»Neuroaktiv, respiraktiv? Worin besteht der Unterschied?«
»Respiraktiv bedeutet, daß das Gas eingeatmet werden muß; es wirkt sekundenschnell tödlich, sobald es über die Lungen ins Blut gelangt. Wer es freisetzt, muß zu seinem eigenen Schutz eine Gasmaske tragen. Neuroaktive Kampfstoffe wirken noch schneller - allein durch Hautkontakt -, und bei bestimmten Mitteln wie Vexxon braucht man selbst weder Gasmaske noch Schutzkleidung, weil man vor der Anwendung ein paar Pillen schlucken kann, die im voraus als Gegengift wirken.«
»Richtig, diese Pillen sollte ich ja auch besorgen«, sagte Laura.
»Vexxon. Das am leichtesten einsetzbare Gas auf dem Markt. Sie sind wirklich ‘ne clevere Kundin«, meinte Fat Jack anerkennend.
Er hatte den Schokoriegel bereits aufgegessen und schien in der halben Stunde, seitdem Laura und Chris sein Büro betreten hatten, merklich zugenommen zu haben. Sie erkannte, daß Fat Jacks Vorliebe für politische Anarchie sich nicht nur in der Atmosphäre seiner Pizzeria, sondern auch in seiner Leibesfülle widerspiegelte, denn sein Körper wuchs ohne Behinderung durch gesellschaftliche oder medizinische Rücksichten weiter. Darüber hinaus schien er sein Dicksein zu genießen, denn er rieb sich oft den Magen, knetete die Fettpolster an seinen Hüften fast zärtlich und bewegte sich mit aggressiver Arroganz, als wolle er die Welt mit seinem Bauch beiseite schieben. Sie stellte sich vor, wie Fat Jack weiter zunahm, auf 200, sogar 250 Kilogramm, während die wild ausufernden Leuchtreklamen auf seinem Gebäude immer bizarrer wurden, bis das Dach eines Tages einstürzte - und Fat Jack im selben Augenblick zerplatzte.
»Das Gas kriege ich morgen bis siebzehn Uhr«, sagte er, während er die Uzis, den Chiefs Special, die Colt Commander und die Schalldämpfer in einen Karton mit der Aufschrift »Alles für die Geburtstagsparty« legte, der vermutlich Papierhüte oder Lärmmacher enthalten hatte. Er setzte den Dek-kel darauf und bedeutete Laura, sie solle den Karton nach oben tragen; unter anderem hielt Fat Jack nichts von Ritterlichkeit.
Als Chris seiner Mutter die Tür von Fat Jacks Büro aufhielt, freute Laura sich über das Kreischen der Kinder in der Pizzeria. Es war das erste erfreuliche, normale Geräusch, das sie seit über einer halben Stunde hörte.
»Hören Sie sich die kleinen Kretins an!« sagte Fat Jack. »Das sind keine Kinder, sondern rasierte Affen, die sich als Kinder ausgeben.« Er warf seine schallgedämpfte Bürotür hinter Laura und Chris ins Schloß.
Chris wartete, bis sie auf der Rückfahrt ins Motel waren, bevor er fragte: »Was hast du mit Fat Jack vor, wenn diese ganze Sache erst mal hinter uns liegt?«
»Ich gebe den Cops einen Tip«, antwortete Laura. »Allerdings anonym.«
»Gut! Der Kerl ist verrückt.«
»Er ist schlimmer als ein Verrückter, Schatz. Er ist ein Fanatiker.«
»Was ist ein Fanatiker eigentlich genau?«
Sie dachte kurz nach, bevor sie antwortete: »Ein Fanatiker ist ein Verrückter, der etwas hat, woran er glaubt.«
5
SS-Obersturmführer Erich Klietmann beobachtete den Sekundenzeiger der Uhr des Programmierpults. Als der Zeiger sich der Ziffer 12 näherte, hob er den Kopf und schaute zu der Zeitmaschine hinüber. In dem vier Meter langen Stahlzylinder schimmerte etwas: ein verschwommener grauschwarzer Fleck, der sich zur Silhouette eines Mannes verdichtete, dann zu drei weiteren Männern, einer hinter dem anderen. Der Aufklärungstrupp trat aus dem Zylinder ins Hauptlabor, in dem er von den drei Wissenschaftlern, die das Programmierpult überwacht hatten, empfangen wurde.
Die aus dem Februar 1989 zurückgekehrten Zeitreisenden lächelten, was Klietmann Herzklopfen verursachte, weil sie nicht gelächelt hätten, wenn es ihnen nicht gelungen wäre, Krieger, die Frau und den Jungen zu finden. Die beiden ersten in die Zukunft entsandten Mordkommandos - der Trupp, der das Haus bei Big Bear überfallen hatte, und der zweite, der in San Bernardino gewesen war - waren Gestapobeamte gewesen. Ihr Versagen hatte den Führer zu dem Befehl veranlaßt, das dritte Kommando aus SS-Männern zusammenzustellen, und für Klietmann bedeutete das Lächeln der Zurückkehrenden jetzt die Chance, mit seinem Trupp zu beweisen, daß die SS über besseres Menschenmaterial verfügte als die Gestapo.
Das Versagen der beiden vorigen Kommandos waren nicht die einzigen Minuspunkte der Gestapo bei der Behandlung dieses Falls. Auch Heinrich Kokoschka, der Leiter des Sicherheitsdienstes des Instituts, war ein Gestapobeamter gewesen -und offenbar zum Verräter geworden. Alles verfügbare Beweismaterial schien die Theorie zu untermauern, er sei vor zwei Tagen gemeinsam mit fünf weiteren Institutsangehörigen in die Zukunft desertiert.
Am Abend des 16. März hatte Kokoschka allein eine Zeitreise in die San Bernardino Mountains unternommen: mit der erklärten Absicht, Stefan Krieger in der Zukunft aufzuspüren und zu liquidieren, damit er nicht ins Jahr 1944 und ins Institut zurückkehren und Penlowski erschießen könnte. Dadurch hätte der Tod der führenden Köpfe des Projekts verhindert werden sollen. Aber Kokoschka war nie zurückgekommen. Einige Wissenschaftler vermuteten, Krieger sei am Ende doch siegreich geblieben, und Kokoschka habe im Jahr 1988 den Tod gefunden. Aber das war keine Erklärung für das Verschwinden der fünf Männer, die sich an diesem Abend im Hauptlabor des Instituts aufgehalten hatten: der beiden Gestapobeamten, die auf Kokoschkas Rückkehr warten, und der drei Wissenschaftler am Programmierpult der Zeitmaschine. Die fünf Männer waren spurlos verschwunden - und mit ihnen fünf der für die Rückkehr aus der Zukunft erforderlichen Gürtel. Das alles ließ auf eine Gruppe von Verrätern innerhalb des Instituts schließen, die zu der Überzeugung gelangt waren, Hitler werde den Krieg selbst mit aus der Zukunft zurückgebrachten Geheimwaffen verlieren, und deshalb lieber in die Zukunft desertiert waren, als weiter in der zum Untergang verdammten Reichshauptstadt auszuharren.
Aber Berlin war keineswegs zum Untergang verdammt. Mit dieser Möglichkeit rechnete Klietmann überhaupt nicht. Berlin war das neue Rom; das Dritte Reich würde tausend Jahre lang bestehen. Jetzt, da die SS Gelegenheit erhielt, Krieger aufzuspüren und zu erledigen, würde der Traum des Führers sich erfüllen. Nach der Beseitigung Kriegers, der die größte Gefahr für die Zeitmaschine darstellte und dessen Exekution ihre vordringlichste Aufgabe war, würden sie sich darauf konzentrieren, Kokoschka und die übrigen Verräter aufzuspüren. Wohin diese Schweine auch geflüchtet sein mochten, an welchem Ort in welcher fernen Zukunft sie sich auch versteckt haben mochten -Klietmann und seine SS-Kameraden würden sie unerbittlich verfolgen und mit größtem Vergnügen liquidieren.
Dr. Theodor Jüttner, seit der Ermordung Penlowskis, Ja-nuskys und Wolkows der neue Direktor des Instituts, wandte sich jetzt an Klietmann. »Herr Obersturmführer, wir scheinen Krieger aufgestöbert zu haben. Sind Sie und Ihre Leute bereit?«
»Wir sind bereit, Herr Doktor«, antwortete Klietmann. Bereit für die Zukunft, dachte er, bereit für Krieger, bereit für Ruhm und Ehre.
6
Am Samstag, dem 14. Januar 1989, um 15.40 Uhr, kehrte Thelma nach etwas über 24 Stunden mit dem klapprigen Lieferwagen ihres Gärtners ins »Bluebird of Happiness« zurück. Sie brachte für jeden von ihnen einen Koffer mit zwei Garnituren Wäsche und Kleidung mit und hatte mehrere tausend Schuß Munition für die Uzis und die Revolver gekauft. Im Wagen hatte sie außerdem den IBM-Computer sowie einen Drucker, die bestellte Software, eine Box mit Disketten und alles sonstige Zubehör, das Laura brauchen würde, um das System in Betrieb zu nehmen.
Obwohl Stefan, dessen Schußverletzung erst vier Tage alt war, sich überraschend schnell erholte, durfte und konnte er noch nichts Schweres heben. Er blieb mit Chris im Motelzimmer und packte die Koffer, während Laura sind Thelma die Computerkartons im Kofferraum und auf dem Rücksitz des Buicks verstauten.