»Mr. Renner, mir kommt es vor, als ob Sie irgendwie enttäuscht über unseren Zoo wären.«
Whitbread erwartete mit Unbehagen die Antwort des Navigators. Renner zog die Brauen zusammen. »Hmja, und ich hab’ mir schon überlegt, weshalb. Ich sollte gar nicht so fühlen. Wir bekommen hier eine fremde Welt auf kleinstem Raum vorgeführt, aber — Whitbread, ist es Ihnen auch aufgefallen?«
Whitbread nickte widerstrebend.
»Das ist es eben! Eine fremde Welt, für uns sehr bequem in ein Gebäude zusammen gefasst. Wie viele Zoos auf wie vielen Welten haben Sie schon gesehen?«
Whitbread zählte in Gedanken zusammen. »Sechs, einschließlich der Erde.«
»Ja, und alle waren so wie dieser, nur dass hier die Illusion des offenen Raums perfekter ist. Und wir haben etwas erwartet, das um Größenordnungen anders ist. Ist es aber nicht. Es ist einfach wieder eine neue fremde Welt, wenn man von den intelligenten Splits absieht.«
»Warum sollte hier alles so anders sein?« meinte Whitbreads Split, und in seiner Stimme lag vielleicht ein Unterton von Bedauern. Die Menschen mussten daran denken, dass die Splits niemals eine fremde Welt mit fremden Lebewesen gesehen hatten. »Es tut mir jedenfalls leid, dass ihr enttäuscht seid«, sagte das Split. »Staley unterhält sich prima. Und Sally und Dr. Hardy auch, aber für die hat das natürlich berufliches Interesse.«
Das nächste Stockwerk war ein Schock für die Menschen.
Dr. Horvath trat als erster aus dem Lift — und blieb wie angewurzelt stehen. Er sah eine normale Straße einer Split-Stadt vor sich. »Ich fürchte, wir haben die falsche … Tür …« Er verstummte. Einen Moment lang glaubte er, dass ihm sein Hirn einen Streich spielte.
Die Stadt war verlassen. Einige Autos waren auf den Straßen zu sehen, aber es waren Wracks, und einige schienen ausgebrannt zu sein. Etliche Gebäude waren zusammengebrochen, Schuttberge verlegten die Straße. Ein Schwärm flinker, schwarzer Wesen huschte auf ihn zu, schwenkte pfeifend ab und verlor sich in den dunklen Ritzen geborstenen Mauerwerks. Binnen Sekunden war von dem Spuk nichts mehr zu sehen.
Horvath spürte, dass es ihn kalt überlief. Als ihn eine pelzige kleine Hand am Ellbogen berührte, zuckte er zusammen.
»Was ist los, Doktor? Sie haben doch sicher auch Tiere, die sich dem Stadtleben angepasst haben?«
»Nein«, sagte Horvath.
»Ratten«, meinte Sally Fowler. »Und dann gibt es eine Art Läuse, die nur auf Menschen lebt. Das ist aber schon alles, glaube ich.«
»Wir haben ziemlich viele Arten«, sagte Horvaths Split. »Vielleicht können wir euch einige zeigen … sie sind allerdings recht scheu.«
Aus einiger Entfernung waren die kleinen, schwarzen Tiere nicht von Ratten zu unterscheiden. Hardy machte ein Foto von einem Schwärm, der aufgeregt in den Ruinen Deckung suchte. Er hoffte, später auf einer Vergrößerung mehr zu sehen.
Weiters gab es ein großes, flaches Wesen, das sie erst bemerkten, als sie ganz nahe herangekommen waren. Es zeigte Färbung und Muster der Mauer, an die es sich presste.
»Wie ein Chamäleon«, meinte Sally und musste daraufhin natürlich erklären, was ein Chamäleon war.
»Da ist noch eins«, sagte Sallys Split. Es zeigte auf ein betonfarbenes Exemplar, dass an einer grauen Mauer klebte. »Versucht nicht, es aufzuscheuchen. Es hat unangenehme Zähne.«
»Woher ernähren sie sich?«
»Aus Dachgärten. Obwohl diese Sorte auch Fleisch frisst. Und eine insektenfressende Art gibt es auch …« Das Split führte die Gruppe aufeinen Dachgarten — die Dächer dieser Pseudostadt lagen allerdings kaum mehr als zwei Meter über dem Straßenniveau. Verwilderte Getreidepflanzen und Obstbäume wuchsen dort, und die Besucher bekamen ein kleines, armloses Zweibeinerwesen zu sehen, das seine eingerollte Zunge über einen Meter weit herausschießen lassen konnte. Es schaute aus, als hätte es das Maul voller Walnüsse.
Im sechsten Stockwerk schlug ihnen eisige Kälte entgegen. Der Himmel war von einem bleiernen Grau. Schneeschauer fegten über eine scheinbar endlose, vereiste Tundra.
Hardy wollte sich genauer umsehen, da es in dieser kalten Hölle etliches an Leben gab: Büsche und winzige verkrüppelte Bäume wuchsen durch das Eis, an denen ein großes, friedfertiges Wesen knabberte, eine Art Riesenkaninchen mit Schneeschuhpfoten und Tellerohren, aber ohne Vorderbeine. Die anderen mussten beinahe Gewalt anwenden, um Hardy hinauszubekommen; in seinem wissenschaftlichen Eifer hätte er auch Erfrieren in Kauf genommen.
Im Schloss erwartete sie bereits das Abendessen: Lebensmittel vom Schiff, aber auch Scheiben von einem flachen, grünen Kaktus, der vielleicht einen dreiviertel Meter Durchmesser hatte und ungefähr drei Zentimeter dick war. Das Innere, ein rotes Gallert, schmeckte fast fleischähnlich. Renner fand es durchaus genießbar, während die anderen es nicht einmal hinunterbrachten. Auf die anderen Gänge stürzten sie sich wie die Verhungernden und unterhielten sich angeregt zwischen den Bissen und bei mitunter ziemlich vollem Mund. Offenbar hatte der ungewohnt lange Tag sie so hungrig gemacht.
Als die Unterhaltung schließlich etwas abflaute, sagte Renners Split: »Wir haben eine ungefähre Vorstellung davon, was Touristen in einer fremden Stadt sehen wollen zumindest, soweit wir das euren Reisefilmen entnehmen konnten. Museen.
Regierungsgebäude. Denkmäler. Architektonische Sehenswürdigkeiten. Vielleicht noch Geschäfte und Nachtlokale. Vor allem aber das Leben der Einheimischen.« Das Split machte eine bedauernde Geste. »Einiges davon mussten wir streichen. Wir haben keine Nachtlokale. Zu wenig Alkohol hat keinerlei Wirkung auf uns. Zu viel bringt uns um. Ihr werdet Gelegenheit bekommen, unsere Musik zu hören, aber offen gesagt, sie wird euch nicht gefallen.
Die Regierung besteht aus Vermittlern, die sich für ihre Besprechungen an irgendeinem Ort treffen können. Die Befehlsgeber wohnen, wo sie wollen, und fühlen sich im allgemeinen an die Übereinkommen ihrer Vermittler gebunden. Von unseren Denkmälern werdet ihr einige zu sehen bekommen. Was unsere Lebensweise angeht, so beschäftigt ihr euch ja schon von Anfang an damit.«
»Wie steht es mit der Lebensweise von einem Weißen?« fragte Hardy. Dann musste er plötzlich gähnen, dass ihm die Kiefer knackten.
»Er hat recht«, warf Hardys Split ein. »Es müsste möglich sein, die Residenz eines Befehlsgebers zu besichtigen. Vielleicht bekommen wir die Erlaubnis …« Das Split brach in ein helles Geschnatter aus.
Die anderen Fjunch(klick)s schienen zu überlegen. Sallys Split sagte schließlich: »Wir werden ja sehen. Jetzt aber bin ich für Feierabend.«
Den Menschen machte der geänderte Tagesrhythmus sichtlich zu schaffen. Die Doktoren Horvath und Hardy gähnten mehrmals, rieben sich die Augen, erstaunt, dass sie so plötzlich schläfrig geworden waren, und verabschiedeten sich. Bury war noch erstaunlich munter. Renner hätte gerne gewusst, welche Rotationsperiode seine Heimatwelt hatte. Er selber war lange genug im Raum herumgegondelt, um sich jeder Tageseinteilung anpassen zu können.
Aber die Gesellschaft war schon im Aufbruch begriffen. Sally sagte allen gute Nacht und wankte hinaus. Renner schlug vor, noch Volkslieder zu singen, stieß damit aber auf wenig Sympathie und gab es auf.
Eine Wendeltreppe führte in den Turm hinauf. Seiner Neugier nachgebend, bog Renner in einen Seitengang ab. Als er an eine Luftschleuse kam, wurde ihm klar, dass dieser Gang auf den Rundbalkon hinausführte, der den Turm als schmaler Mauervorsprung umgab. Renner legte keinen Wert auf eine Kostprobe der Luft von Splitter Alpha und fragte ’sich, ob der Balkon überhaupt zur Benutzung gedacht war. Dann brachte ihn die Vorstellung des schlanken Turms mit dem Ringbalkon auf den Gedanken, dass die Splits vielleicht mit Freudschen Symbolen zu spielen begannen. Durchaus möglich. Er kehrte um und wanderte in sein Zimmer.