»Es wäre besser, wenn wir sie vorläufig noch nicht zu kochen versuchten«, erklärte Renner von der Tür her. »Es könnten Kinder sein. Unreife Splits.«
Sally fuhr herum und schnappte entsetzt nach Luft, bevor sie zu ihrem wissenschaftlichen Gleichmut zurückfand. Aber auch ohne diese Bemerkung hätte sie keinesfalls gebilligt, irgend etwas zu kochen, bevor sie wusste, was es war. »Mr. Renner, weshalb interessiert sich der Chefnavigator der Mac Arthur für Probleme extraterrestrischer Biologie?« erkundigte sich Horvath.
»Das Schiff hat keine Fahrt, der Kapitän hat lediglich allgemeine Bereitschaft angeordnet, und ich habe dienstfrei«, sagte Renner. Er fand es nicht nötig, die stehende Order des Kapitäns zu erwähnen, dass die Besatzung den Wissenschaftlern nicht in die Quere kommen sollte. »Weisen Sie mich hinaus?«
Horvath überlegte sich das. Auf der Brücke tat Rod Blaine dasselbe, aber er hatte für Horvath ohnehin nicht viel Sympathie übrig. Der Wissenschaftsminister schüttelte schließlich den Kopf. »Nein. Aber ich finde Ihre Bemerkung über die kleinen Wesen ziemlich unsinnig.«
»Wieso? Sie könnten den zweiten linken Arm später verlieren wie wir die Milchzähne.«
Einer der Biologen nickte zustimmend. »Welche Unterschiede gibt es sonst noch? Die Größe?« »Ontogenese rekapituliert die Phylogenese«, murmelte jemand. Jemand anderer sagte: »Ach, halten Sie doch den Mund.«
Das Split gab Kelley seine Waffe zurück und schaute sich um. Renner war der einzige Flottenoffizier im Raum. Die braunpelzige Fremde ging auf ihn zu und langte nach seiner Pistole. Renner entlud die Waffe und gab sie her, dann ließ er eine wiederum sehr gründliche Untersuchung seiner Hand über sich ergehen. Diesmal arbeitete das Split sehr viel schneller. Seine Hände bewegten sich so blitzartig, dass das Auge kaum folgen konnte.
»Nun, vielleicht sind die Kleinen eine Art Affen«, sagte Renner. »Ich meine, die Vorfahren der intelligenten Split-Spezies. Dann könnten Sie durchaus recht gehabt haben. Auf Dutzenden Planeten gibt es Menschen, die Affenfleisch essen. Aber wir riskieren es wohl lieber noch nicht.«
Das Split werkte an Renners Waffe herum und legte sie endlich auf den Tisch. Renner nahm sie in die Hand. Er runzelte die Stirn, als er merkte, dass der flache Griff jetzt gekrümmte Rillen aufwies, die bereits ebenso hart waren wie das ursprüngliche Plastik.
Selbst der Abzug war umgeformt worden. Renner legte die Finger um den Kolben, und auf einmal passte die Waffe in seine Hand wie nie zuvor. Sie war ein Teil seiner Hand und lag ganz von selbst richtig im Anschlag.
Er freute sich über dieses neuartige Gefühl und bemerkte dann, dass Kelley seine Waffe nach einem verwunderten Blick hastig geladen und wieder im Halfter verstaut hatte. Die Pistole war jetzt einfach perfekt, und Renner hätte sie nur äußerst ungern hergegeben.
Kein Wunder, dass der Infanterist nichts gesagt hatte. Der Navigator zeigte Horvath das Werk des Split.
Der Wissenschaftsminister nahm die Pistole in die Hand. »Unser Besucher scheint eine Menge von Werkzeugen zu verstehen«, sagte er. »Ich weiß natürlich wenig über Waffen, aber mir scheint, dass diese der menschlichen Hand besonders gut angepasst ist.«
Renner nahm seine Waffe zurück. Horvaths Bemerkung irritierte ihn irgendwie. Sie kam ihm viel zuwenig begeistert vor. Passte die Waffe vielleicht in seine eigene Hand besser als in die Horvaths?
Das Split schaute sich immer noch interessiert um, drehte seinen Rumpf einmal dahin, einmal dorthin, starrte die Wissenschaftler der Reihe nach an, dann die Einrichtung, es schaute und wartete. Eins der Miniaturexemplare saß mit gekreuzten Beinen vor Renner und schaute und wartete auch. Es schien nicht die geringste Angst zu haben. Renner bückte sich und kraulte es hinter dem Ohr, dem rechten Ohr. Wie das große Split besaß es kein linkes Ohr; die Schultermuskeln des oberen linken Arms zogen sich bis zum Scheitel hinauf. Es schien jedoch das Kraulen zu mögen; Renner vermied sorgfältig das Ohr selbst, das groß und dünn war.
Sally schaute zu und überlegte, wie es nun weitergehen sollte. Sie überlegte auch, was sie an Renners Tun störte. Es war nicht der seltsame Anblick eines Flottenoffiziers, der eine recht sonderbare Sorte von Äffchen hinter dem Ohr kraulte, es war irgend etwas anderes, etwas an dem Ohr selbst …
16
Der tüchtige Clown
Dr. Buckman hielt sich gerade im Observatorium auf, als der blendende Laserstrahl des Split-Signals erlosch.
Es war tatsächlich von einem Planeten gekommen, der etwa Erdgröße besaß und eine transparente Atmosphäre, wie der verschwommene Rand bewies. Buckman nickte befriedigt; selbst auf diese Entfernung waren eine Menge Einzelheiten festzustellen. Die Flotte besaß gute Geräte und wusste sie einzusetzen. Einige der Unteroffiziere hätten brauchbare Astronomieassistenten abgegeben — zu schade, dass sie sich ans Militär verschwendeten …
Wer von der Astronomieabteilung gerade verfügbar war, machte sich an die Analyse der Beobachtungsdaten von dem Planeten, und Buckman rief Kapitän Blaine an.
»Ich wünschte, Sie würden mir ein paar von meinen Leuten zurückschicken«, beschwerte er sich. »Sie stehen alle im Aufenthaltsraum herum und schauen sich das Split an.«
Blaine zuckte die Achseln. Er konnte den Wissenschaftlern kaum Befehle erteilen. Wie Buckman mit seiner Abteilung zurechtkam, war dessen Angelegenheit. »Tun Sie, was Sie können, Doktor. Alle interessieren sich eben für die fremden Wesen. Selbst mein Navigator, der da unten gar nichts zu suchen hätte. Was konnten Sie bisher feststellen?
Ist es ein erdähnlicher Planet?«
»Gewissermaßen ja. Ein wenig kleiner als die Erde, mit einer Wasser-Sauerstoff-Atmosphäre. Aber im Spektrum scheinen Spurenelemente auf, die mir Kopfzerbrechen machen. Die Heliumlinie ist sehr stark ausgeprägt, viel zu stark. Mir gefällt diese Messung nicht.«
»Eine starke Heliumlinie? Etwa einem Prozent entsprechend?«
»Ja, wenn die Messung in Ordnung ist, aber ehrlich gesagt … Warum wollen Sie das wissen?«
»Die Atemluft in dem Split-Boot enthielt ein Prozent Helium und noch einige recht seltsame Zusätze; ich glaube, Ihre Messung stimmt.«
»Aber, Kapitän, es ist unmöglich, dass ein erdähnlicher Planet so viel Helium halten kann! Es muss sich verflüchtigen. Einige der anderen Linien sind noch unerklärlicher.«
»Ketone? Kohlenwasserstoff komplexe?«
»Ja!«
»Dr. Buckman, ich würde Ihnen raten, sich Mr. Whitbreads Bericht über die Atmosphäre in dem Split-Boot anzusehen. Sie finden ihn im Computer gespeichert. Und bitte machen Sie eine Neutrino-Messung.«
»Das geht jetzt aber sehr schlecht, Kapitän.«
»Bitte tun Sie es trotzdem«, sagte Rod zu dem knochigen, starrsinnigen Gesicht auf seinem Bildschirm. »Es ist vielleicht wichtig, den Stand ihrer Technik zu kennen.«
»Wollen Sie ihnen etwa den Krieg erklären?« knurrte Buckman.
»Noch nicht«, antwortete Blaine kurz. »Ach, übrigens, solange Sie die Instrumente dafür eingerichtet haben, könnten Sie auch noch eine Neutrino-Messung von dem Asteroiden machen, von dem das Split-Boot kam. Er liegt ziemlich abseits des Trojanerschwarms, Sie werden also mit Hintergrundstrahlung kaum Schwierigkeiten haben.«
»Kapitän, das hält mich in meiner Arbeit auf!«
»Ich werde Ihnen einen Offizier als Aushilfe schicken.« Rod überlegte rasch. »Potter.
Sie können Mr. Potter als Assistenten haben.« Potter würde begeistert sein. »Hören Sie, Dr. Buckman, diese Daten sind wichtig. Je mehr wir über sie wissen, um so eher können wir uns mit ihnen verständigen. Und je eher wir mit ihnen reden können, um so eher können wir ihre eigenen astronomischen Beobachtungen verstehen.« Dieses Argument musste einschlagen. Buckman runzelte die Stirn. »Also, das — das ist richtig.