Ich bin an Bord eines großen Flugzeugs, eines Flugzeugs, dessen Flügel von China bis nach Peru zu reichen scheinen, und durch das Bullauge neben mir blicke ich auf ein endloses graublaues Meer, auf dem sich die Sonne in grell-blendender Helligkeit widerspiegelt. Ich habe den Sicherheitsgurt angeschnallt, warte auf die Landung, und nun kann ich unser Ziel ausmachen: eine gewaltige sechseckige Plattform, die steil aus dem Meer aufsteigt, eine künstliche Insel, die in ihren Winkeln so symmetrisch ist wie eine Schneeflocke, eine Betoninsel, die von flachen Gebäuden aus rotem Ziegelstein überzogen und von dem langen, weißen Pfeil der Landebahn in zwei Hälften geteilt wird, eine Insel, die vollständig allein ist in dieser ungeheuren See, an deren sechs Seiten Tausende Kilometer von Leere grenzen.
Manhattan. Herbst, kühl, der Himmel dunkel, die Fenster über mir glühend. Vor mir ein gigantischer Turm, der sich neben der ehrwürdigen Bibliothek der Fifth Avenue erhebt. »Der größte der Welt«, sagt jemand hinter mir, ein Tourist zum anderen, näselnder Akzent aus dem Westen. Und das muß er wohl sein. Der Wolkenkratzer füllt den Himmel. »Alles Büros der Regierung«, fährt der Westerner fort. »Kannst du das fassen? Zweihundert Stockwerke, und alles Büros der Regierung. Mit einem Palast für Quinn obenauf, heißt es. Da wohnt er, wenn er in die Stadt kommt. Ein gottverdammter Palast, wie für einen König.«
Was ich besonders fürchte, während diese Visionen auf mich eindringen, ist meine erste Begegnung mit der Szene meines eigenen Todes. Werde ich davon zerstört werden, frage ich mich, so wie Carvajal zerstört wurde — wird ein Blick auf mein letztes Stündlein allen Schwung und alle Lebensfreude aus mir vertreiben? Ich warte, frage mich, wann es kommen wird, fürchte den Augenblick und sehne ihn doch herbei, will das schreckliche Wissen in mich aufnehmen und es hinter mich bringen, und als die Szene kommt, kommt sie als das Gegenteil eines Höhepunkts, als komische Enttäuschung. Ich sehe einen verblichenen, müden alten Mann in einem Krankenhausbett, hager und verbraucht ist er, vielleicht fünfundsiebzig Jahre alt, vielleicht achtzig oder sogar neunzig. Er ist von einem hellen Kokon lebenserhaltender Apparate umgeben; spitz zulaufende Arme strecken und beugen sich und kreisen um ihn herum wie Schwänze von Skorpionen, füllen ihn mit Enzymen, Hormonen, Stimulanzien, was auch immer. Ich habe ihn schon einmal kurz gesehen, in jener betrunkenen Nacht auf dem Times Square, als ich benommen und fassungslos auf dem Boden kauerte und in einer Sturmflut von Stimmen und Bildern ausflippte; aber nun führt mich die Vision ein wenig weiter als damals, so daß ich dieses zukünftige Ich nicht nur als kranken alten Mann wahrnehme, sondern als sterbenden alten Mann auf dem Weg hinüber: Er versinkt, er versinkt, das ganze fantastische Gitterwerk medizinischer Ausrüstung kann das schwache Leben in ihm nicht halten. Ich kann spüren, wie sein Pulsschlag verebbt. Ruhig, ganz ruhig, geht er. In das Dunkel. In den Frieden. Er ist sehr still. Noch nicht tot, sonst würde meine Wahrnehmung von ihm erlöschen. Aber fast. Fast. Und nun. Kein Empfang mehr. Friede und Schweigen. Ein guter Tod, ja.
Ist das alles? Ist er wirklich tot da draußen, in fünfzig oder sechzig Jahren von heute, oder ist die Vision lediglich unterbrochen worden? Ich kann es nicht sicher wissen. Wenn ich nur jenseits dieses Augenblicks des Endes sehen, nur einen einzigen Blick hinter den Vorhang werfen könnte, um die Formalitäten des Todes zu beobachten, die Krankenschwestern, die mit ausdruckslosen Gesichtern die Apparate abschalten, das Tuch, das über das Gesicht gezogen wird, den Leichnam, der ins Leichenschauhaus gerollt wird. Aber es gibt keinen Weg, die Szene weiterzuverfolgen. Die Vorstellung endet mit dem letzten Fünklein Licht. Und doch bin ich sicher, daß dies mein Tod ist. Ich bin erleichtert und fast ein wenig enttäuscht. So wenig? Ein einfaches Erlöschen in hohem Alter? Daran ist nichts zu fürchten. Ich denke an Carvajal, dessen Augen leblos geworden waren, weil er sein Sterben zu oft gesehen hatte. Aber ich bin nicht Carvajal. Wie kann ein solches Wissen mir schaden? Ich erkenne die Unvermeidlichkeit meines Todes an; die konkreten Einzelheiten sind nicht mehr als Fußnoten. Einige Wochen später sehe ich die Szene noch einmal, und dann wieder und wieder. Immer gleich. Das Krankenhaus, die spinnenhafte Apparatur, das Versinken, das Dunkel, der Friede. So brauche ich also das Sehen nicht zu fürchten. Ich habe das Schlimmste gesehen, und es hat mir nichts getan.
Aber dann wird alles von Zweifel zerfressen, meine neugefundene Zuversicht zerbricht. Ich sehe mich wieder in jenem großen Flugzeug, und wir gleiten auf die sechseckige künstliche Insel zu. Eine Stewardeß rennt bestürzt, alarmiert, durch den Mittelgang, gefolgt von einer schwellenden Wolke öligen schwarzen Rauchs. Feuer an Bord! Die Tragflächen schwanken heftig. Menschen kreischen. Unverständliche Rufe aus der Lautsprecheranlage. Gedämpfte, zusammenhanglose Instruktionen. Druck nagelt meinen Körper an den Sitz; wir stürzten auf das Wasser hinab. Hinab, hinab, und wir schlagen auf, ein unglaublicher, krachender Aufprall, und das Flugzeug bricht auseinander; immer noch angeschnallt falle ich kopfüber in die kalten, dunklen Tiefen. Das Meer schluckt mich, und ich weiß nichts mehr.
Die Soldaten marschieren in finsteren Kolonnen durch die Straßen. Vor dem Gebäude, in dem ich lebe, halten sie an; sie besprechen sich; dann bricht eine Abteilung in das Haus. Ich höre sie auf der Treppe. Sinnlos, mich zu verstecken. Sie werfen die Tür auf, brüllen meinen Namen. Mit erhobenen Armen begrüße ich sie. Ich lächle und erkläre ihnen, daß ich ohne Widerstand mitkommen werde. Aber dann — wer weiß, warum? — dreht sich einer von ihnen, ein sehr junger Mann, ein Junge fast noch, plötzlich herum und richtet seine armbrustähnliche Waffe auf mich. Ich kann nur noch den Mund aufreißen. Dann kommt schon der grüne Strahl, und Dunkelheit hinterher.
»Das ist er!« schreit jemand, hebt einen Knüppel hoch über meinen Kopf und läßt ihn mit furchtbarer Gewalt niedersausen.
Sundara und ich sehen zu, wie Nacht sich über den Pazifik senkt. Die Lichter von Santa Monica funkeln vor uns. Zaghaft, behutsam, lege ich meine Hand auf die ihre. Und in diesem Augenblick spüre ich einen stechenden Schmerz in meiner Brust, ich wanke, kippe um, trete rasend um mich, stoße den Tisch um, ich schlage mit den Fäusten auf den dicken Teppich ein, ich kämpfe um mein Leben. In meinem Mund ist der Geschmack von Blut. Ich kämpfe um mein Leben, und ich verliere.
Ich stehe an einer Brüstung, achtzig Stockwerke hoch über dem Broadway. Mit einer raschen, leichten Bewegung stoße ich mich hinaus in die kühle Frühlingsluft. Ich schwebe, anmutig bewege ich meine Arme wie ein Schwimmer, in erhabener Heiterkeit tauche ich dem Pflaster entgegen.
»Paß auf!« ruft eine Frau dicht neben mir. » Er hat eine Bombe!«
Die Brandung ist stürmisch heute. Graue Wogen türmen sich auf und brechen, türmen sich auf und brechen. Und dennoch wate ich hinaus, ich erzwinge mir meinen Weg durch die Brandung, ich schwimme mit wahnwitziger Hingabe dem Horizont entgegen, schneide durch das finstere Wasser, als gelte es, einen Rekord aufzustellen, schwimme weiter und weiter trotz des Hämmerns in meinen Schläfen und meinem Hals, und die See wird stürmischer, selbst hier draußen, so weit vor der Küste, schwillt und brodelt sie. Das Wasser schlägt mir ins Gesicht, und ich gehe unter, kämpfe mich wieder an die Oberfläche, werde wieder geschlagen, wieder, wieder…