Выбрать главу

Elin blickte auf den Ledereinband. Immer noch hielt sie die Kostbarkeit fest umklammert, als fürchtete sie, das Buch könne ihr aus der Hand springen und davonflattern. Behutsam lockerte sie den Griff und klappte das Buch mit einem ungeschickten Handgriff auf. Die Seiten fielen auseinander, niedergedrückt von etwas, das schwerer war und in der Mitte des Buches steckte. Ein Brief.

»Es ist so weit«, sagte Kristina.

»Ich soll einen Brief überbringen?«, flüsterte Elin. »Muss ich etwa nach Deutschland? Zu Pferd? Ich kann noch nicht reiten!« Kristina lächelte nicht mehr und Elin fiel auf, wie dunkel die Schatten unter ihren Augen waren.

»Nein. Du wirst zu Fuß gehen – und zwar hier in Stockholm. In letzter Zeit werden Briefe abgefangen, die von höchster Wichtigkeit sind. Nun habe ich beschlossen, den Verrätern ein Schnippchen zu schlagen. Ich brauche jemanden, der sich im Volk bewegen kann, ohne aufzufallen. Jemanden, auf den ich mich verlassen kann und der klug genug ist, einen Brief so gut zu behüten, als wäre er ein kostbares Schmuckstück oder vielleicht sogar ein Leben.«

»Darf ich … danach das Schloss verlassen?«

Die Königin schüttelte den Kopf und seufzte.

»Auf welchem Schlachtfeld wurde dein Vater getötet?«

»Bei Nördlingen.«

»Meiner fiel in Lützen, als ich fünf Jahre alt war. Man fand ihn ohne Kleidung, nur noch mit seinen Strümpfen und seinen drei Unterhemden bekleidet. Ein Krieg macht die Menschen zu Bestien. Ich schlage dir einen Handel vor, Elin. Hilf mir, diesen Krieg zu beenden. Ich kann jeden Vertrauten brauchen, der mir Treue schwört. Sobald der Krieg vorbei ist, verspreche ich dir, dass du gehen kannst, wohin du willst. Wenn du mir bis dahin dienst, mit deinem ganzen Herzen, deinem Mut und deiner Klugheit, dann werde ich dich belohnen. Und glaube mir …« – sie beugte sich weit zu Elin vor -»… du wirst es nicht bereuen, mir zu dienen. Oder möchtest du nicht schreiben und lesen können wie Monsieur Henri? Bedenke – du könntest auch Dokumente lesen. Besonders solche, die dir möglicherweise einen Hinweis auf deine Herkunft geben könnten.«

Elin betrachtete nachdenklich das Buch in ihren Händen. Die unverständlichen Zeichen auf dem Buchdeckel grinsten ihr höhnisch entgegen. Vergeblich bemühte sie sich, ihre Wut und Empörung wieder zu finden, stattdessen konnte sie nicht anders, als der Königin ein flüchtiges Lächeln zu schenken.

»Wem soll ich den Brief überbringen?«

»Einem Sendboten, der nach Deutschland reiten wird. Zeitgleich schicke ich einen offiziellen Boten los. Er wird sich ein paar Dummheiten leisten, die die Spione am Hof auf seine Fährte bringen werden. Den mögen die Posträuber dann jagen, während unser Kurier unbehelligt den Brief trägt.« Beim Wort »unser« zuckte Elin zusammen. Kristinas Stimme sank zu einem Flüstern.

»Deine Aufgabe ist einfach. Du gehst als ganz gewöhnliche Magd zum Hötorget – dem Heumarkt – und von dort aus zum Haus von Simon Jüterbock, dem Sattelmacher.«

»Und wie komme ich ungesehen aus dem Schloss?«

»In wenigen Stunden werden Bauern und Bürger in den Audienzraum kommen. Helga wird dich dorthin bringen. Von da aus kannst du nach der Audienz unauffällig mit ihnen gemeinsam das Schloss verlassen.«

»Das ist ein Brief an Adler Salvius in Deutschland, nicht wahr? Sie versprechen ihm den Posten im Reichsrat?«

Kristina lächelte anerkennend.

»Und wenn der Brief sein Ziel erreicht, hat dieser unselige Krieg vielleicht schneller ein Ende, als den Oxenstiernianern lieb ist.«

»Er wird sein Ziel erreichen«, sagte Elin.

»Nimm dieses Siegel mit und verstecke es gut! Es ist dein Erkennungszeichen für Jüterbock.« Helga drückte ihr ein kleines, hartes Oval aus Metall in die Hand, das Elin sofort in ihrem Ärmel verbarg. Das Kopftuch hatte Helga ihr bis ins Gesicht heruntergezogen. Das Wolltuch um ihre Schultern roch nach Räucherkammer. »Schau auf den Boden«, riet ihr Helga. »Und halte dich in der Mitte der Gruppe, die den Audienzraum verlassen wird. Sieh dich nicht um und errege auch sonst nicht die Aufmerksamkeit der Gardisten und Wächter. Den Weg zum Hötorget hast du dir gemerkt?«

Elin nickte und strich sich nervös über den Rock, in den der kostbare Brief eingenäht war.

»Gott schütze dich«, flüsterte Helga. »Ich warte zu jeder vollen Stunde an der Anlegestelle.«

Wenig später stand Elin in einer Nische des Gangs, der zum Audienzraum führte. Murmeln wurde laut, als sich die Türen öffneten. Ein Strom von Menschen drängte aus dem Saal – Bürger in ihrem Sonntagsstaat, Handelsleute, Tagwerker und Bauern, die die Last vieler Jahre Feldarbeit gebeugt hatte wie alte Bäume.

Elin mischte sich unauffällig unter die Menge und ließ sich, den Kopf gesenkt, mit ihr treiben. Langsam schob sie sich zur Mitte des Trosses, der von mehreren Dienern zum Ausgang geleitet wurde. »Ich sagte dir doch, die Königin kann uns nicht helfen«, flüsterte neben ihr eine Frau. »Gegen den Bauernschinder Oxenstierna wird sie nichts ausrichten.«

»Sie hat versprochen, sich beim Rat für die Bauern einzusetzen. Mehr kann sie nicht tun. So ist es nun mal. Nicht einmal eine Königin kann einfach so über alles und jeden frei bestimmen.«

»Nun, dafür kann sie frei bestimmen, wie viel Geld sie für den ganzen Prunk und diese Ausländer ausgibt«, kam die spitze Antwort. »Man sagt, die Staatsfinanzen liegen am Boden!«

»Lass es gut sein, Grit«, sagte der Mann müde. »Sie hat uns immerhin Geld aus der Schatzkasse gegeben.«

»Dieses Geld lindert unsere Not für einen Monat«, knurrte die Frau. »Aber die Steuerlast nimmt es uns nicht – während die Adelsherren ihre Privilegien genießen und sich Paläste bauen. Und wer erlässt uns die Steuern und Zölle? Wer? Ohne die Zustimmung des Rats darf der Reichstag keine neuen Zollverordnungen beschließen. Und wer sitzt im Rat? Die Adelsherren! Einen Teufel werden die beschließen, um uns das Leben leichter zu machen.«

Ein Ellenbogen traf Elin in der Seite und sie wurde abgedrängt. Wenig später tat sich vor ihr das Tor auf und ein eisiger Morgenwind strich über ihr Gesicht. Gefrorener Matsch auf den Straßen machte es schwer, vorwärts zu kommen. Elin klammerte sich an ihren Korb. Die Tage unter Lovisas Obhut schienen ihr ein Stück Sicherheit geraubt zu haben. Sie fühlte sich allein und fehl am Platz. Die Welt, die früher die ihre gewesen war, war ihr entglitten und in die Ferne gerückt. Bei jedem Schritt bildete sie sich ein, das Papier, das in ihrem Rock eingenäht war, rascheln zu hören. Jeder musste es hören! Erst nachdem sie den Stortorget überquert hatte und in das Gewühl der Straßen eingetaucht war, begann sie wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Die meisten Gassen waren so breit, dass Kutschen hindurchfahren konnten. Aber es gab auch schmalere mit steilen Treppen. In diese Schluchten zwischen den Häusern fiel nur spärliches Licht. Und obwohl es Tag war, brannten in den Werkstätten Kerzen und Öllampen. Elin legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die schmalen weißen Schornsteine, die Treppengiebel und die eisernen Ankerklemmen an den Fassaden, die die Wände der Häuser zusammenhielten. Ganz oben zwinkerte nur ein schmaler Streifen Himmel auf die Stadt herunter. Hinter den vereisten Fenstern sah sie Schuhmacher und Knopfschnitzer bei der Arbeit. Sie hörte die regelmäßigen Schläge der Kupferstecher und fasste nach und nach Mut, sich die Menschen, die ihr entgegenkamen, genauer anzusehen. Manche der Bürger schmückten sich nach europäischer Mode mit Perücken, andere waren altmodisch gekleidet. Die Flamen trugen Schuhe mit roten Sohlen und Absätzen. Elin folgte einer Gruppe von ihnen quer durch die Stadt bis zum Stadttor und schlüpfte dort rasch an ihnen vorbei. Über die Brücke verließ sie dann die Stadtinsel. Weit vor ihr erhob sich der Brunkeberg. Die Flügel der roten Windmühlen bewegten sich träge im Wind. Verstohlen blickte sie sich um, aber niemand folgte ihr. Bauern trieben Schweine zum Markt oder trugen Hühner in Käfigen auf dem Rücken dorthin. Der Hötorget selbst war der größte Markt, den Elin je gesehen hatte. Es mussten hunderte von Menschen sein, die hier ihre Waren feilboten! Milchkrüge, Schafe, Eier, Hühner, Gerätschaften für die Küche – alles gab es hier zu kaufen. Der Duft von Torffeuer vermischte sich mit dem Geruch von Kuhmist und dem Aroma von siedender Fischsuppe. In Kohlepfannen wurde sogar frischer Fisch geröstet.