Dominick hatte gelernt, sich verständlich zu machen, ohne schreien zu müssen. »Sie sind schon mal hier gewesen, glaub’ ich.«
»Tolles Gedächtnis«, sagte sie anerkennend. »Vor ungefähr einem Jahr.«
»Kommen Sie bitte mit«, verlangte Dominick mit Grabesstimme.
Sie brauchten nicht durch die schrille Hektik des Hauptlokals zu gehen, was nur gut war, weil Laura auf diese Weise nicht riskierte, von irgend jemandem erkannt zu werden. Eine Tür, zu der nur Dominick einen Schlüssel hatte, führte vom Vorraum in einen Seitenflur und an Küche und Kühlraum vorbei zu Fat Jacks Privatbüro. Dominick klopfte an, schob die beiden vor sich her über die Schwelle und sagte: »Alte Freunde deiner Mutter.« Dann zog er sich zurück und ließ Laura und Chris mit dem Dicken allein.
Fat Jack nahm seinen Spitznamen ernst und bemühte sich, ihm zu entsprechen. Er war 1,75 Meter groß und wog gut 160 Kilogramm. In seiner riesigen grauen Trainingshose und dem hauteng sitzenden Sweatshirt sah er wie der Dicke auf dem gummierten Photo aus, das Diätwillige kauften und zur Abschreckung an ihren Kühlschrank klebten. Tatsächlich sah er wie der Kühlschrank aus.
Er thronte in einem Ledersessel hinter einem seiner Leibesfülle entsprechenden Schreibtisch und blieb sitzen. »Hören Sie sich diese kleinen Bestien an!« Er ignorierte Chris und sprach nur mit Laura. »Ich habe mein Büro in den hintersten Teil des Gebäudes verlegt und eigens gegen Schall dämmen lassen -und trotzdem höre ich sie dort draußen kreischen und quietschen. Als ob ich mein Büro gleich neben der Hölle hätte!«
»Das sind nur Kinder, die sich amüsieren«, sagte Laura, die mit Chris vor seinem Schreibtisch stand.
»Und Mrs. Leary ist bloß ‘ne alte Dame mit ‘ner dummen Kuh gewesen, aber sie hat trotzdem Chicago angezündet«, sagte Fat Jack verdrießlich. Er aß einen Mars-Riegel. Im Hintergrund schwollen die durch Schalldämmaterial stark gedämpften Kinderstimmen zu einem dumpfen Crescendo an, und der Dicke sagte, als spreche er mit dieser unsichtbaren Menge: »Ah, ersticken sollt ihr daran, ihr kleinen Kobolde!«
»Das reinste Tollhaus dort draußen«, warf Chris ein.
»Wer hat dich gefragt?«
»Niemand, Sir.«
Fat Jack hatte einen pockennarbigen Teint und stechende graue Augen, die fast in seinem Puffotterngesicht verschwanden. Jetzt nickte er Laura zu und erkundigte sich: »Haben Sie mein neues Neon gesehen?«
»Der Clown ist neu, stimmt’s?«
»Genau! Ein Klassestück, was? Ich hab’ ihn selbst entworfen und mitten in der Nacht anbringen lassen, damit am nächsten Morgen keiner mehr ‘ne Einstweilige Verfügung erwirken konnte, um die Anbringung zu verhindern. Die gottverdammten Stadträte hat beinah der Schlag getroffen - alle auf einmal!«
Mit Stadtrat und Stadtverwaltung von Anaheim lag Fat Jack seit über einem Jahrzehnt im juristischen Clinch. Die zuständigen Stellen mißbilligten seine grellen Leuchtreklamen - vor allem in letzter Zeit, seitdem das Gebiet um Disneyland städtebaulich aufgewertet werden sollte. Fat Jack hatte Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende für Gerichtsverfahren ausgegeben, hatte Geldstrafen bezahlt, war verklagt worden, hatte seinerseits geklagt und war wegen Mißachtung des Gerichts sogar zu Haftstrafen verurteilt worden. Er war ein ehemaliger Liberaler, der jetzt ein Anarchist zu sein behauptete und als freidenkendes Individuum keinerlei Beeinträchtigung seiner - wirklichen oder nur angemaßten - Rechte hinnahm.
Sein illegaler Waffenhandel basierte auf den gleichen Motiven wie die Errichtung von Leuchtreklamen ohne städtische Genehmigung: Beides war ein Aufbegehren gegen staatliche Bevormundung, eine Schlacht im Kampf für die Rechte des einzelnen. Fat Jack konnte stundenlang über die Nachteile jeglicher Form von Regierung dozieren, und als Laura vor einem Jahr mit Chris bei ihm gewesen war, um die umgebauten Uzis zu kaufen, hatte sie sich erst einen längeren Vortrag darüber anhören müssen, warum der Staat nicht einmal berechtigt sei, Gesetze gegen Tötungsdelikte zu erlassen.
Laura empfand keine besonderen Sympathien für Regierungen, wie sie in Moskau oder Washington saßen, aber sie konnte auch nichts mit Fat Jacks Überzeugungen anfangen. Er leugne-te die Legitimität jeglicher Autorität, jeglicher bewährten Einrichtung, sogar der Familie.
Nachdem sie Fat Jack ihre neue Einkaufsliste hingereicht, er den Gesamtpreis genannt und ihr Geld gezählt hatte, führte er sie und Chris durch eine Geheimtür aus seinem Büro und über eine enge Wendeltreppe - auf der er wahrscheinlich eines Tages steckenbleiben würde - in den Keller hinunter, in dem er sein illegales Waffenlager eingerichtet hatte. Im Gegensatz zu dem wilden Durcheinander oben im Restaurant herrschte hier unten pedantische Ordnung: In Metallregalen lagerten nach Preis und Kaliber geordnete Kartons mit Waffen aller Art, von Pistolen bis zu Sturmgewehren; im Keller von »Fat Jack’s Pizza Party Palace« waren ständig mindestens 1000 Schußwaffen gelagert.
Er konnte ihr zwei umgebaute Uzis - »eine seit dem versuchten Attentat auf Reagan unwahrscheinlich beliebte Waffe«, stellte Fat Jack fest - und einen weiteren Chiefs Special Kaliber 38 liefern. Stefan hatte gehofft, eine Colt Commander 9-mm-Parabellum mit neunschüssigem Magazin und einem für die Anbringung eines Schalldämpfers vorbereiteten Lauf zu bekommen. »Habe ich nicht«, sagte Fat Jack, »aber ich kann Ihnen eine Colt Commander Mark IV in 38 Super geben -ebenfalls mit neunschüssigem Magazin -, und zwei davon sind für den Schalldämpferanbau vorbereitet. Schalldämpfer habe ich auch reichlich da.« Laura wußte bereits, daß sie bei ihm keine Munition kaufen konnte, aber während er seinen MarsRiegel auffutterte, erklärte er ihr trotzdem: »Habe weder Munition noch Sprengstoff auf Lager. Wissen Sie, ich bin gegen jegliche Form von Autorität, aber ich bin nicht völlig verantwortungslos. Ich habe hier drüber ein ganzes Restaurant voll kreischender, rotznäsiger Bälger, die ich nicht in die Luft jagen darf, selbst wenn das der Welt etwas mehr Frieden bringen würde. Außerdem würde ich damit auch meine schönen Neons zerstören.«
»Gut«, sagte Laura und legte Chris einen Arm um die Schulter, damit er an ihrer Seite blieb. »Und was ist mit dem Gas auf meiner Liste?«
»Wissen Sie bestimmt, daß Sie nicht Tränengas meinen?«
»Nein, nein, ich brauche Vexxon.«
Den Namen dieses Kampfstoffs hatte sie von Stefan. Das Gas gehörte zu den chemischen Waffen auf der Wunschliste des Instituts, die dieses ins Jahr 1944 zurückzubringen und ins deutsche Arsenal einzugliedern hoffte. Jetzt konnte es vielleicht gegen die Nazis eingesetzt werden. »Wir brauchen was, das schnell tödlich wirkt.«
Fat Jack lehnte sich mit seinem Hintern gegen den Metalltisch in der Mitte des Raums, auf den er die Uzis, den Revolver, die Pistole und die Schalldämpfer gelegt hatte. Der Tisch knarrte bedrohlich. »Hören Sie, wir reden hier von Kriegswaffen, von streng kontrolliertem Zeug.«
»Sie können’s nicht liefern?«
»Oh, klar kann ich Ihnen Vexxon besorgen«, stellte Fat Jack fest. Er verließ seinen Platz am Tisch, der erleichtert knarrte, als er sein Gewicht nicht mehr zu tragen hatte, und trat ans nächste Regal, wo er aus einem Geheimversteck zwischen Waffenkartons zwei Hershey-Riegel hervorholte. Anstatt den zweiten Chris anzubieten, steckte er ihn in die Hosentasche und begann den ersten zu essen. »Solchen Scheiß hab’ ich nicht auf Lager; der ist so gefährlich wie Sprengstoff. Aber ich kann das Zeug bis morgen nachmittag besorgen, wenn Sie so lange warten können.«
»Einverstanden«, sagte Laura.
»Es kostet aber ‘ne Kleinigkeit.«
»Das weiß ich.«
Fat Jack grinste. Zwischen seinen Zähnen hafteten Schokoladebrocken. »Dieses Zeug wird nicht viel verlangt - nicht von Kleinkunden wie Ihnen. Ich find’s amüsant, mir vorzustellen, was Sie damit vorhaben könnten. Ich erwarte allerdings nicht, daß Sie’s mir verraten. Aber im allgemeinen werden diese neuroaktiven und respiraktiven Gase von Großkunden aus Südamerika oder dem Nahen Osten gekauft. Der Irak und der Iran haben sie in den letzten Jahren viel eingesetzt.«