»Ich verstehe.« Horvath schwieg einen Augenblick lang bedrückt, dann hellte sich seine Miene auf. »Aber Sie sagten, die Mac Arthur würde den wissenschaftlichen Bedürfnissen angepasst werden. Dass wir eine richtige, voll ausgerüstete wissenschaftliche Expedition durchführen können.«
Merrill nickte. »Ja. Ich hoffe, dass Kutuzov nichts zu tun sein wird. Bei Ihnen und Ihren Leuten liegt’s, dass er nichts unternehmen muss. Ist ja nur eine Vorsichtsmaßnahme.«
Blaine räusperte sich vorsichtig.
»Ja, junger Mann, was ist?« erkundigte sich Armstrong.
»Ich fragte mich, was mit meinen Passagieren geschehen soll, Sir.«
»Ah ja. Natürlich«, sagte Merrill. »Senator Fowlers Nichte und dieser Händlerbonze.
Meinen Sie, die beiden würden mitkommen wollen?«
»Ich weiß, dass Sally — Miss Fowler das ganz bestimmt will«, antwortete Rod. »Sie hat zwei Gelegenheiten, nach Sparta zu kommen, nicht genützt, und sie hat praktisch jeden Tag in dieser Sache bei der Admiralität vorgesprochen.«
»Eine Anthropologiestudentin«, murmelte Merrill. »Wenn sie mit möchte, dann soll sie mit. Kann nicht schaden, wenn die Humanitätsliga sieht, dass das keine Strafexpedition ist, und ich kann mir keine bessere Art denken, das allen klarzumachen. Ein guter Schachzug. Was ist mit diesem Bury?«
»Ich weiß nicht, Sir.«
»Stellen Sie fest, ob er mit will«, sagte Merrill. »Admiral, Sie wissen auch kein geeignetes Schiff nach der Hauptstadt, oder?«
»Keins, auf das ich diesen Burschen loslassen möchte«, antwortete Cranston. »Sie haben Plechanovs Bericht gelesen.«
»Ja. Nun gut, Dr. Horvath wollte ja ohnehin Vertreter des Handels mitnehmen. Ich glaube, Seine Exzellenz wird diese Chance nicht verpassen wollen … Sie brauchen ihm bloß zu sagen, es könnte auch einer seiner Konkurrenten eingeladen werden. Das wird den Ausschlag geben. Hab’ noch keinen Kaufmann getroffen, der nicht durch die Hölle ginge, um seiner Konkurrenz ein Schnippchen zu schlagen.« »Wann werden wir starten, Sir?« fragte Rod.
Merrill zuckte die Achseln. »Das liegt bei Horvaths Leuten. Die haben eine Menge Vorbereitungen zu treffen, nehme ich an. Die Lenin sollte etwa in einem Monat eintreffen. Sie wird Kutuzov unterwegs abholen. Danach sehe ich keinen Grund, warum sie nicht starten sollten, sobald die Mac Arthur bereit ist.«
11
Die Kirche von Ihm
Der Wagen der Einschienenbahn sauste leise summend mit gleichmäßigen hundertfünfzig Stundenkilometern dahin. Die kleine Schar von Samstagspassagieren schien stillvergnügt die Fahrt zu genießen. Es waren wortkarge Menschen. In einer Gruppe weiter hinten wurde eine Flasche herumgereicht. Selbst diese Leute benahmen sich nicht laut, sie lächelten nur öfter. Einige wohlerzogene Kinder an Fenstersitzen reckten den Hals, um hinausschauen zu können, zeigten auf etwas und stellten in einem unverständlichen Dialekt Fragen.
Kevin Renner hielt es nicht viel anders. Er beugte sich nahe an das klare Plastikfenster heran, um die fremde Welt besser sehen zu können. Ein unternehmungslustiges Grinsen lag auf seinem mageren Gesicht.
Staley hatte den Sitz am Gang; er erweckte den Eindruck, als hätte er selbst im Sitzen noch Haltung angenommen. Potter saß in der Mitte.
Die drei hatten nicht Urlaub, sondern dienstfrei und konnten jederzeit über ihre Taschencomputer zurückgerufen werden. In den Werften von Neuschottland waren Arbeiter eifrig dabei, die Reste der Flugboote von den Hangarwänden der Mac Arthur zu kratzen und unter Sinclairs Aufsicht größere Reparaturen durchzuführen. Sinclair konnte Potter insbesondere jeden Augenblick benötigen und zurückbeordern — und er musste doch als Einheimischer für die beiden anderen Fremdenführer spielen. Vielleicht musste Staley daran denken, aber er saß nicht etwa aus Besorgnis so steif da. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Er konnte einfach nicht anders sitzen.
Naturgemäß redete Potter am meisten und zeigte alle Augenblicke irgendwohin. »Diese zwei Vulkane dort drüben, sehen Sie sie, Mr. Renner? Und diese kastenförmigen Bauten in der Nähe der Gipfel? Die sind für die Atmosphäre-Verbesserung. Wenn die Krater Gas ausspucken, schießen die Kontrollautomaten eine Wolke von extra gezüchteten Algen in den Dampf. Ohne die hätten wir bald wieder reichlich schlechte Luft.«
»Hm. Aber während der Sezessionskriege konnte das wohl kaum in Betrieb gehalten werden. Was habt ihr da gemacht?«
»Uns mit der dicken Luft durchgeschlagen.«
Seltsame, scharfe Linien schnitten durch die Landschaft. Es war ungewohnt, hier das grüne Schachbrettmuster bebauter Felder zu sehen und gleich daneben eine leblose Wüste, fast eine Mondlandschaft, wären nicht die Spuren von Erosion zu erkennen gewesen. Ein breiter Fluss schlängelte sich durch frischgrüne Kulturen, kreuzte eine Grenzlinie, floss weiter durch unfruchtbares Land, als hätte sich nichts geändert.
Unkraut gab es nirgends. Nichts wuchs wild. Der Waldstreifen, an dem sie eben vorbeifuhren, hatte die gleichen scharfen Begrenzungen, war ebenso sauber und ordentlich wie die breiten Blumenbeete, an denen sie zuvor vorbeigekommen waren.
»Diese Welt ist jetzt seit dreihundert Jahren besiedelt«, meinte Renner. »Warum sieht sie immer noch so aus? Ich meine, es müsste sich inzwischen doch Humus gebildet haben, alle möglichen Samen müssten sich ausgebreitet haben. Das Land sollte inzwischen teilweise verwildert sein.«
»Wie oft kann sich’s eine Kolonialwelt schon leisten, bebautes Land verwildern zu lassen? Seit wir hier sind, haben sich die Menschen schneller verbreitet als Humus und Samen.« Potter richtete sich plötzlich auf. »Schaut mal, wir kommen gleich nach Quentins Patch.«
Die Bahn bremste weich ab. Automatisch glitten die Türen auf, und eine Handvoll Leute stieg aus. Potter führte seine Kameraden eilig weiter. Sein Schritt war beinahe beschwingt. Hier war er zu Hause.
Renner blieb plötzlich stehen. »Schaut, man sieht Murchesons Auge sogar bei Tag!«
Tatsächlich war der Stern hoch im Osten recht gut zu erkennen, ein rötlicher Funken am blassblauen Himmel.
»Aber das Angesicht Gottes kann man nicht ausmachen.«
Köpfe wandten sich nach den Flottenoffizieren um. Potter sagte leise: »Mr. Renner, Sie dürfen den Kohlensack auf dieser Welt nicht Angesicht Gottes nennen.«
»Hm. Warum nicht?«
»Ein Ihmist würde ihn das Angesicht von Ihm nennen. Die Leute sprechen nicht direkt von ihrem Gott. Für ein gutes Kirchenmitglied ist das nichts als der Kohlensack.«
»Überall sonst sagt man Angesicht Gottes dazu — Kirchenmitglieder oder nicht.«
»Anderswo im Imperium sind die Leute nicht Ihmisten. Kommt, gehen wir hier entlang, dann erreichen wir die Kirche von Ihm noch vor dem Dunkelwerden.«
Quentins Patch war ein kleines Dorf inmitten von Weizenfeldern. Der Weg war ein breiter, leicht gewellter Basaltstreifen, der wie ein erstarrter Lavafluss aussah. Renner vermutete, dass vor langer Zeit ein Schiff auf den Flammen seiner Hauptdüse über den Boden geschwebt war, um Wege und Straßen auszuschmelzen, bevor die Gebäude errichtet wurden. Jetzt war die Oberfläche von einem Netz feinster Risse überzogen. Da längst zwei- und dreistöckige Häuser die Straßen auf beiden Seiten säumten, konnte man sie nicht gut in der gleichen Weise ausbessern.
»Wie hat das mit den Ihmisten angefangen?« fragte Renner. »Die Legende erzählt«, sagte Potter, unterbrach sich jedoch gleich. »Na, es sieht aus, als war’s nicht nur Legende. Die Ihmisten behaupten jedenfalls, dass das Angesicht Gottes eines Tages erwachte.«