Nach einer Weile erst bemerkten sie die Gehsteige, die in Höhe des ersten Stockwerks an den Gebäuden entlang führten. Die Fußgänger dort oben waren recht schlecht zu sehen. Es gab Weiße, Braun-Weiße, und … andere.
Ein großes, symmetrisches Geschöpf kam daher wie ein Riese unter den Weißen. Es musste gut drei Meter groß sein und hatte einen kleinen, ohrenlosen Kopf, der fast von den schräg ansteigenden, mächtigen Schultermuskeln überwachsen war. Es trug eine ziemlich schwer aussehende Kiste unter je zwei Armen. Sein Gang war roboterhaft gewichtig und unbeirrbar. »Was ist das?« fragte Renner. »Ein Arbeiter«, antwortete Sallys Split. »Ein Träger. Nicht besonders intelligent …«
Dann entdeckte Renner noch ein anderes Geschöpf, nach dem er sich den Hals ausrenkte, denn sein Pelz war rostrot, als hätte es sich in Blut gewälzt. Es war etwa so groß wie Renners Split, nur sein Kopf war kleiner, und als es seine rechten Hände hob, sah Renner, dass es sehr lange, dünne Finger hatte, die ihn an Amazonenspinnen erinnerten. Er tippte seinem Fjunch(klick) auf die Schulter und zeigte hinüber. »Und das dort?«
»Ein Arzt«, sagte Renners Split. »Wir sind eine sehr vielfältige Spezies, wie ihr wohl inzwischen erkannt habt. Alle diese Typen sind gewissermaßen verwandt …«
»Mhm. Und die Weißen?«
»Sind Befehlsgeber. Einer war an Bord unseres Schiffs, was ihr sicherlich gewusst habt, ja?«
»Wir haben so was vermutet.« Der Zar jedenfalls. Womit würde der Mann noch recht haben?
»Was hältst du von unserer Architektur?«
»Hässlich. Abscheuliche Industriebauten«, sagte Renner. »Ich wusste, dass eure Vorstellungen von Schönheit sich von unseren unterscheiden würden, aber — sei mal ehrlich, habt ihr überhaupt eine Schönheitsnorm?«
»Hör zu, ich verschweige dir nichts. Natürlich haben wir eine, aber sie ist ganz anders als eure. Und mir ist immer noch nicht klar, was ihr an Bögen und Säulen schön findet …«
»Freudsche Symbole«, erklärte Renner überzeugt. Sally schnaubte verächtlich.
»Das sagt Horvaths Split auch immer, aber ich habe bis jetzt noch keine vernünftige Erklärung zu hören bekommen«, sagte Renners Split. »Übrigens, wie gefallen euch diese Fahrzeuge?« Die Limousinen unterschieden sich gewaltig von den kleinen Zweisitzern, die an ihnen vorbei sausten. Und nicht zwei von den flinken, winzigen Vehikeln glichen einander — die Splits schienen die Vorteile einer Massenproduktion noch nicht entdeckt zu haben. Aber alle Fahrzeuge, die sie gesehen hatten, waren klein; es war nicht mehr an ihnen dran als etwa an zwei Motorrädern, während die Menschen in niedrigen, stromlinienförmigen Wagen mit glänzender, elegant geschwungener Karosserie befördert wurden. »Sie sind prächtig«, sagte Sally. »Habt ihr sie eigens für uns gebaut?«
»Ja«, antwortete ihr Split. »Haben wir das Richtige getroffen?«
»Ganz genau. Wir fühlen uns sehr geehrt«, sagte Sally. »Ihr müsst viel Aufwand in diese …« Sie verstummte fassungslos. Renner wandte sich um nach dem, was sie gesehen hatte, und schnappte nach Luft.
Schlösser wie dieses hatte es in den bayerischen Alpen der Erde gegeben. Es gab sie noch, dieses Gebiet war nie bombardiert worden, aber Renner hatte nur Nachahmungen auf anderen Welten gesehen. Hier jedoch, mitten unter den kastenförmigen Gebäuden der Splits, erhob sich ein Märchenschloss mit Türmchen und Zinnen.
»Was ist denn das für ein Bauwerk?« fragte Renner entgeistert.
Sallys Split antwortete. »Hier werdet ihr wohnen. Es ist ein in sich geschlossener … wie sagt ihr … Lebensraum? Mit eigener Atmosphäre, einer Garage und luftdichten Wagen.«
Alle waren zutiefst beeindruckt. In die Stille hinein sagte Horace Bury: »Ihr seid bewunderungswürdige Gastgeber.«
Sie nannten es von Anfang an ›das Schloss‹ Es stand außer Frage, dass es eigens für sie entworfen und gebaut worden war. Es bot Platz für vielleicht dreißig Menschen. Die Ausschmückung und Einrichtung entsprach den Gepflogenheiten von Sparta — mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen.
Whitbread, Staley, Sally und die Doktoren Hardy und Horvath hatten zugute Manieren, um zu lachen, als ihre Fjunch(klick)s ihnen ihre Wohnräume zeigten. Die Raummaate Jackson und Weiss waren stumm vor Verblüffung und hätten überdies Sorge gehabt, etwas Dummes oder Verbotenes zu sagen, wenn sie den Mund auftaten. In Horace Burys Volk beachtete man eine strenge Tradition der Gastlichkeit, und abgesehen davon fand er außer auf Levant alle Sitten und Bräuche sonderbar.
Renners Volk jedoch respektierte Offenheit; er hatte festgestellt, dass Offenheit im allgemeinen das Leben leichter machte — außer in der Flotte. In der Flotte hatte er gelernt, den Mund zu halten. Glücklicherweise hatte sein Fjunch (klick) die gleichen Ansichten.
Er schaute sich in dem Raum um, den man ihm zugewiesen hatte. Doppelbett, Kommode, großer Schrank, eine Couch und ein niedriges Tischchen — das Ganze erinnerte vage an die Hotelprospekte, die er den Splits gezeigt hatte. Das Zimmer war fünfmal so groß wie seine Kabine auf der Mac Arthur.
»Endlich mal wieder Ellbogenfreiheit«, stellte er befriedigt fest. Er schnupperte. Nicht die Spur eines Geruchs war festzustellen. »Wenn das gefilterte Luft eurer Welt ist, habt ihr verdammt gute Arbeit geleistet.«
»Danke. Was Ellbogenfreiheit betrifft …« — Renners Split spreizte sämtliche Ellbogen — »davon sollten wir eigentlich mehr brauchen als ihr, aber wir tun es nicht.«
Die eine Seite des Raums war ein Fenster vom Boden bis zur Decke. Draußen ragten die Bauten der Stadt in die Höhe — die meisten waren größer als das Schloss. Renner stellte fest, dass seine Aussicht den Blick entlang einer breiten Straße auf einen prächtigen Sonnenuntergang in allen möglichen Rottönen erlaubte. Im Fußgängerstockwerk war nur ein Gewimmel farbiger Flecken zu erkennen — viele Rote und Braune, aber auch eine Menge Weiße. Er sah dem Getriebe eine Weile zu, dann drehte er sich wieder um.
Neben dem Kopfende seines Betts war eine Nische. Er schaute hinein und entdeckte eine Kommode und zwei seltsame Möbelstücke, die ihm bekannt vorkamen. Sie ähnelten Crawfords Koje, nachdem sich das Braune in dessen Kabine häuslich eingerichtet hatte.
Er fragte: »Wieso zwei?«
»Wir werden ein Braunes zugeteilt bekommen.«
»Aha. Hör zu, ich werde dir jetzt ein neues Wort beibringen. Es heißt Intimsphäre«. Es bezieht sich auf das menschliche Bedürfnis …«
»Wir wissen das mit der Intimsphäre.« Das Split trat betroffen zurück. »Du willst doch nicht etwa sagen, dass ein Mensch sein Fjunch(klick) aus seiner Intimsphäre ausschließt?«
Renner nickte ernst.
»Aber … aber … Renner, hast du kein Gefühl für Tradition?«
»Was meinst du?«
»Nein. Verdammt. Also gut, Renner. Wir werden hier eine Tür anbringen. Mit Schloss?«
»Mhm. Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass die anderen vermutlich ähnlich empfinden, auch wenn sie’s nicht sagen.«
Das Bett, die Couch und der Tisch wiesen keine der bekannten Split-Verbesserungen auf. Die Matratze war ein wenig zu hart, aber das machte nichts aus. Renner warf einen Blick ins Bad und brach in Gelächter aus. Die Toilette war ein Schwerelosigkeitsmodell ähnlich wie im Kutter, nur war der Spülknopf aus Gold und als eine Art Hundekopf modelliert. Die Badewanne war — nun, sonderbar.
»Diese Badewanne muss ich ausprobieren«, sagte Renner.
»Bitte, sag mir, was du davon hältst. Wir haben ein paar Bilder von Badewannen in euren Prospekten gesehen, aber angesichts eurer Anatomie kamen sie uns lächerlich vor.«