»Der Golf! Und jene Flamme drüben am Waldesrand zeigt das Lager der Flüchtlinge an!« schrie freudig der Korsar. »Auf! Nehmt die Waffen!«
Sie eilten auf das Feuer zu, waren aber bitter enttäuscht, als sie nicht den Feind selbst, sondern nur Spuren seines Aufenthalts fanden, Reste eines gebratenen Affen und eine zerbrochene Flasche.
»Zu spät!« rief Ventimiglia zähneknirschend. »Eilen wir ihnen nach! Sie können kaum an der Küste sein. Vielleicht in Kugelweite!« Die Waldung hörte plötzlich auf, und ein niedriger Strand wurde sichtbar, gegen dessen Sand die Wellen plätscherten.
Beim letzten Abendschimmer bemerkte Carmaux, wie ein Indianerkanu gen Süden, also in Richtung Gibraltar, in Eile das Weite suchte.
»Van Gould!« schrie der Schwarze Korsar. »Halt, oder du bist ein Feigling!«
Einer der vier Männer im Kanu erhob sich, und ein blitzartiger Schein ging von ihm aus. Die Flibustier hörten das Sausen einer Kugel, welche in einen nahestehenden Baum schlug.
»Ah! Verräter!« rief der Kapitän in höchster Wut. »Schießt auf ihn!«
Stiller und Carmaux befanden sich schon in kniender Stellung und legten ihre Gewehre an. Einen Augenblick danach widerhallten zwei Schüsse.
Ein Schrei ertönte, und man sah, wie jemand im Kanu zu Boden sank; das Boot entfernte sich schneller nach der Südküste zu und verschwand in der Dunkelheit, die, wie immer in diesen Gegenden, mit blitzartiger Geschwindigkeit eintrat.
Außer sich vor Zorn, lief der Korsar das Ufer entlang, in der Hoffnung, irgendeinen Kahn zu finden.
Plötzlich rief Carmaux: »Seht, Kapitän!«
Zwanzig Schritte entfernt, lag eine kleine Bucht, welche die Ebbe trocken gelassen hatte. Dort fanden sie ein Indianerkanu, das heißt einen ausgehöhlten Baumstamm.
Der Kommandant und seine beiden Begleiter hatten mit einem starken Stoß das Boot ins Wasser gestoßen.
»Sind Ruder dabei?« fragte er.
»Ja, Kapitän!«
»Also ihm nach!« »Muskeln anstrengen, Stiller!« schrie der Biskayer. »Im Rudern haben die Seeräuber keine Rivalen!«
»So! Eins ... zwei! ... « zählte der Hamburger, indem er sich über das Ruder beugte.
Der Kahn verließ die Bucht und schoß pfeilschnell über den Golf, den Spuren des Gouverneurs von Maracaibo nach.
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Die spanische Karavelle
Das Kanu mit van Gould war jetzt mindestens schon eintausend Schritt voraus. Trotzdem hatten die Korsaren den Mut, es zu verfolgen. Seine Insassen, der Gouverneur und die beiden Offiziere, konnten nur ihre Waffen gebrauchen; vom Rudern verstanden sie nichts. Desto mehr galt aber die Geschicklichkeit des Indianerruderers, der sie bediente.
Obgleich von den langen Märschen und dem Hunger sehr müde, bewegten Stiller und Carmaux doch den Baumkahn mit staunenswerter Schnelligkeit. Sie waren sicher, das feindliche Kanu einzuholen, fürchteten aber, daß irgendein unvorhergesehenes Ereignis die Verfolgung hemmen könnte.
Der Schwarze Korsar, der vorn saß, mit der Büchse zwischen den Händen, ermunterte sie ohne Unterlaß.
Als sie etwa fünf Minuten in voller Fahrt waren, bekam ihr Kanu einen Stoß.
»Himmel! Donnerwetter!« schrie Carmaux. »Eine Sandbank?«
Der Korsar beugte sich über Bord und bemerkte vor dem Boot eine dunkle Masse. Schnell griff er mit beiden Händen danach, bevor sie unter dem Schiffskiel verschwand.
»Eine Leiche!« rief er.
Mit einem Ruck hob er den Körper empor. Es war die Leiche eines spanischen Hauptmanns, dem der Kopf durch einen Gewehrschuß gespalten war.
»Es ist einer der Begleiter van Goulds«, sagte er und ließ die Leiche wieder ins Wasser fallen.
»Sie haben ihn in den See geworfen, damit ihr Boot leichter wird!« bemerkte Carmaux, indem er weiterruderte. »Munter, munter, Stiller! Die Schurken können nicht mehr weit sein.«
In demselben Augenblick schrie der Schwarze Korsar: »Da sind sie!«
Er bemerkte in einer Entfernung von sechs-, siebenhundert Metern eine glänzende Furche, welche von Minute zu Minute leuchtender wurde. Der Schein mußte von dem Boot ausgehen, das eine mit Fischeiern gesättigte Wasserstraße durchfuhr.
»Ob wir sie noch erreichen werden, Stiller?«
»Sicher!« »Mach größere Ruderschläge! Wir strengen uns dabei weniger an, und es geht schneller.«
»Ruhe!« sagte der Kapitän. »Vergeudet eure Kräfte nicht durch das viele Reden!« Er stand mit dem Gewehr in der Hand aufrecht und suchte seinen Feind.
Mit einem Male legte er an, beugte sich über Bord und schoß. Der Knall verbreitete sich über den ganzen See, aber es folgte kein Laut, der angekündigt hätte, daß jemand getroffen war.
»Fehlgegangen!« sagte Carmaux. »Ihr wißt, in einem Boot läßt sich schwer zielen!«
Da der Kapitän nicht antwortete, fuhr er fort: »Jetzt sind wir nur noch fünfhundert Schritt von ihnen entfernt! Gut ausholen, Stiller!«
»Meine Muskeln zerspringen schon!« erwiderte der Hamburger, der wie eine Robbe schnaufte.
Der Abstand zwischen beiden Fahrzeugen wurde immer kleiner, trotzdem sich der Indianer drüben ungeheuer anstrengte. Hätte er einen zweiten Ruderer seiner Rasse gehabt, würde er die Distanz leicht überwunden haben; denn die südamerikanischen Rothäute sind unübertreffliche Bootsleute. Jetzt konnte man das Boot genau ausmachen, weil es die phosphoreszierende Wasserstrecke durchquerte. Der Indianer war am Schiffsheck und ruderte mit aller Kraft, während der Gouverneur und seine Begleiter ihm so gut wie möglich halfen. Einer saß an Backbord, der andere an Steuerbord.
Der Korsar erhob zum zweiten Male sein Gewehr.
»Ergebt euch, oder ich schieße!«
Niemand antwortete. Im Gegenteil, das Schiff wendete plötzlich und schlug die Richtung nach der sumpfigen Küste ein, vielleicht um ein Versteck im nahen Flusse Rio Catatumbo zu finden.
Auch auf einen dritten Anruf wurde keine Antwort erteilt.
»Dann stirb, Verräter!« schrie Ventimiglia.
Er legte sein Gewehr nochmals auf van Gould an, der nur noch dreihundertundfünfzig Schritt von ihm entfernt war. Das Boot schwankte aber durch die schnellen Ruderschläge gewaltig, was ihm das Zielen sehr erschwerte.
Dreimal mußte er zielen. Beim viertenmal feuerte er los.
Dem Schuß folgte Geschrei. Man sah eine Gestalt ins Wasser fallen.
»Getroffen!« riefen Carmaux und Stiller zugleich.
Der Mann, der ins Wasser fiel, war aber nicht der Gouverneur. Es war der Indianer.
Der Kapitän stieß einen Fluch aus.
»Beschützt ihn denn die Hölle? Gut, fangen wir ihn lebend!«
Das feindliche Boot war davongeeilt, ohne den Indianer konnte es aber nicht weit kommen.
Es handelte sich nur noch um wenige Minuten. Carmaux und Stiller hofften, es gleich zu erreichen. Noch hatten sie Kraft!
Als der Gouverneur und seine Begleiter einsahen, daß sie gegen die Flibustier nicht ankämpfen konnten, nahmen sie die Richtung nach einer kleinen, etwa fünf-, sechshundert Meter entfernt liegenden Insel.
»Wenn sie dort landen, entwischen sie uns nicht mehr!« rief Carmaux.
»Um Gottes willen!« rief Stiller erschrocken aus. »Wir sind verloren!«
In diesem Moment hörte man eine Stimme: »Wer da?«
»Spanier!« antworteten der Gouverneur und seine Begleiter.
Hinter einem Vorgebirge der Insel erschien plötzlich ein Schiff, das mit vollen Segeln auf beide Boote zusteuerte.
»Nanu, sollte das schon einer unserer Segler sein?« fragte Carmaux.
Der Kapitän neigte sich wütend über den Rand des Kanus. Seine Augen blitzten wie die eines Tigers.
»Es ist eine spanische Karavelle!« rief er plötzlich. »Verdammt, daß er uns wieder entwischt!... Rudert nach der Insel, noch ehe das Fahrzeug uns fangen kann!«
Das Kanu bewegte sich unter dem Schutz der Felsen weiter.