Natürlich war das Unsinn. Er war sicher, und der schwarze Umhang gab ihm zusätzliche Deckung. Aber die Stimme in seinem Inneren und seine Furcht scherten sich nicht viel um die Logik, mit der er sie bekämpfen wollte, und seine Unruhe stieg weiter.
Er stand auf, drehte sich einmal um seine Achse und ging langsam auf den Rand des Schattens zu. Der Lastensegler bewegte sich, nur leicht, aber immerhin so viel, daß die zerfaserte schwarze Linie, die das Nebelgrau der Nacht begrenzte, langsam vor und zurück wanderte, und das Knarren, mit dem sich der Rumpf an der steinernen Mauer rieb, erschien ihm für einen Moment wie ein schweres, mühsames Atemholen.
Skar blieb stehen, schloß für einen Moment die Augen und ballte die Fäuste so heftig, daß seine Fingerknöchel knackten. Was geschah mit ihm? Er hatte Angst - diese Art von Angst - niemals gekannt. Er war Satai. Ein Kämpfer. Ein Mann, der zum Kämpfen und Überleben geschaffen war, der gelernt hatte, seine Gefühle nach Bedarf ein- und auszuschalten. Und jetzt kämpfte er. Aber die Ruhe, das scharfe, von keinen Emotionen beeinträchtigte Denken des Jägers, seine beste und machtvollste Waffe, waren verschwunden. Er hatte Angst. Nicht die Art von Angst, die zum Überleben ebenso notwendig war wie ein gutes Auge und sichere Reaktionen, sondern blanke, nackte Furcht, die Angst des gehetzten Tieres, Angst, die blind und unvorsichtig machte und zu Fehlern verleitete.
Was geht mit mir vor? dachte er erschrocken. Er begann sich zu verändern, rasch, schmerzhaft und unaufhaltsam. Die Worte, die er Andred gegenüber gebraucht hatte, fielen ihm wieder ein, und ein eisiger Schrecken zuckte durch seine Brust, als er begriff, wie wahr sie gewesen waren. Ich bin kein Satai mehr, hatte er gesagt. Und es war wahr. Er hatte seine Kleider, seine Waffen und seine Erinnerungen wieder an sich genommen, aber etwas, irgend etwas, war zurückgeblieben, auf dem brennenden Schiff, in Endor oder vielleicht schon in der verfallenen Festung am Rande des Schattengebirges. Nicht seine Stärke. Nicht seine Reaktionen und all die unzähligen fairen und schmutzigen Tricks, die er gelernt hatte. Dies alles war noch da, irgendwo in ihm, abrufbereit, und er wußte, daß er es haben würde, wenn er es brauchte. Nur dieses Wort, dieses kleine, harmlose Wort Satai, von dem jeder, der nicht selbst zur Kaste gehörte, glaubte, daß es nicht mehr als Krieger bedeutete und das doch in Wirklichkeit Religion, Lebensanschauung, Philosophie und noch viel, viel mehr war, dieses Wort war nicht mehr da.
Es ging schnell, so furchtbar, grausam schnell. Ein Lidzucken, die Zeit, die ein Pfeil benötigt, um von der Sehne zu schnellen und sein Ziel zu treffen. Und plötzlich war er kein Satai mehr, sondern nur noch das, was Gowenna von Anfang an in ihm gesehen hatte - ein gedungener Killer, ein Mann, der das Töten zum Beruf gemacht hatte. Der ...
Skar stöhnte. Seine Gedanken begannen einen wilden Tanz aufzuführen, ihm zu entgleiten, sich zu verwirren. Er kämpfte dagegen an, drängte sie zurück und grub die Fingernägel in seine Handflächen, um den Schmerz als Waffe dagegenzusetzen. Aber es wurde nicht besser. Seine Gedanken klärten sich, aber die Furcht blieb, bohrend, nagend, ein gestaltloser, schwarzer Schrecken, der ihn von jetzt an auf Schritt und Tritt begleiten würde. Skar war beinahe froh, als sich das Geräusch von Schritten in das Klatschen der Wellen mischte und die Nacht zwei Gestalten ausspie.
Es waren Thbarg; zwei von Gondereds Kriegern - schlank, hochgewachsen und in knöchellange blaue Mäntel gehüllt. Sie redeten miteinander, leise und in einer Sprache, die Skar nicht verstand, blieben einen Moment stehen und kamen dann näher, langsam und mit den unentschlossenen Bewegungen von Männern, die kein bestimmtes Ziel hatten. Skar wich einen halben Schritt zurück, schob die Hand unter den Mantel und zog zwei der winzigen Shuriken aus dem Gürtel. Das Metall fühlte sich eisig an. Ein wenig von der Kälte des Hafenwassers war noch in ihm, und seine rasiermesserscharfen Kanten hinterließen dünne, blutige Linien auf Skars Fingern. Er wich noch ein Stück zurück, hob die Arme - langsam, um sich nicht durch eine unbedachte Bewegung oder das Rascheln von Stoff zu verraten - und drehte die fünfzackigen Metallsterne, bis sie die richtige Position hatten: ein wenig schräg und nach vorn geneigt, zwischen Daumen, Zeigefinger und dem ersten Gelenk des Mittelfingers ruhend. Jede Bewegung, jede winzige Geste kam ihm mit seltener Klarheit zu Bewußtsein. Es war Mord.
Skar erschrak. Das waren nicht seine Gedanken.
Aber es ist so, fuhr die Stimme fort. Du mußt sie nicht töten. Sie kommen hierher, direkt auf dich zu, und sie wissen nicht, daß du auf sie wartest. Wenn du nicht gelernt hast, einen Mann zu betäuben, ehe er schreien kann, was dann?
Er erstarrte, ließ die Hände ein wenig sinken und hob sie dann wieder mit einer schnellen, fast wütenden Bewegung. Die Spitzen der Shuriken schrien nach Blut.
Wenn du es tust, dann bist du nicht besser als sie, fuhr die Stimme fort. Seine Hände begannen zu zittern.
Was ist das? dachte Skar. War das der Skar, der er gewesen war, bevor er Vela traf? War er sich selbst schon so fremd geworden, daß er ihn nicht wiedererkannte? War es die Stimme des Satai, die in ihm flüsterte? Oder wurde er - auch dieser Gedanke kam ihm nicht zum ersten Mal - schlicht und einfach verrückt?
Die beiden Thbarg kamen näher, blieben wieder stehen und gingen weiter, die Hände nachlässig auf die Waffen gelegt. Skar verlängerte die imaginäre Linie, der sie folgten, in Gedanken. Sie würden den Schatten nicht betreten, sondern dicht an seiner Grenze entlang zum Ende des Kais gehen, dort wahrscheinlich kehrtmachen und zurückgehen. Er konnte stehenbleiben und einfach warten, und sie würden nicht einmal wissen, wie knapp sie dem Tode entronnen waren.
Dann tu es, flüsterte die Stimme. Zwei Menschenleben sind ein zu hoher Preis für zwei Mäntel.
Sein Blick verschleierte sich. Für einen Moment glaubte er Nebel zu sehen, schwarzen, hin und her tanzenden Nebel voller Blut und Gewalt, dann gewahrte er ein Paar dunkler, spöttischer Augen.
Und als er erkannte, wessen Augen es waren, schleuderte er die Waffen.
Die Shuriken jagten davon, rissen blutige Linien in seine Hände und verwandelten sich in lautlose, tödliche Räder aus Licht. Einer der beiden Thbarg brach lautlos zusammen, der andere schrie auf - ein halblauter, erstickter Ton, der nur wenige Schritte weit zu vernehmen war -, griff sich in den Nacken und drehte sich taumelnd um. Sein Gesicht war eine Maske aus Schmerz und ungläubigem Schrecken. Er wankte, nahm die Hände herunter und betrachtete ungläubig seine Finger. Sie glitzerten dunkel und rot von seinem eigenen Blut. Sein Mund öffnete sich, aber kein Laut kam über seine Lippen. Nur der Schrecken in seinen Augen wurde größer.
Dann fiel er.
Als Skar zu den beiden Toten hinüberging und ihnen die Mäntel auszog, glaubte er ein leises Lachen zu hören. Nicht die Stimme seines dunklen Bruders, nicht die seines Gewissens und nicht das Heulen des Wolfes, sondern das Lachen einer Frau. Velas Lachen.
Willkommen, Bruder, sagte es. Er hatte den letzten Schritt getan. Es gab nichts mehr, was sie unterschied.
Jetzt - endgültig - waren sie sich gleich geworden. Es war nicht das erste Mal, daß er diesen Gedanken dachte, aber es war das erste Mal, daß er wußte, daß er wahr war. Er hatte Vela gehaßt, und ab heute würde er auch sich hassen.
5.