Sie entfernten sich ein paar Schritte vom Eingang und blieben stehen, als Skar sicher war, daß sie von draußen nicht mehr gesehen werden konnten. Er hätte erleichtert aufatmen können, tat es aber nicht. Die Furcht war ihnen gefolgt, und das Gefühl der Bedrohung war hier drinnen beinahe stärker als draußen. Sie waren in Sicherheit - der Schuppen mußte mehr als nur einen Ausgang haben, und selbst wenn Gondered jetzt, in diesem Moment, merken sollte, daß Skar ihm entkommen war, dann waren sie hinaus und in der Stadt, ehe er auch nur reagieren konnte.
Andred sah sich mit raschen, abgehackt wirkenden Bewegungen um. »Das ist seltsam«, murmelte er.
Skar sah auf. »Was?«
»Diese Waren hier«, fuhr Andred fort.
Skar zuckte mit den Achseln. »Und? Es ist ein Lagerhaus, oder? Komm weiter. Wir müssen zu deinem Freund.«
Andred setzte sich gehorsam in Bewegung, blieb jedoch nach wenigen Schritten wieder stehen. Sein Blick tastete unsicher über die prall gefüllten Regale und die Stapel von Kisten und Ballen dazwischen. »Es ist zuviel«, murmelte er.
Skar blieb ebenfalls stehen. Er sah nervös zur Tür, aber hinter dem niedrigen, grauen Rechteck blieb alles ruhig. »Wie meinst du das?« fragte er schließlich.
Andred deutete mit einer unsicheren Geste nach oben. »Ich ... komme seit fünfzehn Jahren hierher«, sagte er stockend. »Aber ich habe nie ein Lagerhaus so wohlgefüllt gesehen. Das Drachenland ist groß, Skar, und Anchor ist sein einziger Hafen. Die Schiffe können die Waren gar nicht so schnell herbeischaffen, wie sie abgeholt und verteilt werden.«
Skar schwieg verwirrt.
»Ich möchte wissen, ob es in den anderen Schuppen ebenso aussieht«, fuhr der Freisegler fort.
»Und selbst wenn«, sagte Skar, »was würde das bedeuten?« Es war eine dumme Frage, und er wußte die Antwort im gleichen Moment, in dem er sie aussprach. Gondered hatte gesagt, daß die Bewohner des Drachenlandes zu den Waffen eilten. Sie hatten am eigenen Leib gespürt, wie ernst seine Worte gemeint gewesen waren, und jetzt dies - brauchte er wirklich noch mehr Beweise? Jemand hatte hier begonnen, Vorräte zu horten, in einem Ausmaß, das jede Logik zu übersteigen schien. Welchen anderen Grund mochte es dafür geben als den, daß das Land auf einen Krieg vorbereitet wurde?
Aber Krieg? dachte er erschrocken. Gegen wen? Gegen eine Handvoll Quorrl?
Oder vielleicht gegen den Rest der Welt?
Und mit einemmal ergab alles einen Sinn. Er wußte plötzlich, daß es in den anderen Schuppen ebenso aussehen würde, daß sie alle, sie und die Silos und die gewaltigen, flachen Lagerhallen, die sich am anderen Ende des Hafens aneinanderreihten, bis zum Bersten gefüllt sein würden, jetzt oder in naher Zukunft, und daß die Quorrl nichts als ein Vorwand waren. Er war blind gewesen. Blind und ziemlich überheblich dazu. Für ihn hatte die Welt nur noch aus zwei Menschen bestanden - aus Vela und ihm. Sein Racheschwur hatte ihn blind werden lassen. Verdammter Narr, der er gewesen war! Hatte er wirklich geglaubt, daß die Errish die Grenzen ihres Landes sperren und Schiffe mit Hunderten von Kriegern auf das Meer hinausschicken würde, nur weil sie Angst vor ihm hatte? Gondered hatte ihn gesucht, aber das war nur ein kleiner Teil seines eigentlichen Auftrages gewesen, etwas, das er so nebenbei mit erledigte, ebenso wie die Wächter an den Pässen und die Truppen, die irgendwo an den Grenzen nach Kohon und Larn warten würden, auch nach ihm Ausschau hielten.
Skar hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Natürlich wußte Vela, daß er kommen würde, aber wahrscheinlich war er nicht mehr als eine winzige Figur auf einem Brett mit Millionen Spielsteinen, ein Problem, an das man vielleicht einen flüchtigen Gedanken verschwendet, ehe man sich seinen Hauptgeschäften zuwendet. Ihre Pläne waren viel gewaltiger, viel größer, als er bisher in seiner Borniertheit geglaubt hatte. Sein Racheschwur!
Sie würde über diesen Schwur lachen, sofern sie überhaupt davon wußte. Gab es einen besseren Ort als Elay, um in aller Stille einen Krieg vorzubereiten? Ein besseres Land als dieses, von dem niemand, der außerhalb seiner Grenzen lebte, wirklich wußte, was in ihm vorging, und über das mehr Gerüchte und Legenden kursierten, als es Einwohner hatte?
Er hatte eine Vision, ein rasches, schreckliches Bild, das mit Urgewalt vor seinen Augen aufstieg: Er sah ein Heer, gewaltig und schwarz und groß, wie eine Springflut über die Grenzen des Drachenlandes hinausschwappend, Heereszüge, angeführt von Velas schwarzen Hornmonstern, Städte und Dörfer und Festungen schleifend, unaufhaltsam, unverwundbar, geschützt von der Macht dieses verfluchten Steines; unbesiegbar. Velas Heer... Ein einziges Menschenleben ist nicht lang genug, eine Welt zu erobern, hatte Vela gesagt. Er hatte es geglaubt, aber es war eine Lüge. Sie hatte gewollt, daß er es glaubte, so wie sie gewollt hatte, daß er sie haßte, sich nur noch auf seinen Haß und seine persönliche Rache konzentrierte und den Blick für das, was sie wirklich beabsichtigte, verlor. Mit einemmal war alles logisch und klar. Seine Flucht, sein Aufenthalt in Cosh, Dels Tod - dies alles war nichts als Theater gewesen, ein gut inszeniertes Spiel, keinem anderen Zweck dienend als dem, ihn abzulenken. Sie hatte vom ersten Moment an gewußt, daß es auf ganz Enwor nur einen Menschen - nämlich ihn oder vielmehr das Ding in ihm - gab, der ihren Plänen wirklich gefährlich werden konnte. Und jeder Schritt, den er getan hatte, war von Vela vorausbestimmt gewesen. »Was hast du?«
Andreds Stimme riß ihn abrupt aus seinen Gedanken. Für einen Moment hatte er die Kontrolle über sich verloren, und sein Zorn mußte deutlich auf seinem Gesicht gestanden haben. Andred wirkte erschrocken, und Skar hätte beinahe laut aufgelacht, als ihm klarwurde, daß es gerade umgekehrt war, daß nicht Andred, sondern er zusammenbrechen würde.
»Nichts«, sagte er hastig. Seine Stimme klang belegt. »Es ist... nichts«, wiederholte er. »Laß uns gehen. Ich möchte aus der Stadt sein, wenn Gondered merkt, wie wir ihn genarrt haben.«
6.
Hergers Haus lag in einer heruntergekommenen Gegend der Stadt, unweit des Hafens. Sie hatten den Schuppen durch eine Hintertür verlassen, ohne aufgehalten zu werden. Andred hatte Helm und Mantel ablegen wollen, als sie aus dem direkten Sichtbereich des Hafens heraus waren, aber Skar hatte es vorgezogen, die Verkleidung noch eine Weile beizubehalten. In der Stadt herrschte trotz der späten Stunden noch reger Betrieb, und Skar fiel schon nach kurzem die unverhältnismäßig große Zahl Bewaffneter auf - nicht nur Männer aus Thbarg wie die, auf die sie im Hafen getroffen waren, sondern reguläre Soldaten, aber auch andere Männer, die vor wenigen Tagen vielleicht noch als Kaufleute oder Handwerker ihr Brot verdient hatten und jetzt, mit Schwert, Helm und Brustschild bewehrt, Polizeidienste verrichteten. Nicht allen paßten die Rüstungen, die sie trugen, und eine ganze Anzahl von ihnen wirkte eher lächerlich als furcht- oder wenigstens respekteinflößend. Und noch etwas fiel Skar auf: Nicht allen schien die Rolle zu gefallen, in die man sie gepreßt hatte. Skar und Andred bewegten sich rasch durch das dichter werdende Gewühl der Altstadt und blieben kein einziges Mal stehen, aber Skar spürte die feindseligen Blicke, die ihnen viele Bewohner Anchors hinterherschickten, sehr deutlich. Die Thbarg schienen eher Besatzungs- als Schutzmacht zu sein. Trotzdem war Skar nach wenigen Augenblicken froh, weiter den Mantel eines Thbarg zu tragen. Man ging ihnen aus dem Weg; die beiden vermeintlichen Kaperschiffer fielen deshalb weniger auf als ein verletzter Freiseglerkapitän und ein Satai.
Andred übernahm die Führung, als sie in die verwinkelten Gassen der Altstadt vordrangen. Er hielt sich erstaunlich gut, bedachte man die Umstände, aber Skar fiel auch auf, daß Andreds Gang zwar nicht langsamer, aber merklich gezwungener und steifer wurde und sein linker Arm jetzt vollkommen nutzlos herabhing. Die Hand hatte er, wie in einer zufälligen Geste, in einen Zipfel des Mantels gewickelt. Es hätte eine Blutvergiftung sein können, nach allem, was Skar gesehen hatte. Aber es ging zu schnell.