Mit einiger Überraschung wurde ihr plötzlich klar, daß ihre Sorge, sie könnte berühmt und dadurch künstlerisch steril werden, offenbar bedeutete, daß sie noch immer an eine sichere Zukunft glaubte, in der sie Bücher würde schreiben können. In manchen Nächten hatte sie sich geschworen, bis zum Tode zu kämpfen, bis zum blutigen Ende durchzuhalten, um ihren Sohn zu beschützen - stets aber mit dem Gefühl, ihre Lage sei praktisch hoffnungslos, weil der Gegner zu stark und für sie unerreichbar sei. Aber jetzt hatte ihre Einstellung sich irgendwie verändert, war in schwachen, vorsichtigen Optimismus umgeschlagen.
Vielleicht hatte der Traum den Ausschlag gegeben.
Chris kam mit einer großen Packung Zimtrollen mit Zuckerguß, drei Tüten Orangensaft und den sonstigen Einkäufen zurück. Sie aßen Gebäck, tranken den Saft dazu und hatten das Gefühl, noch nie besser gefrühstückt zu haben.
Als Laura fertig war, stieg sie hinten ein und versuchte, ihren Beschützer aus seiner Bewußtlosigkeit zu wecken. Aber ihre Bemühungen blieben ohne Erfolg.
Sie gab Chris die dritte Tüte Orangensaft. »Heb sie für ihn auf«, sagte sie dabei. »Wahrscheinlich kommt er bald wieder zu sich.«
»Wenn er nicht trinken kann, kann er auch kein Penicillin einnehmen«, stellte Chris fest.
»Das hat noch ein paar Stunden Zeit. Doktor Brenkshaw hat ihm eine ziemlich starke Spritze gegeben; die wirkt noch eine Zeitlang.«
Trotzdem machte Laura sich Sorgen. Wenn er nicht wieder zu sich kam, würden sie vielleicht niemals über das lebensgefährliche Labyrinth aufgeklärt werden, in dem sie sich gegenwärtig verirrt hatten - und vielleicht niemals einen Ausweg finden.
»Und wie geht’s weiter?« erkundigte Chris sich.
»Wir fahren zur nächsten Tankstelle, benützen die Toiletten und halten dann bei einem Waffengeschäft, um Munition für die Uzi und den Revolver zu kaufen. Danach ... suchen wir uns ein Motel - ein für unsere Zwecke geeignetes Motel, in dem wir unterschlüpfen können.«
Sobald sie irgendwo unterkamen, würden sie mindestens 100 Kilometer von Dr. Brenkshaws Haus entfernt sein, wo ihre Feinde sie zuletzt aufgespürt hatten. Aber was bedeuteten Entfernungen für Männer, die auf ihren Reisen nicht in Kilometern, sondern in Tagen und Jahren rechneten?
In Teilen von Santa Ana, in manchen Vierteln im Süden von Anaheim und in den benachbarten Gebieten gab es die meisten Motels des Typs, nach dem Laura Ausschau hielt. Sie wollte keinen modernen, glitzernden Red Lion Inn oder ein Howard Johnson’s Motor Lodge mit Farbfernseher, hochflorigem Teppichboden und beheiztem Swimmingpool, weil man sich in guten Motels ausweisen und eine der großen Kreditkarten vorlegen können mußte. Sie durfte nicht riskieren, eine Spur aus Papier zu hinterlassen, die zuletzt die Polizei oder die Killer auf ihre Fährte bringen konnte. Statt dessen suchte sie ein Motel, das nicht mehr sauber, nicht mehr gut genug erhalten war, um Touristen anzuziehen - einen heruntergekommenen Betrieb, in dem sie froh waren, Gäste zu haben, bereitwillig Bargeld kassierten und garantiert keine Fragen stellten, die bestimmte Gäste vertrieben.
Laura wußte, daß es nicht leicht sein würde, ein Zimmer zu finden, und wunderte sich nicht darüber, daß die ersten zwölf Motels, bei denen sie nachfragte, nicht bereit oder außerstande waren, ihr ein Zimmer zu geben. Die einzigen Gäste dieser heruntergekommenen Motels schienen junge Mexikanerinnen mit Säuglingen auf dem Arm oder Kleinkindern an den Rockschößen sowie junge Mexikaner oder Männer in mittleren Jahren zu sein, die Tennisschuhe, Leinenhosen, Flanellhemden und leichte Cordsamt- oder Jeansjacken trugen. Manche hatten Cowboyhüte aus Stroh auf, andere bevorzugten Baseballmützen - aber alle starrten Laura mißtrauisch und wachsam an.
Die meisten dieser heruntergekommenen Motels dienten als Unterkünfte für illegale Einwanderer, von denen sich allein im Orange County Hunderttausende niedergelassen hatten. Ganze Familien hausten in einem einzigen Raum: Fünf, sechs oder sieben Menschen lebten dort in drangvoller Enge, teilten sich ein altes Doppelbett, zwei Stühle und ein gerade noch funktionierendes Bad und zahlten dafür mindestens 150 Dollar die Woche - ohne Bettwäsche, ohne Zimmerreinigung, ohne sonstige Leistungen, aber dafür mit Tausenden von Kakerlaken. Trotzdem waren sie eher bereit, unter diesen Verhältnissen zu leben und sich als unterbezahlte Arbeitskräfte auf empörende Weise ausbeuten zu lassen, als in ihre Heimat zurückzukehren und unter der Herrschaft einer »revolutionären Volksregierung« zu leben, deren Versprechungen seit Jahren und Jahrzehnten unerfüllt geblieben waren.
Der Besitzer des 13. Motels mit dem poetischen Namen »The Bluebird of Happiness« machte sich anscheinend noch Hoffnungen auf Touristen, die preiswerte Zimmer brauchten, und war noch nicht der Versuchung erlegen, bettelarmen Einwanderern Reichtümer abzupressen. Einige der 24 Zimmer waren offenbar an Illegale vermietet, aber die Direktion sorgte noch für täglichen Bettwäschewechsel, Zimmerreinigung, Farbfernseher und zwei zusätzliche Kopfkissen in jedem Kleiderschrank. Doch die Tatsache, daß der junge Mann an der Rezeption Bargeld nahm, keinen Ausweis verlangte und Lauras Blick bewußt auswich, war trauriger Beweis genug, daß »The Blue-bird of Happiness« binnen einem Jahr zu einem weiteren Denkmal politischer Dummheit und menschlicher Geldgier verkommen würde - und das in einer Welt, in der solche Denkmäler dicht an dicht wie Grabsteine auf einem überfüllten Großstadtfriedhof standen.
Das Motel bestand aus drei U-förmig angeordneten Gebäudeteilen, die den Parkplatz umschlossen, und ihr Zimmer bildete die rechte Ecke des Querflügels. Dicht vor der Tür ihres Zimmers wucherte eine riesige Fächerpalme, deren Wachstum weder der Smog noch das winzige Fleckchen Erde zwischen so viel Beton und Asphalt behindern zu können schienen. Die Palme trug selbst im Winter kräftige neue Triebe, als habe die Natur sie dazu bestimmt, auf subtile Weise ihre Absicht zu verkünden, die ganze Erde wieder zu übernehmen, sobald die Menschheit abgetreten sein werde.
Laura und Chris klappten den Rollstuhl auseinander, setzten den Verletzten hinein und machten keinerlei Geheimnis daraus, als betreuten sie lediglich einen Behinderten. Vollständig bekleidet und ohne sichtbare Schußwunde konnte Lauras Beschützer sehr wohl ein Querschnittgelähmter sein - einzig der kraftlos nach vorn hängende Kopf paßte nicht ins Bild.
Ihr Zimmer war klein, aber annehmbar sauber. Der an einigen Stellen abgetretene Teppichboden war vor kurzem gereinigt worden, und die beiden Staubflusen in der Ecke neben dem Bett waren nicht größer als Tischtennisbälle. Die braunkarierte Tagesdecke auf dem französischen Bett hatte ausgefranste Kanten und war an zwei Stellen geflickt, aber die Bettwäsche war sauber und duftete schwach nach Waschmittel. Laura und Chris hoben ihren Beschützer aus dem Rollstuhl ins Bett und stopften ihm zwei Kissen unter den Kopf.
Der Fernseher mit 43-cm-Bildschirm war auf einem Tischchen festgeschraubt, dessen Beine wiederum auf dem Fußboden festgeschraubt waren. Die kunststoffbeschichtete Platte des Tischchens zeigte Brandspuren von Zigaretten. Chris ließ sich in einen der nicht zueinander passenden Sessel fallen, schaltete das Gerät ein und betätigte auf der Suche nach einer Cartoonshow oder einer Serienwiederholung den Kanal wähl schal ter, von dem ein Teilchen abgesplittert war. Er entschied sich für »Get Smart«, beklagte sich aber darüber, die Sendung sei »zu dumm, um lustig zu sein«, und Laura fragte sich, ob wohl viele seiner Altersgenossen ähnlich dachten.
Sie setzte sich in den anderen Sessel. »Willst du nicht duschen, Chris?« »Um dann wieder diese Sachen anzuziehen?« fragte er zweifelnd.