Thelma hatte ihnen die Fernsteuerung für das Garagentor mitgegeben, deshalb fuhren sie den Buick in die Dreifachgarage und betraten das Haus durch die Verbindungstür zum Wirtschaftsraum - nachdem Laura die Alarmanlage mit dem Code, den Thelma ihr aufgeschrieben hatte, abgeschaltet hatte.
Das Haus war viel kleiner als der Palast des Ehepaars Gaines in Beverly Hills, aber mit zehn Zimmern und vier Bädern noch immer eine Luxusvilla. Die unverwechselbare Handschrift von Steve Chase, dem bekanntesten Innenarchitekten von Palm Springs, zeigte sich überalclass="underline" exklusiv beleuchtete exklusive Räume; schlichte Farben - warme Aprikosentöne, mattes Lachsrot -, die hier und dort von Türkis unterstrichen wurden; wildlederbespannte Wände, Decken aus Zedernholz; hier Kupfertische mit reicher Patina, dort Granittische, die in interessantem Gegensatz zu luxuriösen Polstermöbeln mit allen nur denkbaren Bezugstoffen standen; elegant, aber sehr wohnlich.
In der Küche mußte Laura feststellen, daß die Speisekammer bis auf ein Regal mit Konservendosen leer war. Da sie alle zu müde waren, um noch zum Einkaufen zu fahren, begnügten sie sich an diesem Abend mit dem, was da war. Selbst wenn Laura hier mit Gewalt eingedrungen wäre, ohne zu wissen, wem diese Villa gehörte, hätte sie nach einem Blick in die Speisekammer auf Jason und Thelma getippt, denn sie konnte sich kein zweites Millionärspaar vorstellen, das im Herzen kindlich genug geblieben wäre, um Ravioli- und Spaghettibüchsen der Marke Chief Boyardee in seiner Speisekammer zu haben. Chris war natürlich begeistert. Als Nachtisch gab es zwei Schachteln mit Eiscreme-Nuggetts, die sie im ansonsten leeren Kühlschrank entdeckt hatten.
Laura und Chris teilten sich das übergroße französische Bett im Elternschlafzimmer, und Stefan bezog eines der gegenüberliegenden Gästezimmer. Obwohl Laura die Alarmanlage, die alle Türen und Fenster überwachte, wieder eingeschaltet, eine geladene Uzi auf dem Teppich neben ihrem Bett und einen geladenen Revolver auf dem Nachttisch liegen hatte und obwohl auf der ganzen Welt nur Thelma wissen konnte, daß sie hier waren, schlief Laura unruhig. Sie schrak bei jedem Aufwachen hoch, saß dann im Bett und horchte ins Dunkel hinein
- auf verstohlene Schritte, flüsternde Stimmen.
Als Laura gegen Morgen nicht wieder einschlafen konnte, starrte sie lange die nur schemenhaft erkennbare Zimmerdecke an und dachte über etwas nach, das Stefan vor ein paar Tagen über einige der komplizierteren Aspekte von Zeitreisen und die Möglichkeiten der Zeitreisenden, ihre eigene Zukunft zu verändern, gesagt hatte: Das Schicksal bemüht sich, ursprünglich vorgesehene Entwicklungslinien durchzusetzen. Nachdem Stefan sie 1963 im Lebensmittelgeschäft ihres Vaters vor dem Junkie gerettet hatte, hatte das Schicksal 1967 mit Willy Sheener einen weiteren Pädophilen gegen sie aufgeboten. Sie hatte als Vollwaise aufwachsen sollen, deshalb hatte das Schicksal es verstanden, nach ihrer Aufnahme bei den Dockweilers dafür zu sorgen, daß Nina Dockweiler einem Herzschlag erlag, woraufhin Laura ins Waisenhaus zurück mußte.
Das Schicksal bemüht sich, ursprünglich vorgesehene Entwicklungslinien durchzusetzen.
Welche als nächste?
In der ursprünglich vorgesehenen Entwicklungslinie wäre Chris niemals geboren worden. Würde das Schicksal daher dafür sorgen, daß er bald den Tod fand, um die von Stefan Krieger veränderte Entwicklungslinie nachträglich doch noch durchzusetzen? Und bevor Stefan damals Dr. Paul Markwell mit der Waffe bedroht und daran gehindert hatte, als ihr Geburtshelfer zu fungieren, war ihr ein Leben im Rollstuhl bestimmt gewesen. Vielleicht würde das Schicksal zur Durchsetzung der ursprünglichen Entwicklungslinie jetzt dafür sorgen, daß sie von Gestapoleuten angeschossen wurde und als Querschnittgelähmte zurückblieb .
Wie lange bemühten die Schicksalsmächte sich, einmal veränderte Entwicklungslinien doch wie ursprünglich vorgesehen durchzusetzen? Chris lebte nun schon seit über acht Jahren. Reichte das aus, um das Schicksal davon zu überzeugen, daß seine Existenz hinnehmbar war? Sie selbst lebte seit 34 Jahren außerhalb des Rollstuhls. Machte das Schicksal sich noch immer Sorgen wegen dieser widernatürlichen Veränderung des ursprünglichen Plans?
Das Schicksal bemüht sich, ursprünglich vorgesehene Entwicklungslinien durchzusetzen.
Während die erste Morgendämmerung sich an den Rändern der Vorhänge ins Zimmer stahl, wälzte Laura sich schlaflos in ihrem Bett und war wütend, ohne recht zu wissen, gegen wen oder was sich ihr Zorn richten sollte. Was war das Schicksal? Wer war diese Kraft, die Entwicklungslinien festlegte und durchzusetzen versuchte? Gott? Sollte sie Gott zürnen - oder ihn bitten, ihren Sohn leben zu lassen und sie vor einem Behindertendasein zu bewahren? Oder war die Macht des Schicksals lediglich ein natürlicher Mechanismus, eine natürliche Gegebenheit wie die Schwerkraft oder der Erdmagnetismus?
Da es kein logisches Objekt gab, gegen das ihre Emotionen sich hätten richten können, spürte Laura, wie ihre Wut sich allmählich zu Angst wandelte. In der Villa des Ehepaars Gaines in Palm Springs schienen sie in Sicherheit zu sein. Nachdem sie hier eine ungestörte Nacht verbracht hatten, stand fast sicher fest, daß ihre Anwesenheit niemals öffentlich bekannt geworden war, denn sonst wären längst Killer aus der Vergangenheit eingetroffen. Trotzdem hatte Laura Angst.
Irgend etwas Schlimmes würde passieren. Etwas sehr Schlimmes.
Ihnen drohte Gefahr. Aber sie wußte nicht, aus welcher Richtung.
Blitze. Schon bald.
Schade, daß die alte Redensart nicht stimmte: Der Blitz schlug sehr wohl zweimal an derselben Stelle ein oder dreimal oder hundertmal, und sie war der zuverlässigste Blitzableiter, der ihn anzog.
7
Nachdem Dr. Jüttner am Programmierpult der Zeitmaschine die letzten Zahlen eingegeben hatte, erklärte er SS-Obersturmführer Klietmann: »Sie und Ihre Leute kommen im Januar 1989 bei Palm Springs in Kalifornien an.«
»Palm Springs?« Klietmann war überrascht.
»Ganz recht. Wir hatten natürlich erwartet, daß Ihr Ziel in Los Angeles oder im Orange County liegen würde, wo Ihre Aufmachung als Jungmanager besser hingepaßt hätte als in einen Fremdenverkehrsort, aber Sie werden trotzdem nicht auffallen. Immerhin ist’s dort jetzt Winter, und selbst in der Wüste werden der Jahreszeit entsprechend dunkle Anzüge getragen.« Jüttner gab Klietmann einen Zettel, auf dem er genaue Angaben notiert hatte. »Hier finden Sie die Frau und den Jungen.«
»Was ist mit Krieger?« fragte der SS-Führer, während er den Zettel zusammenfaltete und in die innere Brusttasche seiner Jacke steckte.
»Der Erkundungstrupp hat keine Spur von ihm gefunden«, antwortete Jüttner, »aber er muß bei der Frau und dem Jungen sein. Sollten Sie ihn nicht sehen, müssen Sie versuchen, die beiden gefangenzunehmen. Vielleicht erweist es sich als unumgänglich, die beiden zu foltern, um Kriegers Aufenthaltsort zu erfahren. Sollte auch das nicht zum Erfolg führen, legen Sie die beiden um. Vielleicht bringt das unseren Mann dazu, irgendwo entlang der Zeitlinie aufzutauchen.«
»Wir finden ihn, Herr Doktor!«
Klietmann, Hubatsch, Stein und Bracher trugen jeder den Kupfergürtel unter dem Anzug von Yves Saint-Laurent. Mit ihren Mark-Cross-Aktenkoffern in der Hand traten sie ans Tor, stiegen in den riesigen Stahlzylinder und bewegten sich auf den Zweidrittelpunkt zu, an dem sie in Sekundenbruchteilen von 1944 nach 1989 gelangen würden.
Der Obersturmführer verspürte Angst, aber auch überschäumenden Jubel. Er war die eiserne Faust Hitlers, der Krieger auch nicht 45 Jahre entfernt in der Zukunft entgehen würde.