Sie berichtete ihm kurz von der Schießerei hinter Brenkshaws Haus, während der er im Koma gelegen hatte. »Woher wissen diese Killer, wo wir zu finden sind, wenn sie aus der Vergangenheit statt aus der Zukunft kommen? Wie konnten sie 1944 wissen, wann wir fünfundvierzig Jahre später bei Doktor Brenkshaw aufkreuzen würden?«
»Um dich zu finden, haben sie zwei Reisen gemacht«, erklärte Stefan ihr. »Als erstes sind sie ein paar Tage weiter in die Zukunft gereist - vielleicht zum kommenden Wochenende -, um zu sehen, ob du irgendwo auftauchen würdest. Falls nicht - und du scheinst nicht aufgetaucht zu sein -, haben sie angefangen, öffentlich zugängliche Quellen auszuwerten. Vor allem Zeitungen. Sie haben die Meldungen über eine Schießerei in deinem Haus gelesen und sind dann darüber informiert worden, daß du mit einem Verletzten bei Doktor Brenkshaw in San Bernardino aufgekreuzt bist. Deshalb sind sie einfach ins Jahr 1944 zurückgekehrt und haben eine weitere Zeitreise gemacht - diesmal zum frühen Morgen des Elften zu Brenkshaws Praxis.«
»Sie können uns jederzeit überspringen«, sagte Chris zu Laura. »Sie können vorausspringen, nachsehen, wo wir auftauchen, und sich dann eine Stelle im Zeitstrom aussuchen, an der wir am leichtesten zu überfallen sind. Sozusagen als ob ... als ob wir die Cowboys wären und die Indianer alle hellsehen könnten.«
»Wer war Kokoschka?« erkundigte Chris sich. »Wer war der Mann, der meinen Vater ermordet hat?«
»Der Chef des Sicherheitsdienstes des Instituts«, antwortete Stefan. »Er behauptete, mit Oskar Kokoschka, dem berühmten österreichischen Expressionisten, entfernt verwandt zu sein, aber das bezweifle ich, denn unser Kokoschka hatte gar nichts Künstlerisches an sich. Standartenführer - das bedeutet SS-Oberst - Heinrich Kokoschka war ein sehr tüchtiger GestapoKiller.«
»Gestapo?« wiederholte Chris fast ehrfürchtig. »Geheimpolizei?«
»Geheime Staatspolizei«, stellte Stefan richtig. »Ihre Existenz ist allgemein bekannt, aber ihre Arbeit bleibt geheim. Als er auf dieser Bergstraße im Jahre 1988 aufkreuzte, war ich so überrascht wie ihr, denn ich hatte keine Blitze gesehen. Er muß dreißig, vierzig Kilometer von uns entfernt in einem anderen Tal der San Bernardino Mountains angekommen sein, so daß uns die Blitze nicht auffielen.« Stefan erläuterte, daß die Blitze im Zusammenhang mit Zeitreisen stets ein eng begrenztes lokales Phänomen seien, und fuhr fort: »Nachdem Kokoschka dort aufgetaucht war, befürchtete ich, bei meiner Rückkehr das ganze Institut in heller Empörung wegen meines Verrats vorzufinden - aber in Wirklichkeit wurde ich kaum beachtet. Das hat mich ziemlich verwirrt! Als ich dann im Hauptlabor meine letzte Reise in die Zukunft vorbereitete, nachdem ich Penlowski und die anderen erschossen hatte, kam Heinrich Kokoschka hereingestürmt und schoß mich an. Er war also nicht tot, war nicht auf dieser Bergstraße im Jahre 1988 umgekommen! Erst dann wurde mir klar, daß er meinen Verrat erst dadurch entdeckte, daß er die von mir Erschossenen auffand. Kokoschka ist später ins Jahr 1988 gereist, um zu versuchen, mich ... uns alle umzubringen. Das bedeutete, daß das Tor offenbleiben würde - daß mein Versuch, es zu zerstören, scheitern würde. Zumindest dieser eine Versuch.«
»Gott, diese Kopfschmerzen!« sagte Laura. Chris schien dagegen keine Mühe zu haben, sich in dem von Stefan Krieger beschriebenen Zeitreiselabyrinth zurechtzufinden. »Kokoschka ist also ins Jahr 1988 gereist, nachdem du gestern zu uns gekommen bist, und hat meinen Daddy ermordet. Mann! Eigentlich hast du Kokoschka vierundvierzig Jahre nach eurer Schießerei im Hauptlabor erledigt ... und trotzdem hast du ihn erschossen, bevor er auf dich geschossen hat. Das sind wilde Sachen, stimmt’s, Mom? Aufregend, nicht wahr?«
»Und wie!« bestätigte Laura. Sie wandte sich wieder an Stefan. »Woher wußte Kokoschka, wo du auf der Bergstraße anzutreffen sein würdest?«
»Nachdem Kokoschka festgestellt hatte, daß ich Penlowski und die beiden anderen erschossen hatte, und nach meiner Flucht in die Zukunft muß er die Sprengladungen auf dem Dachboden und im Keller des Instituts entdeckt und dann die automatisch aufgezeichneten Betriebszeiten des Tores ausgewertet haben. Für die Überwachung dieser Zeiten war früher ich zuständig gewesen, deshalb merkte niemand, wie oft ich deinetwegen in die Zukunft gereist war. Jedenfalls muß Kokoschka selbst einige Zeitreisen gemacht haben - wahrscheinlich sogar viele -, um festzustellen, wo ich mich aufhielt und wie ich in dein Schicksal eingegriffen habe. Er muß mir nachspioniert haben, als ich bei der Beerdigung deines Vaters auf dem Friedhof war und als ich Sheener verprügelte, aber ich habe ihn nie gesehen. Als er dann wußte, wann ich dich nur beobachtete und wann ich handelte, um dich zu retten, wählte er sich einen Zeitpunkt und Ort aus, um uns alle zu erschießen. Mich wollte er als Verräter liquidieren; dich und deine Angehörigen wollte er umbringen, weil ... nun, weil er wußte, wie wichtig du mir warst.«
Weshalb? dachte sie. Warum bin ich dir so wichtig, Stefan Krieger? Weshalb hast du dich in mein Schicksal eingemischt und versucht, mir ein besseres Leben zu verschaffen?
Sie hätte ihm diese Fragen am liebsten gleich gestellt, aber er schien noch mehr über Kokoschka erzählen zu wollen. Er wurde offenbar rasch schwächer und hatte sichtlich Mühe, bei seiner Schilderung nicht den Faden zu verlieren. Laura wollte ihn nicht durch Zwischenfragen verwirren.
»Kokoschka dürfte mein letztes Ziel - gestern abend, dein Haus - mit Hilfe der automatisch registrierten Einstellwerte des Programmierpults ermittelt haben«, berichtete Stefan weiter. »Eigentlich hatte ich, wie versprochen, in der Nacht des Tages zurückkehren wollen, an dem Danny erschossen worden war; statt dessen bin ich ein Jahr später zurückgekommen, weil ich bei der Eingabe der errechneten Werte irgendeinen Fehler gemacht habe. Nachdem ich verletzt in die Zukunft geflüchtet war, muß Heinrich Kokoschka meine Berechnungen gefunden haben. Er muß meinen Fehler erkannt und gewußt haben, wo ich nicht nur gestern abend, sondern auch in der Nacht, in der Danny ermordet worden ist, zu finden sein würde. Als ich letztes Jahr versuchte, dich vor dem schleudernden Kleinlaster zu retten, habe ich in gewisser Beziehung Dannys Mörder mitgebracht. Dafür fühle ich mich verantwortlich, obwohl Danny diesen Unfall ohnehin nicht überlebt hätte. Wenigstens sind Chris und du am Leben geblieben. Zumindest fürs erste.«
»Weshalb hat Kokoschka dich nicht ins Jahr 1989 verfolgt -zum Beispiel letzte Nacht zu meinem Haus? Er hat gewußt, daß du als Verletzter eine leichte Beute sein würdest.«
»Er hat aber auch gewußt, daß ich erwarten würde, von ihm verfolgt zu werden, und befürchten müssen, ich sei bewaffnet und auf sein Kommen vorbereitet. Deshalb ist er für mich unerwartet ins Jahr 1988 gereist, um das Überraschungsmoment für sich zu nutzen. Außerdem hat Kokoschka vermutlich gehofft, daß ich nicht würde ins Institut zurückkehren und Pedowski erschießen können, wenn er mich ins Jahr 1988 verfolgte und dort erschoß. Bestimmt glaubte er, die Zeit durch einen Trick zu überlisten, diese Morde ungeschehen machen und dadurch den Projektleiter retten zu können. Aber das konnte er natürlich nicht, weil er dadurch seine eigene Vergangenheit verändert hätte, was unmöglich ist. Penlowski und die anderen waren inzwischen bereits tot und würden es bleiben. Hätte Kokoschka die für Zeitreisen gültigen Gesetzmäßigkeiten besser begriffen, dann hätte er gewußt, daß sein Anschlag im Jahre 1988, zumindest was meine Person betraf, gescheitert sein mußte, denn als er diese Reise unternahm, war ich bereits unversehrt aus den San Bernardino Mountains ins Institut zurückgekehrt!«