Das Unwetter hatte sich über Nacht verzogen. Am Himmel waren graue Wolkenfetzen zurückgeblieben, aber die Temperatur war auf 18° Celsius gestiegen, und die Luft roch frisch gewaschen.
»Bist du mit dieser Perücke, dieser Brille und diesen Zähnen beim Einkaufen gewesen?« fragte Laura, während sie den Kofferraumdeckel des Buicks zuknallte.
»Nö«, sagte Thelma, nahm die falschen Vorderzähne heraus und steckte sie in ihre Jackentasche, weil sie damit lispelte. »Aus der Nähe hätte mich ein Verkäufer erkennen können -und in dieser Verkleidung wären meine Einkäufe erst recht aufgefallen. Aber sobald ich alles hatte, bin ich in die hinterste Ecke des Parkplatzes eines anderen Einkaufszentrums gefahren und habe mich für den Fall, daß mich unterwegs jemand anstarrt, in eine Kreuzung aus Harpo Marx und Bucky Beaver verwandelt. Weißt du, Shane, diese Geheimnistuerei gefällt mir irgendwie. Vielleicht bin ich eine Reinkarnation der Mata Hari, denn bei dem Gedanken, Männer zu verführen, um sie auszuhorchen und ihre Geheimnisse an ausländische Regierungen zu verkaufen, laufen mir wundervolle Schauder über den Rük-ken.«
»Die kriegst du bei dem Gedanken, Männer zu verführen«, behauptete Laura, »nicht wegen der verkauften Geheimnisse. Du bist keine Spionin, sondern bloß geil.«
Thelma gab ihr die Schlüssel des Hauses in Palm Springs. »Dort gibt’s kein festes Personal. Wenn wir hinfahren, rufen wir ein paar Tage vorher einen Reinigungsdienst an, der das Haus putzt. Diesmal habe ich ihn natürlich nicht angerufen, deshalb mußt du mit etwas Staub rechnen, aber nicht mit wirklichem Schmutz - und schon gar nicht mit den abgetrennten Schädeln, die du meistens hinterläßt.«
»Du bist ein Schatz.«
»Dort gibt’s einen Gärtner. Allerdings keinen fest angestellten wie bei uns in Beverly Hils. Dieser Mann kommt nur einmal in der Woche, dienstags, um den Rasen zu mähen, die Hecke zu beschneiden und ein paar Blumen zu zertrampeln, damit er uns neue in Rechnung stellen kann. Ich würde euch raten, an Dienstagen die Fenster zu meiden und in Deckung zu bleiben, bis er wieder fort ist.«
»Wir verstecken uns unter den Betten.«
»Wenn du unter dem Bett einen Haufen Ketten und Peitschen findest, brauchst du nicht zu glauben, Jason und ich seien pervers. Die Ketten und Peitschen haben seiner Mutter gehört, und wir bewahren sie aus rein sentimentalen Gründen auf.«
Sie holten die gepackten Koffer aus dem Motelzimmer und stapelten sie mit den Kartons, die im Kofferraum des Buicks keinen Platz mehr gefunden hatten, auf dem Rücksitz des Wagens. Nach allseitigen Umarmungen sagte Thelma noch: »Shane, ich trete erst in drei Wochen wieder in einem Nachtklub auf. Solltest du mich also brauchen, bin ich Tag und Nacht in Beverly Hills zu erreichen. Ich bleibe dort am Telefon.« Dann fuhr sie widerstrebend davon.
Laura war erleichtert, als der Wagen im Verkehrsgewühl verschwand. Jetzt war Thelma aus dem Spiel, jetzt konnte ihr nichts mehr passieren. Sie gab die Zimmerschlüssel an der Rezeption ab und fuhr mit dem Buick davon - mit Chris auf dem Beifahrersitz und Stefan hinten beim Gepäck. Sie verließ »The Bluebird of Happiness« nur ungern, denn hier waren sie vier Tage lang sicher gewesen, während es sonst auf der Welt vielleicht niemals mehr einen sicheren Ort für sie geben würde.
Als erstes hielten sie vor einem Waffengeschäft. Da Laura möglichst wenig gesehen werden sollte, ging Stefan hinein, um eine Schachtel Munition für die Pistole zu kaufen. Diese Munition hatte nicht auf Thelmas Einkaufsliste gestanden, weil sie nicht gewußt hatten, ob sie die 9-mm-Parabellum bekommen würden, die Stefan haben wollte. Tatsächlich hatten sie statt dieser die Colt Commander Mark IV Kaliber 38 nehmen müssen.
Danach fuhren sie zu »Fat Jacks Pizza Party Palace« weiter, um zwei Behälter mit tödlichem Nervengas abzuholen. Stefan und Chris warteten draußen im Wagen unter den schon in der Abenddämmerung brennenden Neonreklamen, die ihre ganze Leuchtkraft jedoch erst nach Einbruch der Dunkelheit entfalten würden.
Die Kanister standen auf Fat Jacks Schreibtisch bereit. Sie hatten die Größe kleiner Haushaltsfeuerlöscher, waren nicht feuerrot lackiert, sondern aus rostfreiem Stahl hergestellt und trugen einen Aufkleber mit Totenschädel und gekreuzten Knochen und dem Text VEXXON/AEROSOL/WARNUNG -TÖDLICHES NERVENGAS/UNBEFUGTER BESITZ NACH U.S.-GESETZEN STRAFBAR, dem noch ein Dutzend Zeilen Kleingedrucktes folgten.
Fat Jack deutete mit seinem dicken Wurstfinger auf die in die Behälter ob er seiten eingelassenen halbdollargroßen Anzeigen. »Das hier sind Zeitschalter, die sich von einer bis sechzig Minuten einstellen lassen. Stellt man sie ein und drückt auf den Knopf in der Mitte, kann man das Gas mit Verzögerung ablassen - gewissermaßen wie ‘ne Zeitbombe. Wollen Sie’s jedoch manuell ablassen, nehmen Sie den Boden des Kanisters in eine Hand, diesen Pistolengriff in die andere und drücken einfach ab, als hätten Sie ‘ne Waffe in der Hand. Dieser Scheiß steht unter Druck und verteilt sich in eineinhalb Minuten in einem Gebäude von fünfhundert Quadratmeter Bodenfläche - und noch schneller, wenn Heizung oder Klimaanlage in Betrieb sind. Unter Einwirkung von Luft und Sonne zerfällt das Gas in ungiftige Verbindungen, bleibt aber trotzdem vierzig bis sechzig Minuten lang tödlich. Drei Milligramm auf der Haut genügen, um binnen dreißig Sekunden zu töten.«
»Das Gegengift?« fragte Laura.
Fat Jack tippte grinsend auf die versiegelten blauen Plastikbeutel, die an den Behältergriffen hingen. »Jeder Beutel enthält zehn Kapseln. Zwei davon genügen als Schutz für einen Menschen. Die Gebrauchsanweisung liegt bei. Soviel ich gehört habe, muß man das Mittel mindestens eine Stunde vor der Freisetzung des Gases schlucken. Dann schützen die Kapseln drei bis fünf Stunden lang.«
Er strich ihr Geld ein und legte die Vexxon-Kanister in einen Karton mit dem Aufdruck MOZZARELLA-KÄSE - KÜHL LAGERN. Während er den Deckel aufsetzte, lachte er vor sich hin und schüttelte den Kopf.
»Was ist los?« fragte Laura mißtrauisch.
»Ich find’s nur amüsant«, antwortete Fat Jack. »Eine bildhübsche Frau wie Sie, offensichtlich gebildet, mit einem kleinen Jungen ... Wenn jemand wie Sie in solchen Scheiß verwickelt ist, geht’s mit unserer Gesellschaft weit schneller zu Ende, als ich je zu hoffen gewagt hätte. Vielleicht erlebe ich den Tag noch, an dem das Establishment stürzt, die Anarchie herrscht und die einzigen Gesetze die sind, die einzelne untereinander vereinbaren und mit Handschlag besiegeln.«
Dann schien ihm noch etwas einzufallen. Er hob den Deckel hoch, nahm einige grüne Zettel aus einer Schreibtischschublade und ließ sie auf die Vexxon-Behälter fallen.
»Was sind das für Zettel?« wollte Laura wissen.
»Sie sind eine gute Kundin«, sagte Fat Jack, »deshalb kriegen Sie ein paar Gutscheine für eine Gratispizza als Draufgabe.«
Jasons und Thelmas Haus in Palm Springs lag tatsächlich sehr abseits. Es war eine merkwürdige, aber sehr attraktive Mischung aus spanischer und südwestlicher Lehmsteinarchitektur auf 4000 Quadratmeter Grund, der von einer gut zweieinhalb Meter hohen pfirsichfarben verputzten Mauer umgeben war, die lediglich einen Durchlaß für die kreisförmige Zufahrt hatte. Das dicht mit Feigen, Palmen und Oliven bewachsene parkartige Grundstück war auf drei Seiten zu den Nachbarn hin völlig abgeschirmt, und von der Straße aus war nur die Fassade des Hauses zu sehen.
Obwohl sie an diesem Samstagabend erst gegen 20 Uhr kamen, nachdem sie von Fat Jacks Pizzeria in Anaheim aus in die Wüste gefahren waren, waren Haus und Grundstück in allen Einzelheiten sichtbar, weil sie von geschickt eingebauten, über Photozellen gesteuerten Außenleuchten angestrahlt wurden, die für Ästhetik und Sicherheit zugleich sorgten. Farne und Palmwedel warfen aufregende Schatten auf verputzte Mauern.