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»Gut, nehmen wir mal an, die Sache ließe sich ohne Gefahr für Thelma arrangieren«, sagte sie schließlich. »Aber was ist, wenn die SS sie beschattet? Sie müssen wissen, daß Thelma meine beste Freundin ist - meine einzige wirkliche Freundin. Ist da nicht zu befürchten, daß sie eines ihrer Teams in die Zukunft schicken, um Thelma in der Hoffnung überwachen zu lassen, von ihr zu mir geführt zu werden?«

»Nein, das wäre unnötig viel Aufwand«, widersprach Stefan.

»Sie können Aufklärungstrupps in die Zukunft entsenden, um Monat für Monat alle Zeitungen daraufhin überprüfen zu lassen, wann du wieder aufgetaucht bis. Vergiß nicht, daß jede dieser Zeitreisen für sie nur elf Minuten dauert: Es ist nicht nur eine schnelle Methode, sondern sie muß irgendwann zum Erfolg führen, weil nicht anzunehmen ist, daß es uns gelingen wird, uns für den Rest unseres Lebens zu verstecken.«

»Nun .«

Stefan wartete lange. »Hör zu, ihr seid wie Schwestern, nicht wahr? Und wen willst du sonst um Hilfe bitten, wenn du dich in dieser Notlage nicht an eine Schwester wenden kannst, Laura?«

»Wenn wir uns Thelmas Unterstützung sichern können, ohne sie dabei zu gefährden ... Gut, wir müssen’s versuchen.«

»Gleich morgen früh«, sagte er.

Die Nacht blieb regnerisch, und Regen füllte Lauras Träume, in denen es auch blitzte und donnerte. Sie schrak entsetzt hoch, aber die Regennacht in Santa Ana wurde nicht von solchen gleißend hellen, ohrenbetäubend lauten Gefahrensignalen zerrissen. Das Unwetter war ein Platzregen ohne Blitz, Donner und Sturm. Aber sie wußte, daß dies nicht immer der Fall sein würde.

3

Die Apparaturen summten und klickten, Erich Klietmann schaute erneut auf die Uhr. In nur drei Minuten würde der Aufklärungstrupp ins Institut zurückkehren.

Zwei Wissenschaftler - die Nachfolger Penlowskis, Januskys und Wolkows - standen am Programmierpult und überwachten die zahllosen Anzeigen.

Der Raum war künstlich beleuchtet, denn die Fenster waren nicht nur verdunkelt, damit kein Lichtschein ins Freie fallen und feindliche Nachtbomber anlocken konnte, sondern aus Sicherheitsgründen sogar zugemauert. Die Luft roch abgestanden und leicht modrig.

SS-Obersturmführer Klietmann, der sich in einer Ecke des Labors bereithielt, sah seiner Zeitreise aufgeregt entgegen -nicht nur wegen der Wunder des Jahres 1989, sondern vor allem auch, weil dieser Auftrag ihm Gelegenheit gab, dem Führer zu dienen, wie nur wenige es konnten. Falls es ihm gelang, Krieger, die Frau und den Jungen unschädlich zu machen, winkte ihm ein persönliches Gespräch mit dem Führer, die Gelegenheit, den großen Mann aus nächster Nähe zu sehen, seinen Händedruck zu spüren und darin die gewaltige Macht des Deutschen Reichs, des deutschen Volks und seiner Geschichte zu führen. Für diese Chance, die Aufmerksamkeit des Führers auf sich zu lenken, hätte der Obersturmführer zehnmal, tausendmal den Tod riskiert: die Chance, Hitler auf sich aufmerksam zu machen, damit dieser ihn nicht nur als irgendeinen SS-Führer, sondern als Erich Klietmann, den Retter des Vaterlandes, zur Kenntnis nahm.

Klietmann entsprach nicht ganz dem arischen Ideal und war sich seiner Mängel schmerzhaft bewußt. Sein Großvater mütterlicherseits war Pole gewesen: ein slawischer Untermensch, so daß Klietmann nur zu drei Vierteln Deutscher war. Und obwohl seine übrigen Großeltern ebenso wie seine Eltern blond, blauäugig und nordisch gewesen waren, hatte Erich die braunen Augen, das dunkle Haar und die schwereren, sinnlicheren Gesichtszüge seines barbarischen Großvaters geerbt. Er haßte seine Erscheinung und versuchte diese körperlichen Mängel dadurch wettzumachen, daß er der fanatischste Nazi, der tapferste Soldat und der glühendste Anhänger Hitlers in der gesamten Schutzstaffel war, was wegen der starken Konkurrenz auf diesem Gebiet nicht einfach war. Manchmal hatte Klietmann fast daran gezweifelt, sich jemals Ruhm erwerben zu können. Aber er hatte nie aufgegeben und stand jetzt vor Heldentaten, die ihm den Einzug in Walhall sichern würden.

Stefan Krieger wollte er persönlich liquidieren - nicht nur um sich das Lob des Führers zu verdienen, sondern auch, weil Krieger dem arischen Ideal entsprach: Er war blond, blauäugig, nordisch und aus guter, erbgesunder Familie. Trotz all dieser Vorteile hatte Krieger den Führer verraten - und das machte Erich Klietmann wütend, weil er unter der Last unreiner Erbanlagen nach Größe streben mußte.

Jetzt - etwas über zwei Minuten vor der Rückkehr des Aufklärungstrupps aus dem Jahre 1989 - betrachtete Klietmann seine Untergebenen, die alle als Führungskräfte einer anderen Ära gekleidet waren, und empfand einen so wilden und sentimentalen Stolz auf sie, daß ihm fast Tränen in die Augen gestiegen wären.

Sie alle stammten aus einfachsten Verhältnissen. Unterscharführer Felix Hubatsch, Klietmanns Stellvertreter, war der Sohn eines trunksüchtigen Drehers und einer Schlampe, die er beide haßte; Rottenführer Rudolf Stein war der Sohn eines Kleinbauern, dessen lebenslängliches Versagen ihm peinlich war; und Rottenführer Martin Bracher war als Waise bei Verwandten aufgewachsen. Obwohl Oberleutnant Klietmann und seine drei Untergebenen aus entgegengesetzten Himmelsrichtungen des Reichs stammten, hatten sie etwas gemeinsam, das sie zu Brüdern machte: Sie wußten, daß die reinste und tiefste Beziehung eines Mannes nicht seiner Familie galt, sondern dem Staat, dem Vaterland und ihrem Führer, der das Vaterland verkörperte. Der Staat war die einzige wichtige Familie: Dieses schlichte Wissen erhob sie über andere und machte sie zu würdigen Vätern einer zukünftigen Rasse von Übermenschen.

Klietmann berührte seine Augenwinkel unauffällig mit dem Daumen und wischte die entstehenden Tränen weg, die er nicht ganz hatte unterdrücken können.

In einer Minute würde der Aufklärungstrupp zurückkehren.

Die Apparaturen klickten und summten.

4

Am 13. Januar 1989, einem Freitag, gegen 15 Uhr fuhr ein weißer Lieferwagen auf den regennassen Motelparkplatz, hielt auf die hinterste Ecke zu und parkte dort neben einem Buick, dessen Kennzeichen von einem Nissan stammten. Das Fahrzeug war fünf oder sechs Jahre alt. Die Beifahrertür war eingebeult und wies Roststellen auf. Der Autobesitzer schien dabei zu sein, den Lieferwagen Stück für Stück zu überholen, denn die Karosserie war an einigen Stellen abgeschliffen und grundiert, aber noch nicht wieder lackiert worden.

Laura beobachtete den Wagen durch einen Spalt zwischen den Vorhängen ihres Motelzimmers. Unterhalb des Fensterbretts hielt sie in ihrer rechten Hand die Uzi.

Die Scheinwerfer des Lieferwagens erloschen, seine Scheibenwischer wurden abgestellt. Im nächsten Augenblick stieg eine Blondine mit krauser Mähne aus und kam auf Lauras Zimmertür zu. Sie klopfte dreimal.

Chris, der neben der Tür stand, warf seiner Mutter einen fragenden Blick zu.

Laura nickte.

Er öffnete die Tür und sagte: »Hallo, Tante Thelma. Mann, ist das ‘ne scheußliche Perücke!«

Thelma kam herein und drückte Chris lachend an sich. »Vielen Dank auch! Und was würdest du sagen, wenn du von mir zu hören bekämst, daß du eine gräßliche Nase hast, die dir aber bleibt, während ich meine Perücke abnehmen kann? Na, was würdest du dazu sagen?«

Chris kicherte. »Nichts. Ich weiß, daß ich eine niedliche Nase habe.«

»Eine niedliche Nase? Großer Gott, Kleiner, du bist eingebildet wie ein Schauspieler.« Sie ließ ihn los, sah kurz zu Stefan Krieger hinüber, der in der Nähe des Fernsehers in einem Sessel saß, und wandte sich an Laura. »Shane, hast du die Rostlaube gesehen, mit der ich vorgefahren bin? Ist das nicht clever? Als ich in meinen Mercedes steigen wollte, habe ich mir gesagt: Thelma, hör zu, Thelma, erregt es nicht unerwünschte Aufmerksamkeit, wenn du in diesem schäbigen Motel mit einem Siebzigtausend-Dollar-Auto vorfährst? Ich wollte mir den Wagen des Butlers leihen, aber weißt du, was er fährt? Einen Jaguar! Ist Beverly Hills die Twilight Zone oder was? Zuletzt hab’ ich mir den Lieferwagen des Gärtners geliehen. Und jetzt bin ich hier - und wie findest du meine Aufmachung?«