Rod erreichte endlich die Brücke, während überall Offiziere und Bootsleute beschämt das Durcheinander zu beseitigen versuchten, um ›alles klar zur Beschleunigung‹ melden zu können. Rod wusste recht gut, dass seine Leute keine Schuld hatten, wenn sie mit den Wissenschaftlern nicht fertig wurden. Andererseits konnte er die Lage nicht einfach ignorieren. Wenn er Nachsicht übte, würde seine Besatzung gegen die Wissenschaftler noch viel weniger aufkommen. Er hatte zwar gegen den Wissenschaftsminister und seine Leute keinerlei Handhabe, aber wenn er seine eigenen Männer streng genug zusammenstauchte, würden die Wissenschaftler vielleicht der Besatzung zuliebe tun, was man ihnen sagte … Diese Idee war einen Versuch wert, fand er. Ein Blick auf einen Bildschirm, der zwei Infanteristen und vier zivile Labortechniker zeigte, die in einem Knäuel am achternen Messeschott klebten, ließ Rod leise fluchen und inständig hoffen, dass seine Methode funktionieren würde. Irgend etwas musste geschehen.
»Signal vom Flaggschiff, Sir. Position zur Redpines halten.«
»Bestätigen, Mr. Potter. Mr. Renner, Sie übernehmen und folgen dem Tanker Nummer Drei.«
»Aye, aye, Sir.« Renner grinste begeistert. »Nun geht’s los. Schäbig, dass das Reglement für solche Gelegenheiten keinen Sekt vorsieht.«
»Ich dächte, Sie hätten schon genug zu tun, Mr. Renner. Admiral Kutuzov besteht darauf, dass wir ordentliche Formation halten, wie er es nennt.«
»Ja, Sir. Ich habe gestern Abend schon mit dem Steuermann der Lenin gesprochen.« »Oh.« Rod ließ sich in seinen Kommandositz sinken. Es würde eine schwierige Reise werden, sagte er sich. Diese vielen Wissenschaftler! Und Dr. Horvath hatte darauf bestanden, selbst mitzukommen. Er begann sich zu einem separaten Problem auszuwachsen. Das Schiff war so voller Zivilisten, dass die meisten Offiziere der Mac Arthur sich ihre ohnehin zu kleinen Kabinen teilen mussten, dass die jüngeren Leutnants im Geschützraum bei den Kadetten ihre Hängematten unterbrachten, und dass Infanteristen in den Erholungsräumen einquartiert wurden, weil ihre Kojen für empfindlichere wissenschaftliche Geräte benötigt wurden. Rod begann zu wünschen, Horvath hätte seine Meinungsverschiedenheit mit Cranston gewonnen. Der Wissenschaftler hatte für die Expedition einen Mannschaftstransporter mit ungleich viel höherem Fassungsvermögen haben wollen.
Die Admiralität hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es würden nur Schiffe an der Expedition teilnehmen, die sich auch verteidigen konnten — und nur solche. Die Tanker würden die Schiffe bis zu Murchesons Auge begleiten, aber sie kamen nicht mit zum Splitter.
Aus Rücksicht auf die Zivilisten wurden 1,2 Ge während des Fluges beibehalten. Rod musste zahllose Dinnergesellschaften über sich ergehen lassen, hatte Streitigkeiten zwischen Wissenschaftlern und der Besatzung zu schlichten und vereitelte wiederholte Versuche Dr. Buckmans, des Astrophysikers, Sallys Zeit für sich zu beanspruchen.
Der erste Sprung war eine Routinesache. Der Übergangspunkt zu Murchesons Auge war bestens kartiert. Die Sonne von Neukaledonien war ein grell leuchtender weißer Punkt in dem Augenblick vor dem Sprung. Im nächsten war Murchesons Auge eine trübrote Glutkugel von der scheinbaren Größe eines Tennisballs.
Der Konvoi bewegte sich auf den Feuerball zu. Gavin Potter hatte mit Horst Staley die Hängematte getauscht. Das hatte ihn eine Woche Mühe und einiges mehr gekostet, aber den Preis war es wert. Staleys Hängematte befand sich nämlich neben einer Sichtluke.
Die Luke war in die zylindrische Wand des Geschützraums eingelassen. Wenn das Schiff rotierte, befand sie sich natürlich im Boden. Potter lag oft in seiner Hängematte und schaute hinaus, ein sanftes Lächeln auf seinem schmalen Gesicht.
Whitbread hatte eine Hängematte gegenüber. Er beobachtete Potter nun schon seit einigen Minuten.
»Mr. Potter.«
Der Neuschotte wendete kaum den Kopf. »Ja, Mr. Whitbread?«
Whitbread beobachtete ihn weiter, die Arme unter dem Kopf verschränkt. Er war sich durchaus bewusst, dass ihn Potters Faszination für Murchesons Auge verdammt wenig anging. Unverständlicherweise blieb Potter immer höflich. Wie viel Stichelei würde er wohl schlucken?
Es gab genügend unterhaltsame Ereignisse an Bord der Mac Arthur, aber wenn man bloß Kadett war, hatte man herzlich wenig davon. In seiner dienstfreien Zeit musste er selber für seine Unterhaltung sorgen.
»Potter, wenn ich mich recht erinnere, kamen Sie von Dagda auf die Mac, kurz bevor wir die Sonde einfingen.« Whitbread besaß eine recht laute Stimme. Horst Staley, der ebenfalls Freiwache hatte, drehte sich in Potters ehemaliger Koje um und widmete den beiden seine Aufmerksamkeit. Whitbread bemerkte es nur scheinbar nicht.
Potter schaute blinzelnd auf. »Ja, Mr. Whitbread. Das stimmt.«
»Nun, irgend jemand muss es Ihnen ja sagen, und ich fürchte, es hat bis jetzt noch niemand daran gedacht. Das erste Unternehmen, das Sie mitmachten, ließ Sie einen Sturz in eine FS-Sonne erleben. Ich hoffe sehr, dass Ihnen das nicht den Dienst bei der Flotte verleidet hat.«
»Aber keineswegs. Ich fand es sehr interessant«, antwortete Potter höflich.
»Die Sache ist die, es kommt bei der Flotte nur selten vor, dass wir uns geradewegs in eine Sonne stürzen. Wirklich, es passiert nicht auf jeder Reise. Ich finde, das musste Ihnen einmal jemand sagen.«
»Aber, Mr. Whitbread, werden wir nicht jetzt genau das tun?« »Huh?« Das hatte Whitbread nicht erwartet.
»Kein Schiff des Ersten Imperiums hat jemals den Übergang von Murchesons Auge zum Splitter entdeckt. Sie haben ihn vielleicht nicht gebraucht, aber wir können sicher sein, dass sie zumindest danach gesucht haben«, erklärte Potter ernsthaft. »Ich hab’ wohl wenig Raumerfahrung, Mr. Whitbread, aber ich hab’ was gelernt. Murchesons Auge ist ein roter Superriese, ein großer Stern von sehr geringer Dichte, so groß im Durchmesser wie die Bahn des Saturn im Sol-System. Es ist also recht wahrscheinlich, dass der Alderson-Punkt für den Splitter innerhalb dieses Sterns liegt, wenn einer existiert. Oder sind Sie anderer Meinung?«
Horst Staley richtete sich auf einen Ellbogen auf. »Ich glaube, er hat recht. Das würde erklären, warum nie jemand die Daten des Übergangspunktes festgestellt hat. Alle wussten, wo er liegen musste …«
»Aber keiner wollte hin und es überprüfen. Ja, natürlich hat er recht«, sagte Whitbread erbittert. »Und wir fliegen mitten hinein. Oho! Wieder mal!«
»Genau!« sagte Potter mit einem sanften Lächeln und wandte sich wieder seiner Sichtluke zu.
»Es ist höchst ungewöhnlich«, protestierte Whitbread. »Auch wenn Sie’s mir nicht glauben, wir fliegen nicht jedes mal in Sterne hinein. Nicht öfter als bei zwei von drei Reisen.« Er schwieg einen Augenblick lang und murmelte dann: »Und selbst das ist mir noch zuviel.«
Die kleine Flottille machte am verschwommenen Rand von Murchesons Auge halt. Um Bahndaten und ähnliche Probleme brauchte man sich nicht zu kümmern, denn so weit draußen war die Gravitation des Superriesen schon so gering, dass es Jahre gedauert hätte, bis ein Schiff tiefer in ihn hineingefallen wäre. Die Tanker stellten die Verbindung zu den Expeditionsschiffen her und begannen mit dem Treibstofftransfer.
Eine seltsame, zögernde Freundschaft hatte sich zwischen Horace Bury und Buckman, dem Astrophysiker, entwickelt. Bury wunderte sich manchmal darüber. Was fand Buckman an Bury?
Buckman war hager, knochig und leicht gebaut wie ein Vogel. Er sah aus, als ob er manchmal tagelang aufs Essen vergäße. Buckman kümmerte sich anscheinend um nichts und niemanden in der Welt, die für Bury die einzig reale war: Menschen, Zeit, Macht, Geld waren für Buckman nur die Mittel, die ihm halfen, die Vorgänge im Innern von Sternen zu erforschen. Warum sollte ein Mann wie er die Gesellschaft eines Kaufmanns suchen?