Inzwischen hatte die Karavelle das Boot, in dem der Gouverneur saß, an Bord genommen.
Mit einem Male sah man die Matrosen eiligst die Segel brassen.
»Schnell!« rief der Korsar, dem nichts entgangen war. »Die Spanier wollen Jagd auf uns machen. Wir sind ja nur einhundert Schritt vom Ufer entfernt!«
In diesem Augenblick blitzte es an Bord des Schiffes hell auf, man hörte Kanonen donnern, deren Kugeln krachend in einen Baumgipfel schlugen.
Die Karavelle hatte die Landzunge passiert und wendete jetzt. Sie ließ mehrere Boote ins Wasser, um das Kanu zu verfolgen.
Carmaux und Stiller verdoppelten ihre Kräfte. Kurz vor dem Ufer fuhren sie auf eine Sandbank. Der Korsar stürzte sofort ins Wasser, lief zu den ersten Bäumen am Strand und versteckte sich dahinter. Die beiden Bootsleute ließen sich über Bord gleiten und duckten sich unter Wasser, da sie wieder eine Lunte auf dem feindlichen Schiff bemerkt hatten. Dies Manöver rettete sie. Gleich darauf prasselte ein zweiter Kugelregen auf die Sträucher und Palmenblätter des Gestades, während einige schwere Geschosse ins Boot schlugen. Die beiden auf so wunderbare Weise geretteten Flibustier kletterten eiligst ans Ufer und verbargen sich im Gesträuch.
»Seid ihr verwundet?« fragte der Kapitän besorgt.
»Flibustier werden nicht getroffen«, entgegnete Carmaux.
Die drei Seeleute suchten nun zwischen den dichtstehenden Pflanzen eine sichere Zuflucht und kümmerten sich nicht um die aus verschiedenen Schaluppen gezielten Gewehrschüsse.
Die Insel mochte einen Kilometer Umfang haben und mußte sich vor der Mündung des Rio Catatumbo befinden, eines sich in den See unterhalb Suanas ergießenden Stroms. Sie erhob sich in Kegelform in eine Höhe von drei- bis vierhundert Metern und war mit reicher Vegetation bedeckt, zumeist Zedern, Baumwollbäumen, stacheligen Euphorbien und Palmen verschiedene Art.
Als die Korsaren zu den Abhängen des Gipfels gelangt waren, ohne einem lebenden Wesen begegnet zu sein, machten sie eine kleine Ruhepause, da sie völlig erschöpft waren.
Beim Weitergehen mußten sie sich durch Säbelhiebe durch die dichte Vegetation Bahn schaffen. Nach zwei Stunden erreichten sie endlich den fast nackten, nur von wenigem Gesträuch und Felsen umgebenen Gipfel. Da der Mond schien, konnten sie die Karavelle gut unterscheiden. Sie war dreihundert Schritt vom Ufer entfernt verankert, während drei Schaluppen sich an der Stelle befanden, wo die Indianerpiroge zertrümmert lag.
Die Matrosen waren schon ausgeschifft, hatten jedoch nicht vorzudringen gewagt, da sie wohl fürchteten, in dem dichten Pflanzenwuchs leicht in eine Falle zu geraten. So hatten sie sich an der Küste um ein Feuer gelagert, wahrscheinlich um die zahllosen Schwärme wilder Mücken zu verscheuchen.
»Sie werden den Sonnenaufgang abwarten und uns dann verfolgen«, meinte Carmaux. »Ein Dämon muß den Gouverneur schützen. Jetzt ist er uns schon zum zweiten Male entschlüpft!«
»Was sollen wir tun, wenn die Karavellenbesatzung zum Angriff auf diesen Kegel vorgeht?« fragte Stiller.
»Ach, mach dir keine Sorge, in Maracaibo haben die Spanier das Haus des Notars angegriffen, und doch sind wir glücklich entkommen!«
»Ja«, warf der Korsar ein, »dies ist aber nicht das Haus des Notars! Auch haben wir keinen Grafen Lerma hier, der uns helfen könnte!«
»Also glaubt Ihr wirklich, Kapitän, daß wir unsere Tage am Galgen beschließen müssen? Ach, wenn der Olonese doch käme!«
»Der wird noch in Maracaibo plündern. Sonst müßte er schon hier sein!«
»Wo wolltet Ihr ihn treffen, Herr?«
»An der Mündung des Catatumbo.« »Dann haben wir ja die Hoffnung, ihn eines Tages hier zu sehen. Er wird sich ja nicht ewig in Maracaibo aufhalten!«
»Werden wir aber dann noch leben? Glaubst du, daß van Gould uns ruhig hier auf dem Kegel sitzen läßt? Nein, mein Lieber! Er wird das möglichste versuchen, uns in seine Hand zu bekommen noch vor Ankunft der Flibustier! Vielleicht hängt er den Strick schon an die Rahe für uns!«
Über den Gipfel des Hügels waren große Steine verstreut. Die beiden Seeleute wälzten sie heran und errichteten damit eine Art Schanze. Sie war kreisrund, zwar niedrig, aber doch genügend, um die Flüchtlinge in liegender oder kniender Stellung zu schützen. Diese anstrengende Arbeit dauerte zwei Stunden. Dann schleppten sie noch Massen stacheliger Pflanzen herbei und bauten damit einen Heckenzaun, der den Händen und Beinen der Gegner gefährlich werden konnte.
»Nun haben wir eine kleine Festung!« sagte Carmaux, sich vergnügt die Hände reibend.
»Eins aber fehlt noch«, bemerkte der Hamburger. »Die Speisekammer der Garnison!«
»Donnerwetter, ja! Wir haben auch nicht ein einziges Biskuit mehr zum Knabbern!«
»Und können diese Steine nicht in Brot verwandeln. Also plündern wir den Wald, Freund Stiller!«
Carmaux sah nach oben, wo der Kommandant einen Beobachtungsposten eingenommen hatte.
»Ist schon Bewegung da unten in die Truppe gekommen?«
»Noch nicht!«
»Dann können wir noch auf die Jagd gehen! Bei Gefahr ruft uns durch einen Flintenschuß, Kapitän!«
Die beiden Flibustier fanden zu ihrer Freude auf dem Abhang ein Stück urbar gemachter Erde. Wahrscheinlich hatte ein Indianer die Fruchtbäume einst dort gepflanzt. Sie ernteten Kokosnüsse, Orangen und Palmkraut, was ihnen das Brot ersetzen sollte. Außerdem fanden sie eine große Sumpfschildkröte. Wenn sie sich einrichteten, konnten sie wenigstens vier Tage von den Vorräten leben.
Außer den Früchten und dem Reptil hatten sie noch etwas Wichtiges entdeckt, das ihnen dazu nützen konnte, die Feinde eine Zeitlang vom Leibe zu halten. Es war eine von den Eingeborenen »Niku« genannte Pflanze.
Carmaux überließ sich einer unbändigen Heiterkeit.
»Mein lieber Stiller, wir werden den Matrosen etwas zu kosten geben, sollten sie Angriffslust zeigen! In diesem Klima gibt es Durst, und auf der Karavelle werden sie nichts zu trinken kriegen! Paß auf, der Niku wird Wunder wirken!«
»Ich habe nicht viel Vertrauen in die Sache.«
»Donnerwetter! Ich habe es doch früher einmal probiert und wäre beinahe krepiert vor Schmerzen.«
»Kommen die Spanier denn hierher, um zu trinken?«
»Na, hast du noch andere Seen in der Umgebung gesehen?«
»Nein!«
»Dann sind sie doch gezwungen, ihren Durst in dem Teich zu stillen, den wir entdeckt haben!«
»Ich bin doch neugierig auf die Wirkungen deiner Pflanze!«
»Ich werde sie dir zeigen, wenn die Bande von fürchterlichem Leibkneifen gequält wird!«
»Und wann vergiften wir das Wasser mit dem Niku?«
»Sobald wir sicher sind, daß unsere Feinde den Hügel angreifen!«
»Wißt Ihr, daß die ganze Insel schon von Schaluppen umgeben ist?«
»Hinter diesen Felsstücken und Dornenhecken können wir die Blockade bis zur Ankunft des Olonesen aushalten!« rief Carmaux.
»Aber vierzig Mann sind schon ausgeschifft!«
»Das sind schon eine ganze Menge, aber ich rechne auf meinen Niku. Wollt Ihr mit mir kommen, Kapitän? Die Spanier brauchen mindestens drei Stunden, ehe sie oben sind. Stiller hält inzwischen hier Wache.«
Sie stiegen inzwischen den bewaldeten Hügel bis zu einhundertundfünfzig Metern hinab, wobei sie Scharen von schwatzenden Papageien aufscheuchten, bis zu einem kleinen Teich mit unzähligen, lianenähnlichen Schlingpflanzen. Carmaux schnitt mit seinem Entersäbel Massen von diesen bräunlichen, von den Indianern Venezuelas und Guanayas »Niku« (botanisch: Robinien) genannten Halmen ab und band sie zu Bündeln zusammen. Dann legte er sie auf einen Stein am Ufer und schlug mit einem langen Baumzweig kräftig auf dieselben ein, so daß der Saft in den Teich tropfte. Erst färbte sich das Wasser weiß wie Milch, worauf es eine schöne Perlmutterfarbe annahm, die sich aber auch bald verflüchtigte. Zuletzt war das Becken wieder klar, und niemand konnte ahnen, daß es einen wenn auch nicht gefährlichen, so doch wenig angenehmen, berauschenden Stoff barg.