Выбрать главу

»Du warst so geboren worden, Laura«, erklärte Stefan ihr.

»Weshalb?«

»Das habe ich erst später und nach langwierigen Recherchen herausbekommen. Der Arzt - ein gewisser Markwell -, der im Jahre 1955 in Denver, Colorado, dein Geburtshelfer gewesen war, war ein Trinker. Außerdem war deine Geburt ohnehin sehr schwierig ...«

»Meine Mutter ist dabei gestorben.«

»Ja, auch in jener Realität hat sie nicht überlebt. Aber da hat Markwell die Geburt verpatzt, so daß du schwerbehindert auf die Welt kamst.«

Laura spürte, daß ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Wie um sich zu beweisen, daß sie dem Leben, für das sie bestimmt gewesen, tatsächlich entronnen war, stand sie auf, trat ans Fenster und benützte dazu ihre Beine: ihre gesunden, herrlich brauchbaren Beine.

Stefan wandte sich an Chris. »Deine Mutter war wunderschön, als ich sie an diesem Tag im Rollstuhl sah«, sagte er. »Wirklich wunderschön! Sie hatte natürlich dasselbe Gesicht wie jetzt. Aber sie war nicht nur wegen ihres Gesichts schön.

Sie strahlte soviel Mut aus und war trotz ihrer schweren Behinderung so fröhlich ... Obwohl deine Mutter an den Rollstuhl gefesselt war, wirkte sie amüsant und unbekümmert. Ich beobachtete sie aus dem Hintergrund und war verzaubert und zutiefst gerührt wie nie zuvor.«

»Sie ist großartig«, stimmte Chris zu. »Mom hat vor nichts Angst.«

»Sie hat nur und vor allem Angst!« widersprach Laura. »Dieses verrückte Gespräch ängstigt sie halb zu Tode!«

»Du versteckst dich nie oder läufst vor etwas weg«, sagte Chris, sah zu ihr hinüber und wurde rot. »Du hast vielleicht Angst, aber du läßt sie dir nie anmerken.«

»An diesem Tag habe ich ein Exemplar von >Riffe< gekauft«, berichtete Stefan weiter, »ins Hotel mitgenommen und gleich in dieser Nacht verschlungen. Manche Stellen waren so schön, daß ich weinen mußte ... andere so amüsant, daß ich laut lachte. Gleich am nächsten Tag kaufte ich mir >Das silberne Schloß< und >Felder in der Nacht< - deine beiden ersten Bücher, die ebenso brillant und bewegend waren wie die berühmten >Riffe<«.

Für Laura war es merkwürdig, lobende Urteile über Romane zu hören, die sie in diesem Leben niemals geschrieben hatte. Der Inhalt der drei Bücher interessierte sie jedoch weniger als die Beantwortung einer wichtigen Frage, die ihr eben eingefallen war: »Bin ich in diesem anderen Leben, in diesem anderen 1984 ... verheiratet gewesen?«

»Nein.«

»Aber ich hatte Danny kennengelernt und ...«

»Nein. Du hattest Danny nie kennengelernt. Du warst ledig.«

»Ich wäre nie geboren worden!« rief Chris.

»Alles das hat sich ereignet«, berichtete Stefan, »weil ich im Jahre 1955 in Denver, Colorado, gewesen bin und Doktor Markwell daran gehindert habe, als Geburtshelfer zu fungieren. Auch der Arzt, der ihn vertrat, hat deine Mutter nicht retten können, aber er hat dich gesund und unversehrt zur Welt gebracht. Und von diesem Augenblick an lief dein gesamtes Leben anders ab. Gewiß, ich habe deine Vergangenheit verändert - aber sie war zugleich meine Zukunft und deshalb veränderbar. Dem Himmel sei Dank für diese Besonderheit von Zeitreisen, denn sonst hätte ich dich nicht vor einem Leben im Rollstuhl retten können!«

Ein Windstoß ließ weitere Regentropfen gegen das Fenster prasseln, vor dem Laura stand.

»Danach habe ich dein Leben überwacht«, fuhr Stefan fort. »Von Mitte Januar bis Mitte März 1944 unternahm ich heimlich über dreißig Zeitreisen, um zu kontrollieren, wie es dir ging. Bei der vierten Reise ins Jahr 1964 entdeckte ich, daß du seit einem Jahr tot warst - daß der Junkie, der euer Geschäft überfiel, deinen Vater und dich erschossen hatte. Deshalb reiste ich ins Jahr 1963 und kam ihm zuvor.«

»Junkie?« fragte Chris verständnislos.

»Von dem erzähle ich dir später, Schatz.«

»Und bis Kokoschka dann eines Nachts auf dieser Bergstraße aufkreuzte«, berichtete Stefan weiter, »habe ich dir das Leben meiner Überzeugung nach ziemlich erfolgreich leichter gemacht. Trotzdem hat meine Einmischung deine künstlerischen Möglichkeiten nicht beeinträchtigt oder zu schlechteren Büchern als in dem anderen Leben geführt. Gut, du hast andere Romane geschrieben, die aber keineswegs schlechter sind, sondern Ausdruck derselben Kreativität.«

Laura, die weiche Knie hatte, kehrte zu ihrem Sessel zurück. »Aber weshalb? Warum hast du dir solche Mühe gegeben, mein Leben zu verändern?«

Stefan Krieger schaute kurz zu Chris hinüber, konzentrierte sich wieder auf Laura und schloß die Augen, als er dann antwortete. »Nachdem ich dich im Rollstuhl beim Signieren erlebt und deine Bücher verschlungen hatte, habe ich mich in dich verliebt ... hoffnungslos verliebt.«

Chris rutschte in seinem Sessel hin und her. Der Ausdruck solcher Gefühle machte ihn offensichtlich verlegen, wenn das Objekt der Zuneigung seine eigene Mutter war.

»Dein Geist ist noch schöner gewesen als dein Gesicht«, sagte Stefan leise. Seine Augen blieben geschlossen. »Ich habe mich in deinen großen Mut verliebt - vielleicht weil wahrer Mut in meiner Welt schneidiger uniformierter Fanatiker so selten war. Sie haben im Namen des deutschen Volkes Grausamkeiten verübt und das als Mut bezeichnet. Sie sind bereit gewesen, für ein unmenschliches totalitäres Ideal zu sterben, und haben das als Mut bezeichnet, obwohl es in Wirklichkeit haarsträubend dumm gewesen ist. Und ich habe mich in deine Würde verliebt, weil ich selbst keine besaß - weil ich nichts von der Selbstachtung hatte, die du ausstrahltest. Ich habe mich in dein Mitgefühl verliebt, das aus deinen Büchern sprach, denn in meiner Welt war es verdammt selten zu finden. Ich habe mich in dich verliebt, Laura, und erkannt, daß ich für dich tun konnte, was alle Liebenden tun würden, wenn sie Götterkräfte besäßen: Ich habe mein Bestes getan, um dir die schlimmsten Schicksalsschläge zu ersparen.«

Er öffnete endlich wieder die Augen.

Sie waren wunderschön blau. Und wirkten gequält.

Laura war ihm unendlich dankbar. Sie liebte Stefan nicht, denn sie kannte ihn kaum. Aber indem er sich zu seiner Liebe, zu seiner Leidenschaft bekannt hatte, die ihn dazu veranlaßt hatte, in ihr Schicksal einzugreifen und das Meer der Zeit zu überwinden, um mit ihr Zusammensein zu können, hatte er die magische Aura, die ihn aus ihrer früheren Sicht umgeben hatte, zumindest teilweise wiederhergestellt. Stefan erschien ihr wieder übermenschlich groß: ein Halbgott, wenn nicht sogar ein Gott, den seine selbstlose Bereitschaft, sich für sie einzusetzen, über gewöhnliche Sterbliche hinaushob.

In dieser Nacht teilte Chris sich das knarrende Doppelbett mit Stefan Krieger, während Laura auf den zwei zusammengerückten Sesseln zu schlafen versuchte.

Das beruhigende Rauschen des gleichmäßig fallenden Regens ließ Chris bald einschlafen. Sie hörte ihn leise schnarchen.

»Schläfst du?« fragte sie leise, nachdem sie ungefähr eine Stunde in der Dunkelheit dagesessen hatte.

»Nein«, antwortete Stefan sofort.

»Danny«, sagte Laura, »Mein Danny .«

»Ja?«

»Weshalb bist du nicht ...?«

»Noch einmal in diese Nacht im Januar 1988 gereist, um Kokoschka zu erschießen, bevor er Danny umbringen konnte?«

»Ja. Warum hast du’s nicht getan?«

»Weil das ... Hör zu: Da Kokoschka ebenfalls aus dem Jahr 1944 gekommen ist, sind die Ermordung Dannys und sein eigener Tod auch Bestandteil meiner Vergangenheit, die ich nicht verändern kann. Hätte ich versucht, zu einem früheren Zeitpunkt dieser Januarnacht zurückzukehren, um Kokoschka abzufangen, bevor er Danny erschießen konnte, hätte ich mich augenblicklich im Institut wiedergefunden, ohne eine Zeitreise gemacht zu haben: Die paradoxen entgegenwirkenden Naturkräfte hätten diese spezielle Zeitreise wirksam verhindert.«