Der Mann, der in der Tür stand, war sicher nicht der Henri, den sie vor bald einem halben Jahr das letzte Mal geküsst hatte, aber immerhin ein junger Mann, der ihm sehr ähnlich sah. Beinahe erschreckend erwachsen war er geworden. Um seinen Mund hatten sich Falten eingegraben, er war abgemagert und völlig erschöpft von der Reise. Regen hatte sein Haar durchnässt und tropfte auf seinen Kragen. Zögernd trat er in ihr Zimmer, aber Elin wagte nicht, ihm um den Hals zu fallen, so ernst war sein Blick. Er räusperte sich und rieb sich die Hände.
»Nun, der Ärmste unter den Reichen steht vor Ihnen, Mademoiselle. Enterbt bis auf ein halb zerfallenes Landgut, zwei Webereien und ein paar schäbige Hanffelder. Reich werden wir damit nicht.«
Das »wir« entfachte ein Lächeln auf Elins Gesicht. Ihr wurde warm – jetzt wusste sie, was Henri so fremd wirken ließ: Von Wams und Mantel waren die kostbaren Goldborten verschwunden. Er atmete noch einmal tief durch und sprach weiter.
»Ein zukünftiger Marquis war dir nicht gut genug. Aber vielleicht gibst du dich mit einem einfachen Landadligen zufrieden. Ich jedenfalls kehre nicht ohne dich nach Frankreich zurück. Dafür war der Beweis zu teuer erkauft. Die Verlobung zu lösen war beinahe schlimmer als der Schuss ins Bein!«
Elin war mit zwei Schritten bei ihm und umarmte ihn. Seine Lippen waren rau und sein Kuss eiskalt von der nordischen Frühlingsluft. Trotzdem wärmte er Elin wie ein lang verschüttet geglaubtes Feuer.
Die Verlobung wurde nachts in Chanuts Botschaft gefeiert. Es duftete nach Helgas Marzipan und heißem Kräuterwein. Im Salon hatte Madame Chanut das beste Gedeck aufgelegt.
Draußen in den Gassen war es vollkommen still, die Mainacht war schwarz und undurchdringlich. Kristina hatte ihr Versprechen gehalten. Am Morgen hatte Herr Freinsheim Elin eine versiegelte Mappe mit Schriftstücken überreicht, dazu einen Brief mit der Aufforderung, ihn sogleich zu lesen. Darin gab die Königin Elin, ihrem Mündel, nun auch die offizielle Erlaubnis, sich zu verloben und Schweden zu verlassen. Elin war überrascht, dass Kristina sie »in absentia« nobilitiert hatte. Ohne den Schutz eines Titels werde ich mein Mündel nicht in eine ungewisse Zukunft ziehen lassen, hatte der Sekretär Bengt die Worte der Königin niedergeschrieben. Eine Baronesse kann ich aus ihr nicht machen, aber sie darf sich von nun an zu den Edelfrauen zählen und sich Fräulein von Asenban nennen. Elin stellte sich vor, wie Kristina mit ihrer nüchternen Stimme die Zeilen diktierte und dabei in ihrem Kabinett umherging – in der Hand bereits ein anderes Schriftstück, mit dem sich ihr Auge und ihr Geist beschäftigten. Außerdem wird Frau Lovisa – ob sie nun Schiffe mag oder nicht – auf meinen Befehl hin Fräulein von Asenban begleiten und prüfen, ob mein Mündel gebührend empfangen wird und standesgemäß lebt. Als Gratifikation für ihre Treue und ihre geleisteten Dienste erhält Fräulein von Asenban zudem 8000 Riksdaler, die ihr in schweren Stunden, die sie zweifellos auf ihrem Weg erwarten, nützen mögen.
Seltsamerweise machte das Geldgeschenk Elin im ersten Moment traurig. Es war ein erkaufter Friede – und Elin hätte es trotz allem lieber gesehen, wenn Kristina in die Botschaft gekommen wäre, um ihr ein letztes Mal die Hand zu geben. Noch mehr Überwindung, als Kristinas Brief zu lesen, hatte es sie gekostet, die Mappe mit den Dokumenten aufzuschlagen. Viel lag nicht darin – mehrere Blätter mit Kritzeleien und ein Brief. Vermutlich hatte ihr Vater ihn nicht selbst geschrieben, sondern auf dem Feld einen Schreibkundigen dafür bezahlt. Elin beugte sich über den Brief und las ihn Zeile für Zeile genau durch. Und noch ein zweites und ein drittes Mal. Erst dann sah sie sich die verschmierten Blätter an. Mit ungelenker Hand hatte ihr Vater eine Gestalt gezeichnet, mit dem Stück eines verkohlten Astes vielleicht, irgendwo auf dem Feld. Eine Frau, mit langem, hellem Haar, das ihr bis auf die Hüfte fiel.
»Der erste Gast hat schon geklopft!«, rief Madame Chanut ihr zu.
Elin, die eben noch nachdenklich den Rosenkranz ihres Vaters betrachtet hatte, blickte auf. Es war Lars. Der alte Reitmeister hatte seine Uniform angelegt. Stolz und ernst wie ein Brautvater trat er vor und schloss Elin in die Arme. Es klopfte wieder – und gleich darauf noch einmal. Vier Lastenträger schleppten ächzend Lovisas prall gefüllte Reisetruhen in den Raum. Die alte Kammerfrau war beim Gedanken an die Schifffahrt, die ihr bevorstand, bleich wie ein Gespenst, aber sie lächelte Elin tapfer zu und bat um einen Wein. Als Nächstes kam Helga und überreichte Elin eine schwedische Brautkrone. »Ich weiß, dass es bei einer französischen Hochzeit nicht der Brauch ist, eine Krone zu tragen«, erklärte sie. »Aber wenn du erst einmal in deinem neuen Land bist, wirst du froh sein, ein Stück Heimat mitgenommen zu haben.«
»Es wird Elin eine große Ehre sein, Ihre Krone auf unserer Hochzeit zu tragen«, sagte Henri mit einem Lächeln. Kaum hatten sie am Tisch Platz genommen, klopfte es wieder. Mäntel rauschten im Flur, fröhliches Lachen erklang – dann betraten Magnus de la Gardie, seine Frau und Ebba den Raum – gefolgt von Herrn Freinsheim. Madame Chanut schlug die Hände über dem Kopf zusammen und ließ noch mehr Teller holen.
»Herr van Wullen konnte sich beim besten Willen nicht davonstehlen!«, rief Ebba mit einem verschmitzten Lächeln. »Aber er schickt dir Grüße und Glückwünsche.«
»Haben Sie sich etwa alle aus dem Schloss geschlichen?«, fragte Henri.
Magnus zwinkerte ihm zu. »Nun, wir sind eher schlafgewandelt. Morgen werden wir uns nicht mehr daran erinnern.«
Es wurde ein Fest, das Elins Herz noch lange wärmen würde. Seit Ewigkeiten war sie nicht mehr so fröhlich gewesen – Magnus erzählte die Geschichte von Henris Unfall mit Enhörning in einer Weise, dass sogar Henri Tränen lachte. Die vergangenen zwei Jahre wurden wieder lebendig, zogen an Elin vorbei – funkelnde Geschichten, die sich wie Perlen an einer Kette aneinander reihten. Böse und gute, traurige und lustige. Als die Mitternacht längst vorbei war und von Helgas Konfekt kein Krümel mehr auf der Silberplatte lag, stand Elin auf und erhob ihr Glas.
»Ich möchte auf zwei Frauen trinken. Eine davon kennt ihr sehr gut – die Königin, der wir alle viel zu verdanken haben. Die andere … kenne ich nicht, aber ich weiß zumindest ihren Namen. Es ist meine Mutter. Sie hieß Elisabeth Krieschen und war die Tochter eines Gerbers aus München.«
»Das ist nur drei Tagesreisen von meiner Heimatstadt Ulm entfernt!«, rief Freinsheim dazwischen.
Elin nickte. »Da mein Vater sie auf der Insel Usedom kennen lernte, ist es nicht verwunderlich, dass ich dort keine Spuren über sie und ihre Familie fand. Ob sie eine Hure war, weiß ich immer noch nicht. Tatsache ist jedoch, dass mein Vater und sie geheiratet haben – in einem Feldlager. Meine Mutter war Katholikin. Ihr zuliebe ist mein Vater zum Katholizismus konvertiert – heimlich, als Hochverräter an Schweden. Ich … bin katholisch getauft worden – ebenso heimlich, in einer zerstörten Kirche am Rand des Schlachtfelds.«
Die Stille dauerte nur einen Moment, dann scharrten die Weingläser über die Tafel und die Stuhlbeine über den Boden. Lars hob feierlich sein Glas.
»Auf unsere Königin und auf Elisabeth Krieschen!«
Henri nahm einen tiefen Schluck und griff nach Elins Hand. Doch Elin entzog sie ihm und räusperte sich.
»Und dann habe ich noch ein Anliegen«, sagte sie in die Runde. Sie griff zu ihrem Taschentuch und klappte es auseinander. Lovisa begann zu lächeln. Elin zwinkerte ihr zu und nahm das Geschenk für Henri heraus. Es fühlte sich so an wie an dem Tag, an dem Lovisa es ihr endlich gegeben hatte – nur war es blanker, weil Elin es seitdem unzählige Male betrachtet und hin und her gewendet hatte.
»Ihr Riksdaler«, sagte sie zu Henri. »Mit bestem Dank zurück.«
Viel später am Abend, als die letzte Weinflasche geleert war und alle Geschichten mehrmals erzählt, erhoben sich ihre heimlichen Gäste und umarmten Elin nacheinander zum Abschied. Lars drückte sie so fest an sich, dass ihr die Luft wegblieb.