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Sie trug eine blonde Kraushaarperücke, auf der Regentropfen glitzerten, eine Hornbrille und aufgesetzte falsche Vorderzähne.

»So siehst du weit besser aus«, behauptete Laura grinsend.

Thelma nahm ihre falschen Zähne heraus. »Hör zu, nachdem ich mir einen Wagen beschafft hatte, der keine Aufmerksamkeit erregen würde, ist mir klargeworden, daß ich selbst als Star immer für Aufsehen sorge. Und da die Medien bereits ausgekundschaftet haben, daß wir Freundinnen sind, und auch versucht haben, mich nach der berühmten Schriftstellern Laura Shane alias MP-Laura auszufragen, beschloß ich, inkognito zu erscheinen.« Sie ließ das Gebiß und ihre Handtasche aufs Bett fallen. »Diese Aufmachung stammt noch aus meiner Nachtclubzeit, als ich ‘ne neue Figur ausprobieren wollte. Ich hab’ sie ungefähr achtmal im >Bally’s< in Vegas auf die Bühne gebracht. Ein Riesenflop, kann ich dir sagen! Das Publikum war widerlich, Shane, es hat ...«

Dann verstummte sie plötzlich mitten in ihrem Geplauder, brach in Tränen auf, stürzte auf Laura zu und schloß sie in die Arme. »Mein Gott, Laura, ich hab’ solche Angst gehabt, solche Angst! Als ich von San Bernardino, Maschinenpistolen und dem Zustand deines Hauses bei Big Bear hörte, hab’ ich gedacht, du ... oder vielleicht Chris ... Ich hab’ mir solche Sor-gen gemacht .«

Laura hielt ihre Freundin fest umarmt. »Ich erzähle dir alles noch, aber im Augenblick ist nur wichtig, daß wir heil und gesund sind - und vielleicht sogar einen Ausweg aus unserer gegenwärtigen Misere wissen.«

»Warum hast du mich nicht angerufen, du blöde Kuh?«

»Ich habe dich angerufen.«

»Aber erst heute morgen! Zwei Tage nachdem du Schlagzeilen gemacht hattest! Ich habe beinahe durchgedreht.«

»Entschuldige, Thelma. Ich hätte wirklich früher anrufen sollen. Aber ich wollte möglichst verhindern, daß du in diese Sache hineingezogen wirst.«

Thelma ließ sie widerstrebend los. »Ich bin unvermeidlich tief und hoffnungslos in diesen Fall verwickelt, weil er dich betrifft, Dummkopf!« Sie zog ein Kleenex aus einer Tasche ihrer Wildlederjacke und tupfte sich damit die Augen ab.

»Hast du noch eines?« fragte Laura.

Thelma gab ihr ein Kleenex, und sie putzten sich beide die Nase.

»Wir waren auf der Flucht, Tante Thelma«, meldete sich Chris zu Wort. »Auf der Flucht ist’s nicht leicht, Kontakt zu anderen Leuten zu halten.«

Thelma holte schaudernd tief Luft. »Wo bewahrst du also deine Sammlung abgetrennter Köpfe auf, Shane? Hier im Bad? Soviel ich weiß, hast du in San Bernardino einen zurückgelassen. Schlamperei. Ist das dein neues Hobby - oder hast du schon immer was für die Schönheit des menschlichen Kopfes ohne seine ganzen häßlichen Anhängsel übriggehabt?«

»Ich möchte dich mit jemandem bekannt machen«, sagte Laura. »Thelma Ackerson, das hier ist Stefan Krieger.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Thelma.

»Entschuldigen Sie bitte, daß ich nicht aufstehe«, antwortete Stefan, »aber ich bin noch ziemlich schwach auf den Beinen.«

»Wenn Sie diese Perücke entschuldigen können, kann ich alles entschuldigen.« Thelma sah fragend zu Laura hinüber. »Ist er der, für den ich ihn halte?«

»Ja.«

»Dein Beschützer?«

»Ja.«

Thelma trat auf Stefan zu und gab ihm zwei feuchte Wangenküsse. »Ich hab keine Ahnung, woher Sie kommen oder wer zum Teufel Sie sind, Stefan Krieger, aber ich liebe Sie dafür, daß Sie meiner Laura so oft geholfen haben.« Sie setzte sich neben Chris ans Bettende. »Shane, dieser Mann ist ein Prachtexemplar! Ich möchte wetten, daß du ihn angeschossen hast, damit er nicht mehr abhauen konnte. Er sieht genau so aus, wie ich mir einen Schutzengel vorstelle.« Stefan war sichtlich verlegen, aber Thema war nicht mehr zu bremsen. »Sie sehen wirklich verdammt gut aus, Krieger. Ich kann’s kaum erwarten, mehr über Sie zu hören. Aber hier ist erst mal das Geld, das ich mitbringen sollte, Shane.« Sie öffnete ihre geräumige Handtasche und zog einen dicken Packen Hundertdollarscheine heraus.

»Thelma, ich habe dich um viertausend gebeten«, sagte Laura, nachdem sie das Geld flüchtig gezählt hatte. »Das hier ist mindestens das Doppelte!«

»Zehn- oder zwölftausend, glaube ich.« Thelma blinzelte Chris zu. »Wenn meine Freunde auf der Flucht sind, bestehe ich darauf, daß sie Erster Klasse reisen.«

Thelma hörte sich die Geschichte ohne eine einzige ungläubige Zwischenfrage an. Als Stefan ihre Aufgeschlossenheit lobte, wehrte sie ab: »He, für jemand, der einmal im McIllroy Home und in Caswell Hall gelebt hat, enthält das Universum keine Überraschungen mehr. Zeitreisende aus dem Jahre 1944? Pah! Im McIllroy hätte ich dir ‘ne Frau so groß wie ein Sofa zeigen können, die Kleider aus scheußlichen Polsterstoffen trug und im öffentlichen Dienst ein hübsches Gehalt dafür bezog, daß sie Kinder wie Dreck behandelte. Das nenne ich überraschend!« Stefans Herkunft beeindruckte Thelma sichtlich, und ihr gruselte bei dem Gedanken an die Falle, in der sie steckten, aber selbst unter diesen Umständen blieb sie Thelma Ackerson, die allem etwas Komisches abzugewinnen versuchte.

Kurz nach 18 Uhr schob Thelma wieder die falschen Vorderzähne über ihre richtigen und ging los, um aus einem mexikanischen Restaurant in der Nähe Essen zu holen. »Auf der Flucht vor der Polizei braucht ihr Bohnen im Bauch - Essen für harte Männer.« Sie kam mit regennassen Tüten mit Tacos, Behältern mit Enchiladas, zwei Portionen Nachos, Burritos und Chimichangas zurück. Sie breiteten alles auf der unteren Betthälfte aus, Thelma und Chris setzten sich ans Kopfende, Laura und Stefan saßen am Fußende in den beiden Sesseln.

»Thelma«, sagte Laura, »das Essen reicht für zehn!«

»Nun, ich hab mir ausgerechnet, daß es für uns und die Schaben reichen dürfte. Wenn wir die Schaben nicht füttern, werden sie vielleicht böse, gehen ‘raus und stürzen den Wagen meines Gärtners um. Hier gibt’s doch Schaben, oder? Ich meine, ein Klassemotel wie dieses ohne Schaben wäre wie Beverly Hills ohne Baumratten.«

Während sie aßen, schilderte Stefan ihr seinen Plan zur Schießung des Tors und Zerstörung des Instituts. Thelma machte anfangs noch scherzhafte Zwischenbemerkungen, aber als er fertig war, war sie längst ernst geworden. »Das ist verdammt gefährlich, Stefan. So gewagt, daß es wahrscheinlich schon verrückt ist.«

»Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Das sehe ich ein«, bestätigte sie. »Wie kann ich euch behilflich sein?«

»Du mußt uns den Computer kaufen, Tante Thelma«, antwortete Chris, der sich eben eine Portion Mais-Chips in den Mund schieben wollte.

»Den besten PC von IBM, mit dem ich auch zu Hause arbei-te, weil ich bei dem weiß, wie die Software anzuwenden ist«, sagte Laura. »Wir haben keine Zeit, uns ins Betriebsverfahren eines unbekannten Geräts einzuarbeiten. Ich habe dir alles aufgeschrieben. Mit dem Geld, das du mitgebracht hast, könnte ich den PC selbst kaufen, aber ich möchte mich nicht zuviel in der Öffentlichkeit zeigen.«

»Und wir brauchen ein Versteck.«

»Hier können wir nicht bleiben«, warf Chris ein, der offenbar stolz darauf war, an der Diskussion teilnehmen zu dürfen, »wenn wir mit dem Computer arbeiten wollen. Das Zimmermädchen würde ihn sehen, auch wenn wir versuchen würden, ihn zu verstecken, und darüber reden, weil’s irgendwie verrückt ist, wenn Leute sich mit einem Computer in ein Motel zurückziehen.«

»Laura hat mir erzählt, daß ihr - dein Mann und du - ein zweites Haus in Palm Springs habt«, sagte Stefan.