Feric dachte über Bogels Worte nach, vielleicht gründlicher, als dem anderen lieb war. Bogel war ein kluger Kopf, aber seine größte Schwäche war, daß er sich für noch klüger hielt. Die innere Bedeutung seiner Worte war klar: er meinte, daß Feric führen sollte, während er hinter den Kulissen regierte. Aber er hatte eine der wichtigen Lektionen der Geschichte falsch verstanden. Ein Mann mochte regieren, ohne eine Führergestalt zu sein, aber kein echter Führer hatte zu befürchten, daß eine solche geringere Gestalt ihn beherrschen könnte. Daher wußte Feric, daß Bogel immer sein Vasall sein würde, und daß es niemals umgekehrt sein konnte; folglich würde der Mann ihm in jedem Falle nützlich sein, und inmitten dieser durchsichtigen Schliche fühlte er sich beruhigt.
»Sie bieten mir die Führung Ihrer Partei an, Seph Bogel?« sagte Feric mit einer gewissen kalkulierten Ungläubigkeit. »Mir, den Sie erst heute nachmittag in einem Wirtshaus kennengelernt haben? Das macht mich ein wenig skeptisch gegenüber der Truppe, die Sie meiner Führung unterstellen wollen.«
Bogel lachte und trank von seinem Wein. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Ihr Skeptizismus ist gerechtfertigt. Die Partei der menschlichen Wiedergeburt hat nicht mehr als dreihundert Mitglieder.«
»Sie fordern mich auf, einen Witz zu führen! Es sei denn, Ihre Mitgliederschaft verkörpere die Elite der Nation.«
»Offen gesagt«, antwortete Bogel, »sind die Parteimitglieder zum größten Teil einfache Arbeiter, Bauern und Handwerker, mit ein paar eingestreuten Polizisten und Militärs.«
»Das ist unerhört!« erklärte Feric, ehrlich verblüfft über Bogels Eingeständnisse. Der Mann bat ihn, diese Partei zu führen, und dann gab er mehr oder weniger unumwunden zu, daß die ganze Sache eine kümmerliche Farce war.
Aber Bogel wurde plötzlich ernst. »Bedenken Sie die tatsächliche Situation. Heute ist Heldon in den Händen von Männern, für die der Große Krieg nur noch eine verblaßte Erinnerung ist, die unsere genetische Reinheit verkaufen würden, um das Verlangen des trägen Lumpenproletariats nach einem Leben in Müßiggang und Bequemlichkeit zu befriedigen, für die die Landesgrenzen Linien auf einer politischen Landkarte sind, nicht die Schützengräben eines heiligen Rassenkriegs. Der größte Teil der Bevölkerung ist in diesen Mißverständnissen befangen; der fanatische Idealismus, der unsere großartige Zitadelle genetischer Reinheit in Jahrhunderten eiserner Entschlossenheit und heroischen Kampfes aufbaute, verfällt zu erbärmlichem Individualismus. Und damit nicht genug, die sogenannten besten Elemente der Gesellschaft stellen sich zu dieser Gefahr vorsätzlich blind und taub. Nur eine Handvoll Männer, viele von ihnen einfache Leute, die aus tiefem, rassischem Instinkt heraus reagieren, sehen die Situation, wie sie wirklich ist. Bringt das nicht Ihr Blut in Wallung ?«
Bogels Gesicht leuchtete in Leidenschaft, und der synthetische Fackelschein auf seinen Zügen verstärkte die Gemütsbewegung zu einem aufrichtigen und eindringlichen Appell, dem Feric nicht widerstehen konnte.
»Sicherlich tut es das!« versetzte er. »Aber was hat das mit dem Geschick Ihrer kleinen Partei zu tun?«
»Versuchen Sie sich in jemanden wie mich hineinzuversetzen«, sagte Bogel mit unverhüllter Bitterkeit, »der die tödliche Gefahr sieht, die Heldon bedroht, und der daraufhin den Entschluß faßt, sein Leben der Erfüllung seiner rassischen Pflicht zu widmen. Und der nichts weiter bewirken kann als den Aufbau einer winzigen Partei mit nicht mehr als dreihundert Mitgliedern! Würde das Ihr Blut nicht in Wallung bringen?«
Feric war tief bewegt; obwohl er Bogels persönlichen Ehrgeiz richtig eingeschätzt hatte, die Stärke und Aufrichtigkeit seines Idealismus hatte er unterbewertet. Persönlicher Ehrgeiz und fanatischer Idealismus aber waren die mächtigsten Verbündeten, wenn sie gemeinsam im Dienst einer gerechten Sache wirkten. Bogel würde in der Tat einen hervorragenden Helfer abgeben.
»Ich verstehe Sie«, sagte Feric einfach.
»Gemeinsam können wir den Gang der Geschichte formen!« erklärte Bogel leidenschaftlich. »Wir erkennen beide die Gefahr, wir stimmen überein, daß Heldon von Männern mit eiserner Überzeugung und absoluter Rücksichtslosigkeit regiert werden muß, die wissen, was getan werden muß, um die Doms auszutilgen und die Untermenschen zurückzudrängen, und die nicht davor zurückschrecken werden, es zu tun. Ich habe den Kern einer nationalen Organisation aufgebaut, den ich nun in Ihre Hände lege. Wollen Sie annehmen? Wollen Sie Heldon zum Endsieg führen, Feric Jaggar?«
Feric konnte nicht umhin, über Bogels großsprecherische Worte zu lächeln. Der Mann redete, als böte er ihm das Reichszepter, den verschollenen Großen Knüppel von Held, statt der Führerschaft einer armseligen kleinen Partei. Überdies hatte er den Eindruck, daß Bogel ihm zuliebe ein wenig dick auftrug. Dennoch war Bogel im wesentlichen vollkommen aufrichtig, und sein Ruf war eine Aufforderung, die kein rechter Mann ablehnen konnte. Außerdem konnten aus kleinen Anfängen große Dinge hervorwachsen. Er war allein und ohne Freunde nach Heldon gekommen; in Walder würde er als Führer einer kleinen Gruppe von Gefolgsleuten eintreffen. Sicherlich hatte das Schicksal ihm diese Gelegenheit zugespielt, um ihm einen Hinweis auf seine Mission zu geben; daher geziemte es ihm, dem Ruf des Schicksals zu folgen.
»Sehr gut«, erwiderte er. »Ich nehme an. Morgen früh werden wir gemeinsam den Dampfwagen nach Walder nehmen.«
Bogel strahlte; er war beglückt wie ein kleines Kind über ein neues Spielzeug. »Wundervoll!« rief er aus. »Ich werde dem Parteihauptquartier telegrafieren, bevor wir uns zur Ruhe begeben. Dies ist der Beginn eines neuen Zeitalters für Heldon und die Welt. Ich fühle es in meiner Seele.«
Es war ein herrlicher frischer und sonniger Morgen in Ulmgarn, als Feric und Bogel den Dampfwagen nach Walder bestiegen; Feric fühlte sich ausgeruht und angefüllt mit Tatkraft. Dazu kam, daß die zweitägige Fahrt nach Walder im Gegensatz zu der kürzeren Strecke von Gormond nach Pormi ein höchst angenehmes Erlebnis zu werden versprach. Der borgravische Dampfwagen war ein schmieriger alter Ratterkasten gewesen, der, als er auf Rädern, die kaum rund schienen, die ausgefahrenen, unebenen Landstraßen dahinholperte, mehr ein Folterinstrument als ein Verkehrsmittel zu sein schien. Um das Maß vollzumachen, war er mit einem wahrhaften Schweinestall der ranzigsten Mutanten und Bastarde zusammengepfercht gewesen, in einem unbeschreiblichen Gestank wie von einer offenen Kloake. Der Zephyr auf der anderen Seite war ein schimmernder neuer Wagen, ausgerüstet mit den modernsten pneumatischen Reifen, deren Gebrauch durch die legendäre Vollkommenheit der heldonischen Straßen möglich wurde.
Das Äußere des Dampfwagens war ein makelloses Smaragdgrün, abgesetzt mit bescheidenen braunen Zierstreifen, und der Stahl der Gestänge und des Kessels glänzte vor Sauberkeit und war frei von jeglichem Rostansatz. Der Passagierraum war mit Fichtenholz ausgekleidet, das Fensterglas war fleckenlos, die fünfzig Sitze waren gepolstert und mit rotem Samt bezogen, und nur die Hälfte von ihnen war besetzt, diese überdies von größtenteils ansehnlichen Zeitgenossen. Dieser prachtvolle Dampfwagen war ein erhebendes Zeugnis heldonischer Wertarbeit und Technik. Ferner verlief eine weite Strecke der Landstraße nach Walder durch die reizvolle Hügellandschaft des Smaragdwaldes, eine Landschaft, die für ihre Schönheit berühmt war. Und schließlich brauchte er nicht allein in einer Herde von Bastarden zu reisen, sondern hatte die Gesellschaft von Heldern, insbesondere seines neu gefundenen Schützlings Seph Bogel. Es versprach eine angenehme Reise zu werden.
Sie nahmen Sitze in der Mitte des Passagierabteils, gleich weit entfernt von den Geräuschen der Dampfmaschine vorn und dem übertriebenen Schaukeln und Stoßen, dem man im Heck ausgesetzt war; ausgewählte Plätze, wie sie von erfahrenen Reisenden bevorzugt wurden, versicherte ihm Bogel. Und er bestand darauf, daß sein neuer Führer den Fensterplatz belegte.