Laura schwieg.
»Hast du das verstanden?« fragte Stefan.
»Ja.«
»Akzeptierst du diese Erklärung?«
»Ich werde seinen Tod niemals akzeptieren.«
»Aber ... du glaubst mir?«
»Ja, das tue ich wohl.«
»Laura, ich weiß, wie sehr du Danny Packard geliebt hast. Hätte ich ihn retten können - selbst wenn es mich das Leben gekostet hätte -, hätte ich’s getan. Ich hätte keine Sekunde gezögert.«
»Ich glaube dir«, sagte Laura, »denn ohne dich ... hätte ich Danny überhaupt nicht gehabt.«
»Der Weiße Aal«, sagte sie.
»Das Schicksal bemüht sich, ursprünglich vorgesehene Entwicklungslinien nachzuvollziehen«, antwortete Stefan aus dem Dunkel. »Als du acht Jahre alt warst, erschoß ich den Junkie, bevor er dich vergewaltigen und ermorden konnte - aber das Schicksal hat prompt einen weiteren Pädophilen aufgeboten, der zum Mörder werden sollte: Willy Sheener, den Weißen Aal. Aber das Schicksal hatte auch bestimmt, daß du trotz meiner Einmischung in dein Leben eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin werden würdest. Das ist eine gute Entwicklungslinie. Die Art und Weise, wie irgendeine Kraft zunichte gemachte Absichten des Schicksals doch noch durchzusetzen versucht, ist erschreckend und beruhigend zugleich ... fast als ob das Universum von einem höheren Wesen geleitet würde, das wir trotz seines Beharrens darauf, uns leiden zu lassen, als Gott bezeichnen könnten.«
Sie hörten eine Zeitlang zu, wie Wind und Regen die Welt draußen säuberten.
»Aber warum hast du mir den Aal nicht vom Leibe gehalten?« erkundigte Laura sich dann.
»Ich habe ihm eines Nachts in seinem Haus aufgelauert ...«
»Du hast ihn schrecklich verprügelt. Ja, ich hab’ gewußt, daß du das gewesen warst.«
»Ich habe ihn verprügelt und aufgefordert, die Finger von dir zu lassen. Ich habe ihm angedroht, ihn beim nächsten Mal totzuschlagen.«
»Aber die Tracht Prügel hat ihn nur in seinem Entschluß bestärkt, mich zu vergewaltigen. Warum hast du ihn nicht umgebracht?«
»Ja, das hätte ich tun sollen. Aber ... ich weiß nicht recht. Vielleicht hatte ich die vielen Tode, die ich miterlebt und mitverschuldet hatte, so satt, daß ich ... daß ich einfach hoffte, diesmal werde kein Mord nötig sein.«
Sie dachte an seine Welt aus Krieg, Konzentrationslagern und Völkermord und verstand, weshalb er gehofft hatte, nicht morden zu müssen, obwohl Sheener es kaum verdient hatte, am Leben gelassen zu werden.
»Aber weshalb hast du nicht eingegriffen, als Sheener mir bei den Dockweilers auflauerte?«
»Bei meiner nächsten Kontrolle warst du dreizehn Jahre alt und hattest Sheener selbst umgebracht, ohne sichtbaren Schaden zu nehmen, deshalb beschloß ich, in diesen Fall nicht einzugreifen.«
»Ich hab’s überlebt«, stellte sie fest, »aber Nina Dockweiler nicht. Wenn sie nicht heimgekommen und das Blut und die Leiche gesehen hätte, wäre sie vielleicht ...«
»Vielleicht«, sagte er. »Vielleicht auch nicht. Das Schicksal bemüht sich, den ursprünglichen Plan wiederherzustellen. Vielleicht wäre sie trotzdem gestorben. Außerdem hätte ich dich nicht vor jedem Schaden bewahren können, Laura. Dazu hätte ich zehntausend Zeitreisen machen müssen. Und soviel Einmischung wäre dir vielleicht nicht gut bekommen. Ohne die Widerstände, die du in deinem Leben hast überwinden müssen, wärst du vielleicht nicht die Frau geworden, in die ich mich verliebt habe.«
Dann herrschte Schweigen zwischen ihnen.
Sie horchte auf den Wind, den Regen.
Sie horchte auf ihren Herzschlag.
Schließlich sagte sie: »Ich liebe dich nicht.«
»Das verstehe ich.«
»Ich sollte dich aber lieben - wenigstens ein bißchen.«
»Du kennst mich eigentlich noch gar nicht.«
»Vielleicht kann ich dich niemals lieben.«
»Ja, ich weiß.«
»Obwohl du soviel für mich getan hast.«
»Ich weiß. Aber wenn wir diese Geschichte überleben ... nun, später haben wir noch viel Zeit.«
»Ja«, stimmte sie zu. »Wir haben noch viel Zeit.«
Gefährte der Nacht
1
Am 18. März 1944, einem Samstag, bereiteten SS-Obersturmführer Erich Klietmann und die zu seinem Trupp gehörenden drei Männer mit Spezialausbildung sich auf eine Reise in die Zukunft vor, um Krieger, die Frau und den Jungen zu liquidieren. Sie waren wie junge kalifornische Manager des Jahres 1989 angezogen: Anzüge mit Nadelstreifenmuster von Yves St. Laurent, weiße Hemden, dunkle Krawatten, schwarze Socken, schwarze Bally-Slipper und Ray-Ban-Sonnenbrillen, falls das Wetter sie erforderlich machte. Man hatte ihnen gesagt, dies werde in der Zukunft als »Power Look« bezeichnet, und obwohl Klietmann nicht genau wußte, was das bedeutete, gefiel ihm allein schon der Klang. Ihre Sachen waren von Mitarbeitern des Instituts auf früheren Reisen gekauft worden; sie hatten nichts Anachronistisches am Leib.
Darüber hinaus trug jeder der vier einen Mark-CrossAktenkoffer - ein elegantes Modell aus Kalbsleder mit vergoldeten Schlössern. Auch die Aktenkoffer waren wie die in ihnen enthaltenen Uzis mitsamt den Reservemagazinen aus der Zukunft mitgebracht worden.
Ein Forscherteam des Instituts hatte sich zufällig in den Vereinigten Staaten aufgehalten, als John Hinckley sein Attentat auf Ronald Reagan verübte. In Fernsehaufzeichnungen hatten ihnen die in Aktenkoffern mitgeführten kompakten Maschinenpistolen der Leibwächter des Präsidenten sehr imponiert. Die Geheimdienstagenten hatten nur wenige Sekunden gebraucht, um mit diesen Waffen feuerbereit zu sein. Also war die Uzi nicht nur bei Polizei und Streitkräften vieler Staaten des Jahres 1989 eingeführt, sondern auch die bevorzugte Waffe zeitreisender SS-Kommandos.
Erich Klietmann hatte viel mit der Uzi geübt. Er brachte dieser Waffe ebensoviel Zuneigung entgegen, wie er sie je einem menschlichen Wesen entgegengebracht hatte. Ihn störte lediglich, daß sie in Israel konstruiert worden war und dort hergestellt wurde: das Produkt einer Bande von Juden. Andererseits würde die neue Institutsleitung wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen die Einführung der Uzi auch im Jahr 1944 genehmigen. Mit ihr ausgerüstete deutsche Soldaten würden dann noch besser imstande sein, die Horden von Untermenschen abzuwehren, die das Reich bedrohten.
Klietmann warf einen Blick auf die Uhr im Programmierpult und stellte fest, daß sieben Minuten verstrichen waren, seitdem das Forscherteam zum 15. Februar 1989 in Kalifornien aufgebrochen war. Dort sollten sie vor allem Zeitungsmeldungen einsehen, um festzustellen, ob Krieger, die Frau und der Junge in dem Monat nach den Schießereien bei Big Bear und in San Bernardino von der Polizei festgenommen und verhört worden waren. Danach würden sie ins Jahr 1944 zurückkehren, um Klietmann mitzuteilen, wann und wo Krieger und die Frau anzutreffen sein würden. Da jede Zeitreise unabhängig von der Verweildauer am Zielort genau elf Minuten dauerte, brauchten Klietmann und sein Trupp nur noch vier Minuten zu warten.
2
Der 12. Januar 1989, ein Donnerstag, war Lauras 34. Geburtstag, den sie in ihrem Zimmer im »The Bluebird of Happiness« verbrachten. Stefan brauchte einen weiteren Tag Erholung, um wieder zu Kräften zu kommen und das Penicillin wirken zu lassen. Außerdem brauchte er Zeit zum Nachdenken: Er mußte einen Plan zur Zerstörung des Instituts entwerfen, und dieses knifflige Problem war nur durch stundenlange Konzentration zu lösen.
Der Regen hatte aufgehört, aber die bleigrauen Wolken sahen noch immer regenschwer aus. Laut Wetterbericht sollte bis Mitternacht der nächste Sturm folgen.
Die Fernsehlokalnachrichten um 17 Uhr brachten einen Bericht über Laura und Chris und den geheimnisvollen Verletzten, mit dem sie bei Dr. Brenkshaw gewesen waren. Die Polizei fahndete noch immer nach ihr und vermutete, die Drogenhändler, die ihren Mann erschossen hatten, seien hinter ihr und ihrem Sohn her, weil sie Angst hatten, eines Tages doch bei einer Gegenüberstellung von ihr identifiziert zu werden - oder weil Laura selbst irgendwie in den Drogenhandel verwickelt war.