In die Vergangenheit.
Ich sah mit gottgleichen Augen zu, als die geballte psychische Energie durch die Zeit zurückschoss, die ganze Zeit kreischend und heulend, bis sie sich schließlich nicht mehr länger zusammenhalten konnte und sich über der leeren Ebene von Tunguska am 30. Juni 1908 um 7:17 am Morgen mit einer einzigen Explosion in Nichts auflöste.
Ich erwachte wieder in meinem eigenen Kopf. Ich lag auf dem Boden des Laboratoriums. Die Macht war verschwunden und ich fühlte mich nicht mehr wie ein Gott. Ich war erschöpft, mir tat alles weh, und meine Augen fühlten sich an, als habe Sandpapier darübergerieben. Ich setzte mich langsam auf und jammerte dabei vor mich hin. Ich trug auch meine Rüstung nicht mehr. Der Boden unter mir war hart und fest, die Wände waren einfach nur Wände, und sowohl das Gebäude als auch die Straße draußen waren still. X25 wurde nicht länger von den Gespenstern seiner eigenen Ungeheuerlichkeiten heimgesucht.
Der Boden hatte Honey wieder ausgespuckt. Sie saß auf einem Stuhl, erschüttert und zitternd, aber sie bekam sich schon wieder unter Kontrolle. Walker war wieder er selbst, ruhig und gesammelt richtete er all seine Aufmerksamkeit darauf, seine Manschetten zu ordnen. Peter bemühte sich sehr, so auszusehen, als wäre nichts passiert. Ich stand langsam auf, und sie alle wandten sich mir zu.
Ich sagte ihnen, was passiert war und was ich getan hatte. Ich sagte ihnen aber nicht, was Grendel Rex über die menschliche DNA gesagt hatte. Er war ein Teufel und Teufel lügen immer. Außer wenn einen die Wahrheit härter treffen kann.
»Also warst du der Grund für das, was hier 1908 passiert ist?«, fragte Peter. »Du bist für das Tunguska- Ereignis verantwortlich?«
»Ein Drood war's«, sagte Honey. »Das hätte ich mir denken können.«
»Das meinem Großvater zu beweisen dürfte allerdings ein kleines bisschen schwierig werden«, sagte Peter.
»Machst du Witze?«, fragte ich. »So was kann man doch nicht geheim halten! Hellseher und Telepathen der ganzen Welt werden von dem, was ich grade getan habe, taub geworden sein. Niemand wird sie davon abhalten können, darüber zu reden, auch wenn meine Familie das zweifellos zu unterdrücken versuchen wird. Glücklicherweise kennen nur wir vier die Details, und ich glaube, es ist besser, wir belassen es dabei.«
»Oder die Droods werden kommen und uns alles vergessen lassen, wie damals bei Grendel Rex?«, fragte Honey.
»Genau«, sagte ich.
»Noch ein Grund, warum wir euch nicht in der Nightside operieren lassen«, murmelte Walker. »Nur mir ist gestattet, so willkürlich zu sein.«
»Können wir bitte losgehen und ein Lebensmittelgeschäft suchen?«, fragte Peter. »Irgendwo muss es doch ein paar Konserven geben. Wenn ich noch mehr Hunger bekomme, dann kriecht mein Magen den Hals rauf und wird meinen Kopf fressen.«
»Weißt du, ich würde wirklich eine Menge Geld dafür bezahlen, das zu sehen«, sagte Honey.
Wir verließen das Labor und gingen durch die verlassenen Straßen. Ich blieb ein wenig zurück und dachte über die anderen nach, während sie noch immer einigermaßen offen und verletzlich waren. Peter interessierte mich am meisten. Ich hatte ihn vorher noch nie wirklich verängstigt gesehen. Eigentlich war er, bedachte man seine Jugend und Unerfahrenheit mit der erweiterten Welt, mit dem Ungeheuer von Loch Ness und dem Hyde ziemlich gelassen geblieben. War interessiert, sogar beeindruckt, aber als es Zeit geworden war zu handeln, hatte er nicht gezögert, sondern seinen Teil beigetragen wie wir anderen. Für jemanden, dessen einzige Bekanntschaft mit dem Agentengeschäft auf dem Gebiet der Industriespionage lag, war das mehr, als man hätte erwarten können.
Also war er wohl doch Alexander Kings Enkel.
Aber es war nützlich zu wissen, dass er seine Grenzen hatte. Die Albträume hatten sein Selbstbewusstsein erschüttert und nur Hysterie übrig gelassen. Vielleicht, weil sie so ausgesprochen außerhalb seiner Kontrolle lagen. Wenn man es genau nahm - als es dazu gekommen war, das Ungeheuer von Loch Ness und den Hyde zu bekämpfen, hatte er die erstbeste Möglichkeit genutzt, zurückzuweichen und uns andere die Drecksarbeit machen zu lassen, während er alles mit seinem kostbaren Kamerahandy filmte.
Was auch immer passierte, ich musste dieses Kamerahandy in die Finger bekommen.
Walker fiel ebenfalls zurück, um mir Gesellschaft zu leisten, und wir sprachen leise miteinander. Er verlangsamte absichtlich unsere Schritte, sodass sich ein wenig Abstand zu Peter und Honey entwickelte.
»Während Sie fort waren, hat jemand versucht, mich zu töten«, sagte er still und vollkommen sachlich. »Selbst mitten in diesem Schrecken, der da vor sich ging. Bei so viel Amok laufendem Irrsinn ist es schwer zu sagen, aber jemand hat von hinten ganz definitiv versucht, mir den Kopf von den Schultern zu drehen. Er hätte bei jedem anderen Erfolg gehabt, aber glücklicherweise haben meine Jahre in der Nightside es sehr schwer gemacht, mich zu töten.« »Selbst jetzt, wo die Autoritäten fort sind?«
»Besonders jetzt, wo sie fort sind. Ich bin auf Arten geschützt, die Sie sich nicht einmal vorstellen können. Aber der Punkt ist doch, wir wissen jetzt, wer Katt und den Blauen Elf getötet hat. Es muss entweder Honey oder Peter sein.«
»Immer vorausgesetzt, dass Sie die Wahrheit sagen.« »Ah«, meinte Walker. »So ist das, ja.«
»Keinem von uns kann man trauen. Wir sind alle Agenten.«
Kapitel Sieben
Der Tropfen im Ozean
Es gab Sonne, Licht, Wärme und nach der bitteren Kälte von Tunguska und X25 fühlte sich das wie das Paradies selbst an. Alle vier schrien wir vor Erleichterung auf, als die Teleportarmbänder uns an unserem neuen Einsatzort in der Sonne absetzten. Und das Erste, was wir taten, war, uns die dicken Pelzmäntel vom Leib zu reißen und sie in einem großen Haufen vor uns auf den Boden zu werfen. Mützen, Handschuhe und alles andere, was uns an X25 erinnerte, folgte, so schnell wir es uns vom Leib reißen konnten, und als alles auf einem Haufen lag, traten wir alle darauf ein, nur so aus Prinzip. Erst dann nahmen wir uns die Zeit, uns umzusehen und herauszufinden, wo wir waren.
Wir waren in einer ordentlichen kleinen Seitenstraße abgesetzt worden, die an den Docks einer größeren Stadt mündete. Überall waren Schiffe: meist Marine, aber auch einige zivile, Touristenboote und Fischkutter. Amerikanische Marine: große, beeindruckende Schiffe, länger als manche Straße, ausgerüstet mit der neuesten Technologie und den allergrößten Kanonen. Crewmitglieder schwärmten über die Decks wie Ameisen, die ihrer Königin dienten. Deshalb war das wohl auch kein guter Ort, herumzulaufen und Fragen zu stellen. Ich ging ans Ende der Straße und sah über das blaugrüne Wasser, das ruhig unter einem blassblauen Himmel lag, ohne eine einzige Wolke weit und breit. Die Sonne stand hoch am Himmel und schien satt, freundlich und köstlich warm. Möwen segelten in den Luftströmungen, ihre entfernten Rufe wild und spöttisch.
»Ich habe wieder Kontakt zu Langley«, sagte Honey. Sie hielt eine Hand an ihren Kopf. Ob das bei einem Hirnimplantat half, wusste ich nicht. Sie rümpfte die Nase, fast wimmerte sie. »Sie brüllen ganz schön. Offenbar haben sie es verdammt persönlich genommen, als ich vom Planeten runtergefallen bin und sie mich nicht mehr lokalisieren konnten. Sie haben drei verschiedene Spionage-Satelliten programmiert, nichts weiter zu tun als nach mir zu suchen. Sie waren besorgt. Das war wohl echt süß von ihnen, wenn sie nur aufhören würden, mich anzubrüllen. Ah, sieht so aus, als wären wir grade in Philadelphia, Pennsylvania.«
»Wie lange hatten sie uns nicht auf dem Schirm?«, fragte ich.
»Drei Tage, sieben Stunden«, erwiderte Honey. »Man stellt mir eine Menge Fragen.«
»Wen kümmert's«, meinte Peter. »Hier riecht es lecker!«