, prominent zu sein und schriftstellerisch Erfolg zu haben, aber die meisten ihrer Kollegen schienen durch die Aufmerksamkeit, die die Medien ihnen schenkten, korrumpiert zu werden.