Выбрать главу

»Wir haben ein Haus in Palm Springs, eine Eigentumswohnung in Monterey, eine weitere in Vegas ... und mich würd’s nicht wundern, wenn wir einen eigenen Vulkan auf Hawai -oder zumindest Zeitwohnrechte darin - besäßen. Mein Mann hat einfach zuviel Geld. Sucht euch was aus! Meine Häuser sind eure Häuser. Ich kann’s nur nicht leiden, wenn Gäste die Handtücher benützen, um die Radkappen ihrer Autos zu polieren, und wer Tabak kauen und auf den Boden spucken muß, wird gebeten, sich auf die Zimmerecken zu beschränken.«

»Das Haus in Palm Springs dürfte am besten geeignet sein«, entschied Laura. »Soviel du mir erzählt hast, liegt es ziemlich abgelegen.«

»Auf einem großen Grundstück mit vielen Bäumen«, bestätigte Thelma. »Und die Nachbarn sind im Show-biz tätig und so überbeschäftigt, daß nicht zu befürchten ist, sie könnten zu ‘ner Tasse Kaffee rüberkommen. Dort seid ihr völlig ungestört.«

»Gut«, sagte Laura. »Aber das ist leider noch nicht alles. Wir brauchen Kleidung, bequeme Schuhe und verschiedene andere Dinge. Ich habe eine Liste mit den entsprechenden Größen zusammengestellt. Und wenn dann alles vorbei ist, bekommst du das Geld zurück, das du für uns ausgelegt hast.«

»Worauf du dich verlassen kannst, Shane! Mit vierzig Prozent Zinsen. Pro Woche. Stündlich berechnet. Und dein Kind gehört mir!«

Chris mußte lachen. »Meine Tante Rumpelstilzchen.«

»Sobald du mein Kind bist, machst du keine frechen Bemerkungen mehr, Christopher Robin. Oder du nennst mich wenigstens Mutter Rumpelstilzchen, Sir!«

»Mutter Rumpelstilzchen, Sir!« wiederholte Chris millitä-risch grüßend.

Gegen 20.30 Uhr war Thelma mit den aufnotierten Details, den Computer betreffend, und Lauras Einkaufsliste abfahrtbereit. »Ich komme morgen nachmittag so früh wie möglich zurück«, versprach sie, während sie Laura und Chris zum letzten Mal umarmte. »Seid ihr hier wirklich sicher, Shane?«

»Bestimmt, Thelma. Hätten sie entdeckt, wo wir uns aufhalten, wären sie längst aufgekreuzt.«

»Vergiß nicht, daß wir’s mit Zeitreisenden zu tun haben, Thelma«, warf Stefan ein. »Wüßten sie, wo wir stecken, könnten sie eine Reise zum Zeitpunkt unserer Ankunft unternehmen. Sie hätten uns sogar auflauern können, als wir am Mittwoch hier ankamen. Die Tatsache, daß wir hier so lange unbe-lästigt geblieben sind, beweist ziemlich sicher, daß dieses Versteck niemals bekanntgeworden ist.«

»In meinem Kopf dreht sich alles«, sagte Thelma. »Und ich hab’ mir immer eingebildet, ein großer Filmvertrag sei kompliziert!«

Sie trat mit Hornbrille und Kraushaarperücke in die regnerische Nacht hinaus - die falschen Vorderzähne hatte sie in der Handtasche - und fuhr mit dem Wagen ihres Gärtners weg.

Laura, Chris und Stefan sahen ihr durchs große Fenster nach.

»Sie ist schon was Besonderes«, sagte Stefan.

»Ja, sehr,« bestätigte Laura. »Ich kann nur hoffen, daß ich sie nicht gefährdet habe.«

»Keine Angst, Mom«, sagte Chris. »Tante Thelma ist ‘n harter Knochen. Das sagt sie doch immer selber.«

Am gleichen Abend fuhr Laura gegen 21 Uhr zu Fat Jack nach Anaheim. Der Regen hatte nachgelassen und war zu einem stetigen Nieseln geworden. Die Asphaltdecken der Straßen glitzerten silbern-schwarz, und durch die Rinnsteine floß Regenwasser, das im eigenartigen Licht der Natriumdampflampen wie Öl aussah. Inzwischen war auch Nebel aufgekommen -nicht mit zarten Schleiern beginnend, sondern gleich in dichten Schwaden heranziehend.

Sie hatte Stefan nur ungern im Motel zurückgelassen. Aber in seinem geschwächten Zustand durfte er sich nicht in diese kühle, regnerische Januarnacht hinauswagen. Außerdem hätte er Laura ohnehin nicht helfen können.

Dafür hatte Laura Chris mitgenommen, denn sie wollte nicht so lange von ihm getrennt sein, als es dauern würde, den Waffenhandel abzuschließen. Chris hatte sie schon vor einem Jahr begleitet, als sie bei Fat Jack gewesen war, um umgebaute Uzis zu kaufen, so daß der Dicke sich nicht über seine Anwesenheit wundern würde. Fat Jack würde ungehalten sein, denn er hatte nichts für Kinder übrig, aber er würde Chris’ Anwesenheit akzeptieren.

Unterwegs sah Laura häufig in ihre drei Rückspiegel und beobachtete die anderen Autofahrer in ihrer Nähe mit einer Aufmerksamkeit, die dem Ausdruck »defensive Fahrweise« neue Dimension verlieh. Sie konnte es sich nicht leisten, von irgendeinem Trottel, der für diese Straßenverhältnisse zu schnell fuhr, gerammt zu werden. Die Polizei würde am Unfallort erscheinen und routinemäßig die Kennzeichen überprüfen, und noch bevor Laura festgenommen werden würde, würden Männer mit Maschinenpistolen aus dem Nichts auftauchen und sie und Chris erschießen.

Ihre eigene Uzi hatte sie trotz Stefans Protests im Motel zurückgelassen. Um sich notfalls verteidigen zu können, war sie jedoch mit dem Chiefs Special Kaliber 38 bewaffnet. Und in den Reißverschlußtaschen ihrer Daunenjacke steckten 50 Schuß Revolvermunition.

Als die neongrelle Phantasmagorie von »Fat Jack’s Pizza Party Palace« wie ein in »Unheimliche Begegnungen der dritten Art« in selbsterzeugten Wolken schwebendes Raumschiff aus dem Nebel auftauchte, atmete Laura erleichtert auf. Sie fuhr auf den überfüllten Parkplatz, fand eine Lücke und stellte den Motor ab. Die Scheibenwischer hörten zu arbeiten auf, und Regenwasser floß in Bächen über die Windschutzscheibe. Rote, blaue, orangerote, gelbe, grüne, weiße, purpurrote und rosa Reflexionen von Leuchtstoffröhren spiegelten sich in dieser fließenden Wasserschicht, so daß Laura das seltsame Gefühl hatte, im Inneren einer dieser altmodischen neonbunten Musicboxen aus den fünfziger Jahren zu sitzen.

»Fat Jack hat noch mehr Lichtreklamen als letztes Jahr«, stellte Chris fest.

»Da kannst du recht haben«, sagte Laura.

Sie stiegen aus und sahen zu der blinkenden, blitzenden, wabernden, zuckenden, schmerzhaft gleißenden Fassade von »Fat Jack’s Pizza Party Palace« auf. Nicht nur der Name des Lokals leuchtete in Neonbuchstaben, sondern Leuchtstoffröhren zeichneten auch die Linien des Gebäudes, das Dach, sämtliche Fenster und die Eingänge nach. Darüber hinaus war der vordere Giebel mit einer riesigen Neonsonnenbrille verziert, während auf dem hinteren ein gigantisches Neonraumschiff startbereit auf einem glitzernden und funkelnden Abgasstrahl stand. Die Neonpizza mit drei Meter Durchmesser war alt, aber das grinsende Neonclownsgesicht war neu hinzugekommen.

Das Neonlicht war so gleißend hell, daß jeder fallende Regentropfen bunt aufleuchtete, als wäre er ein Teil eines bei Einbruch der Dunkelheit zersplitterten Regenbogens. Die Pfützen schimmerten in sämtlichen Regenbogenfarben.

Die Gesamtwirkung war desorientierend - aber sie bereitete den Besucher aufs Innere von »Fat Jack’s Pizza Party Palace« vor, das an das Chaos erinnerte, aus dem vor Äonen das Universum entstanden sein mußte. Die Kellner und Serviererinnen waren als Clowns, Gespenster, Piraten, Raumfahrer, Hexen, Zigeuner und Vampire verkleidet, ein Gesangstrio im Bärenkostüm zog von Tisch zu Tisch und begeisterte die mit Pizzasauce bekleckerten kleinen Gäste. In Nischen an den Seiten des Hauptlokals saßen ältere Kinder vor langen Reihen von Videospielen, so daß das Piep-peng-zap-bong! dieser elektronischen Spiele das Hintergrundgeräusch für die singenden Bären und die kreischenden Kleinen bildete.

»Irrenhaus!« sagte Chris.

Hinter dem Eingang kam ihnen Dominick entgegen, Fat Jacks Geschäftsführer und stiller Teilhaber. Dominick war groß und sehr hager; er hatte traurige Augen und schien inmitten der allgemeinen Heiterkeit fehl am Platz zu sein.

Laura mußte laut sprechen, um verstanden zu werden. Sie fragte nach Fat Jack und fügte hinzu: »Ich habe vorhin angerufen. Ich bin eine alte Freundin seiner Mutter.« Damit deutete sie an, daß sie keine Pizza, sondern Waffen kaufen wollte.