Выбрать главу

»Alles in Ordnung, Mom?« erkundigte Chris sich besorgt.

»Gibt’s Excedrin auch in Einpfundtabletten?« fragte sie.

»Ich weiß, daß das ein bißchen viel auf einmal ist«, bestätigte Stefan. »Aber du wolltest wissen, wer Heinrich Kokoschka ist

- oder gewesen ist. Er hat die von mir angebrachten Sprengladungen entschärft. Seinetwegen - und wegen des unglückseligen Stromausfalls, der den Zeitzünder lahmgelegt hat - steht das Institut noch, ist das Tor weiterhin offen und versuchen Gestapoleute jetzt, uns in dieser Zeit aufzuspüren ... und zu liquidieren.«

»Warum?« fragte Laura.

»Aus Rache«, sagte Chris.

»Sie reisen fünfundvierzig Jahre weit in die Zukunft, nur um uns aus Rache zu ermorden?« Laura schüttelte den Kopf. »Dahinter muß mehr stecken.«

»Richtig«, bestätigte Stefan. »Sie wollen uns ausschalten, weil sie uns für die einzigen Menschen halten, denen zuzutrauen ist, daß sie eine Möglichkeit finden, das Tor zu schließen, bevor sie den Krieg gewinnen und damit ihre Zukunft verändern. Und mit dieser Annahme haben sie recht.«

»Wie?« fragte sie erstaunt. »Wie können wir das Institut vor fünfundvierzig Jahren zerstören?«

»Das weiß ich noch nicht«, gab Stefan zu. »Aber ich werde darüber nachdenken.«

Sie wollte ihm weitere Fragen stellen, aber Stefan schüttelte den Kopf. Er sei zu erschöpft, um weiterzureden, sagte er und schlief wenig später wieder ein.

Aus seinen Einkäufen im Supermarkt nahm Chris ein verspätetes Mittagessen, bestehend aus Weißbrot mit Erdnußbutter, ein. Laura hatte keinen Appetit.

Da abzusehen war, daß Stefan ein paar Stunden lang schlafen würde, ging sie unter die Dusche. Danach fühlte sie sich erheblich wohler, auch wenn sie keine Kleidungsstücke zum Wechseln hatte.

Das Fernsehprogramm blieb den ganzen Nachmittag unerbittlich idiotisch: Seifenopern, Quizshows, weitere Melodramen, Wiederholungen alter Serien und Phil Donahue, der durchs Studio hastete und seine Gäste aufforderte, doch einmal über die einzigartige Notlage transvestitisch veranlagter Zahnärzte nachzudenken und Mitleid mit ihnen zu haben.

Laura füllte das Magazin ihrer Uzi mit der Munition auf, die sie vormittags in einem Waffengeschäft gekauft hatten.

Gegen Abend zogen draußen immer dunklere Wolken auf, bis kein Stückchen blauer Himmel mehr zu sehen war. Die Fächerpalme neben dem gestohlenen Buick schien ihre Wedel in Erwartung eines Sturms zu schließen.

Laura ließ sich in einen der Sessel fallen, legte ihre Füße aufs Bett, schloß die Augen und döste eine Zeitlang. Sie schrak aus einem Alptraum auf, in dem sie entdeckt hatte, daß sie aus Sand bestehe und sich in einem Gewitterregen rasch auflöse. Chris schlief in dem anderen Sessel, und Stefan schnarchte leise im Bett.

Draußen hatte es zu regnen begonnen. Der Regen trommelte aufs Moteldach und prasselte in die Pfützen auf dem Parkplatz

- ein Geräusch wie stark erhitztes Fritierfett. Diese Art Regenguß war für Südkalifornien charakteristisch: stark und ergiebig, aber ohne Blitz und Donner, die hier seltener als in anderen Teilen der Welt auftraten. Laura hatte jetzt besonderen Anlaß, für diese klimatische Tatsache dankbar zu sein, denn sie hätte bei Blitz und Donner schon wieder vor der Frage gestanden, ob sie natürliche Ursachen hatten oder das Kommen von Gestapoleuten aus einer anderen Zeit ankündigten ...

Chris wachte gegen 17.20 Uhr auf, Stefan Krieger war fünf Minuten später wieder wach. Beide sagten, sie seien hungrig, und Stefan ließ darüber hinaus Anzeichen weiterer Besserung erkennen. Seine Augen waren blutunterlaufen und wäßrig gewesen; jetzt waren sie wieder klar. Er konnte sich mit Hilfe seines gesunden Armes ohne Lauras Beistand im Bett aufsetzen. Seine linke Hand, die kraft- und gefühllos gewesen war, hatte sich wieder so weit erholt, daß er die Finger, deren Tast-sinn zurückgekehrt war, bewegen und sogar zu einer schwachen Faust ballen konnte.

Statt eines Abendessens hätte Laura lieber weitere Fragen beantwortet bekommen, aber ihr Leben hatte sie unter anderem gelehrt, geduldig zu sein. Als sie an diesem Morgen kurz nach 11 Uhr ihr Motelzimmer bezogen hatten, war Laura auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein chinesisches Restaurant aufgefallen. Obwohl sie Chris und Stefan nicht gern allein ließ, wagte sie sich jetzt in den Regen hinaus, um Essen aus dem Restaurant zu holen.

Laura trug den Revolver Kaliber 38 unter ihrer Jacke und ließ die Uzi auf Stefans Bett zurück. Chris würde nicht mit der Maschinenpistole schießen können, aber Stefan war vielleicht imstande, sich gegen das Kopfende seines Betts zu stemmen und lediglich mit der rechten Hand einen Feuerstoß abzugeben, obwohl der Rückstoß seine Wunde bestimmt wieder aufbrechen lassen würde.

Als Laura völlig durchnäßt zurückkam, stellte sie die Behälter aus Wachskarton - mit Ausnahme der beiden Eierblumensuppen für Stefan, die auf den Nachttisch gestellt wurden -aufs Fußende des Betts. Beim Betreten des Restaurants mit seinen aromatischen Düften hatte sie ihren Appetit wiedergefunden und natürlich viel zuviel bestellt: Brathuhn mit Zitrone, Rindfleisch mit Orangenscheiben, Krabben in süß-saurer Sauce, Schweinefleisch mit Bambussprossen, Fleischklößchen süßsauer und zwei Behälter Reis.

Während Chris und sie mit Plastikgabeln alle Gerichte versuchten und dazu Cokes tranken, die Laura aus dem Automaten an der Rezeption geholt hatte, schlürfte Stefan seine Suppe. Er hatte geglaubt, nichts Festes essen zu können, aber als er mit der Suppe fertig war, kostete er vorsichtig auch von den Fleischklößchen und vom Huhn mit Zitrone.

Auf Lauras Bitte hin erzählte er während des Essens von sich selbst. Stefan Krieger war 1909 in Gittelde im Harz zur Welt gekommen und somit 35 Jahre alt. (»Naja«, sagte Chris, »zählt man andererseits die fünfundvierzig Jahre dazu, die du durch deine Zeitreise von 1944 bis 1989 übersprungen hast, dann bist du in Wirklichkeit achtzig!« Er lachte. »Mann, für ‘nen achtzigjährigen alten Knacker hast du dich aber gut gehalten!«) Nachdem die Familie gegen Ende des Ersten Weltkriegs nach München umgezogen war, hatte Franz Krieger, Stefans Vater, schon im Jahr 1919 zu den frühesten Anhängern Adolf Hitlers gehört, als dieser seine politische Laufbahn in der Deutschen Arbeiterpartei begann. Gemeinsam mit Hitler und Anton Drex-ler hatte Krieger sogar an dem Programm mitgearbeitet, durch das die Partei, die anfangs eher ein Debattierklub gewesen war, in eine regelrechte politische Partei umgewandelt wurde, aus der sich später die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei entwickelte.

»Als Siebzehnjähriger bin ich 1926 einer der ersten Hitlerjungen gewesen«, berichtete Stefan weiter. »Dann ein Jahr später bin ich in die Sturmabteilung der SA eingetreten - die Braunhemden, die Kampftruppe der Partei, buchstäblich eine Privatarmee. Ab 1928 habe ich dann der Schutzstaffel angehört .«

»Der SS!« sagte Chris in einer Mischung aus Abscheu und Faszination, als wäre die Rede von Vampiren oder Werwölfen. »Du bist SS-Angehöriger gewesen? Du hast die schwarze Uniform mit dem silbernen Totenkopf und dem SS-Dolch getragen?«

»Darauf bin ich nicht stolz«, wehrte Stefan ab. »Oh, damals war ich natürlich stolz! Ich war dumm. Und mein Vater war ein Dummkopf. In der Anfangszeit war die SS eine kleine Elitegruppe, die den Auftrag hatte, den Führer notfalls unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu schützen. Wir waren alle zwischen achtzehn und zweiundzwanzig Jahren: junge, unerfahrene Heißsporne. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur vorbringen, daß ich weniger fanatisch war als meine Kameraden. Ich hatte lediglich getan, was mein Vater wollte, ohne weiter nach dem Sinn meines Tuns zu fragen.«

Vom Wind getriebener Regen klatschte gegen die Fensterscheiben und gurgelte durch ein Fallrohr an der Wand hinter dem Bett.

Nach seinem Nickerchen wirkte Stefan wieder kräftiger, und die heiße Suppe hatte ihm ebenfalls sichtlich gutgetan. Während er sich jetzt jedoch an seine in einem Hexenkessel aus Haß und Tod verbrachte Jugend erinnerte, wurde er erneut blaß, seine Augen schienen tiefer in ihre dunklen Höhlen zu sinken. »Ich bin nie aus der SS ausgetreten, weil die Stellung eines SS-Führers begehrt war - und weil ich nicht hätte ausscheiden können, ohne den Verdacht zu erwecken, ich hätte das Vertrauen zu unserem geliebten Führer verloren. Jahr für Jahr, Monat für Monat und zuletzt Tag für Tag hat mich alles, was ich um mich herum gesehen habe - den Wahnsinn und das Morden und den Terror -, immer mehr entsetzt.«