Und den Admiral. Aber das verschob er am besten, bis er genau wusste, was sich abgespielt hatte. Lange konnte er es allerdings nicht hinausschieben. Er zog seine Uniformjacke an, bevor er den Wissenschaftsminister anrief.
»Sie sind entkommen? Wie?« knurrte Horvath. Der Wissenschaftsminister gehörte nicht zu jenen begnadeten Menschen. Seine Augen glichen dem Nabel einer Wasserleiche.
Das schüttere Haar war zerzaust. Der Geschmack in seinem Mund verschlechterte sichtlich seine Laune. »Das wissen wir nicht«, erklärte Rod geduldig. »Die Kamera funktionierte nicht. Einer meiner Offiziere ging nachsehen.« Das musste den Wissenschaftlern genügen. Er hatte nicht die Absicht, eine Horde Zivilisten über den jungen Burschen herfallen zu lassen. Wenn man dem Jungen auf die Finger klopfen musste, dann würde er das selbst besorgen. »Doktor, es würde Zeit sparen, wenn Sie jetzt gleich zu dem Messeraum hinunterkommen könnten.«
Der Korridor vor dem ehemaligen Messe- und Aufenthaltsraum füllte sich rasch mit Menschen: Horvath in einem zerdrückten, rotseidenen Morgenmantel; vier Infanteristen, Leyton, der zweite Wachoffizier, Whitbread, Sally Fowler in einem unförmigen Morgenrock, aber mit frischgewaschenem Gesicht und einem hübschen Tuch um die Haare. Drei Köche suchten vor sich hinmurrend und mit Töpfen und Pfannen klappernd die Kombüse ab, während weitere Soldaten ihnen zuschauten und im Weg herumstanden.
Whitbread erklärte eben: »Also ich schlug die Tür zu und schaute den Gang hinunter.
Das zweite könnte nach der anderen Seite entwischt sein …«
»Aber Sie glauben, es ist noch hier drin.«
»Ja, Sir.«
»Gut, dann wollen wir mal sehen, ob wir hineinkommen, ohne dass es rauskann.«
»Äh — beißen sie, Käptn?« erkundigte sich ein Infanteriekorporal. »Wir könnten an die Männer Schutzhandschuhe ausgeben.«
»Das ist nicht nötig«, beruhigte ihn Horvath. »Sie haben noch nie jemanden gebissen.«
»Jawohl, Sir«, sagte der Korporal und salutierte. Einer seiner Männer knurrte: »Das wurde auch von den Schwarmratten behauptet«, aber niemand achtete darauf. Sechs Männer und eine Frau bildeten einen halbkreisförmigen Kordon um Horvath, der sich bereitmachte, die Tür zu öffnen. Alle zeigten ernste, angespannte Mienen, und die bewaffneten Infanteristen waren auf alles gefasst. Zum ersten Mal verspürte Rod einen fast unwiderstehlichen Lachreiz. Er unterdrückte ihn. Dieses winzige, lächerliche, arme Geschöpf …
Horvath drückte sich rasch durch den Türspalt. Heraus kam nichts. Alle warteten.
»In Ordnung«, rief der Wissenschaftsminister. »Ich kann es sehen. Kommen Sie rein, aber nur einer auf einmal. Es sitzt unter dem Tisch.«
Das Mini-Split beobachtete, wie einer nach dem anderen vorsichtig zur Tür hereinkam, bis es von Menschen eingekreist war. Wenn es auf eine Lücke hoffte, war das vergeblich. Als die Tür geschlossen war und sieben Männer und eine Frau ihm jeden Fluchtweg versperrten, gab es auf. Sally nahm es in die Arme.
»Ist ja gut, armes kleines Ding«, flüsterte sie beruhigend. Das Split schaute sich verängstigt um.
Whitbread untersuchte die Reste der Kamera. Irgendwie war ein Kurzschluss entstanden, der seltsamerweise so lange erhalten blieb, bis Metall und Plastik der Kamera geschmolzen waren. Die Lufterneuerungsanlage der Mac Arthur war mit dem Gestank noch nicht ganz fertig geworden. Das Drahtnetz unmittelbar hinter der Kamera war ebenfalls durchgeschmolzen, so dass ein großes Loch entstanden war. Blaine kam herüber und sah sich die Bescherung an.
»Sally«, fragte er, »könnten sie intelligent genug sein, so etwas zu planen?«
»Nein!« riefen Sally und Horvath unisono, und Horvath erläuterte: »Ihr Gehirn ist zu klein.«
»Aha«, sagte Whitbread zu sich selbst. Aber er hatte nicht vergessen, dass die Kamera innerhalb des Drahtnetzes gewesen war.
Zwei Techniker aus der Kommunikationsabteilung wurden geholt. Sie schweißten neue Drähte über das Loch, und Sally setzte das Mini-Split wieder in den Käfig. Die Techniker brachten eine andere Vidi-Kamera, die sie diesmal außerhalb des Drahtnetzes befestigten. Niemand machte eine Bemerkung darüber.
Die Suche wurde die ganze Wache über fortgesetzt. Niemand fand das Split-Weibchen mit dem Jungen. Man versuchte, das große Split zum Helfen zu bewegen, aber es verstand entweder nicht, was man von ihm wollte, oder es hatte keine Lust. Endlich kehrte Blaine in seine Kabine zurück, um ein paar Stunden zu schlafen. Als er erwachte, waren die beiden Minis immer noch auf freiem Fuß.
»Wir könnten ihnen die Frettchen nachhetzen«, schlug Cargill beim Frühstück in der Offiziersmesse vor. Einer der Torpedomaats hielt sich ein Paar der katzengroßen Tiere, um das Mannschaftsdeck von Mäusen und Ratten zu befreien, was die Frettchen recht wirkungsvoll besorgten.
»Die würden die Splits töten!« protestierte Sally. »Die Minis sind doch nicht so gefährlich! Auf keinen Fall gefährlicher als Ratten — wir dürfen sie nicht umbringen!«
»Wenn wir sie nicht sehr bald finden, wird der Admiral mich umbringen«, knurrte Rod, gab aber nach. Die Suche wurde fortgesetzt, und Blaine begab sich schweren Herzens auf die Brücke.
»Verbinden Sie mich mit dem Admiral«, wies er Staley an.
»Aye, aye, Sir.« Der Kadett sprach kurz mit der Kommunikationszentrale.
Einige Augenblicke später erschien Admiral Kutuzovs bärtiges Gesicht auf dem Bildschirm. Der Admiral war auf der Brücke und trank Tee aus einem Glas. Rod konnte sich nicht erinnern, je mit Kutuzov gesprochen zu haben, wenn er nicht auf der Brücke war. Wann schlief der Mann? Blaine berichtete kurz von den entflohenen Splits.
»Sie haben immer noch keine Ahnung, was diese Miniaturexemplare sind, Kapitän?« fragte Kutuzov. »Nein, Sir. Es gibt mehrere Theorien. Die am meisten vertretene behauptet, dass sie mit den Splits in analoger Weise verwandt sind wie die Affen mit den Menschen.«
»Interessant, Kapitän. Ich nehme an, diese Theorien haben auch eine Erklärung dafür, warum sich Affen auf einem Asteroidenprospektorsboot befinden? Und warum dieser weibliche Prospektor zwei Affen mit an Bord Ihres Kriegsschiffs brachte? Mir ist nichts bekannt, dass wir Affen mitführen, Kapitän Blaine.«
»Nein, Sir.«
»Das Split-Schiff wird in drei Stunden hier sein«, brummte Kutuzov. »Und die Minis sind letzte Nacht entflohen. Dieses Zusammentreffen ist interessant, Kapitän. Ich glaube, diese Miniaturexemplare sind Spione.«
»Spione, Sir?«
»Spione! Es heißt, dass sie nicht intelligent sind. Vielleicht stimmt das, aber das heißt nicht, dass sie kein Gedächtnis haben. Sie haben berichtet, das große Fremdwesen sei mechanisch sehr begabt. Es hat den kleinen Exemplaren befohlen, die Uhr dieses Kaufmanns zurückzugeben. Kapitän, unter keinen Umständen darf dem großen Fremden ein Kontakt mit den entflohenen kleinen Splits erlaubt werden. Dem zweiten erwachsenen Mini-Split ebenso wenig. Ist das klar?«
»Ja, Sir …«
»Sie möchten den Grund wissen?« erkundigte sich der Admiral. »Wenn auch nur die allergeringste Chance besteht, dass diese Kreaturen das Geheimnis unseres Antriebs und des Schutzfeldes erfahren, Kapitän …«
»Ja, Sir. Ich verstehe schon. Ich werde mich darum kümmern.«
»Tun Sie das, Kapitän.«
Blaine blieb noch einen Augenblick lang sitzen und starrte den leeren Schirm an, dann drehte er sich zu Cargill um. »Jack, Sie sind doch mal unter dem Admiral gefahren, nicht? Wie ist er wirklich unter dieser Maske des eisernen Soldaten?« Cargill ließ sich in einem Sessel in der Nähe von Blaines Kommandositz nieder. »Ich war bloß ein Kadett, als er schon Kapitän war. Da kommt man sich nicht allzu nahe, Käptn. Eins ist sicher, wir hatten alle Respekt vor ihm. Er ist der härteste Offizier der ganzen Flotte — er hat mit niemandem Nachsicht, aber am wenigsten mit sich selbst. In einem Gefecht allerdings hat man bessere Chancen, lebend davonzukommen, wenn der Zar das Kommando hat.«