»Nichts, was dich beunruhigen müßte«, erwiderte Herger ruhig. »Und jetzt kommt erst einmal mit nach hinten. Ihr seht beide aus, als könntet ihr eine Tasse heiße Brühe und trockene Kleider brauchen.«
Andred wollte noch etwas sagen, aber Herger wandte sich mit einer raschen Bewegung um und ging, so daß sie ihm folgen mußten.
Der angrenzende Raum unterschied sich kaum von dem, aus dem sie kamen. Er war ein wenig größer und nicht ganz so überladen, aber auch er glich eher einem Abfalldepot als einem Laden oder gar einem Zimmer, in dem ein Mensch wohnen konnte. Herger deutete wortlos auf eine schmale Couch und verschwand durch eine weitere Tür, ehe Skar Gelegenheit zu irgendwelchen Fragen hatte. Andred ließ sich mit einem Laut der Erschöpfung auf das zerschlissene Möbel sinken, griff vorsichtig mit der rechten Hand nach seiner verletzten Linken und legte sie in seinen Schoß. Skar fiel auf, daß er einen Zipfel seines Hemdes darüberlegte, als wolle er die Verletzung selbst hier noch verbergen. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß, obwohl der Raum nicht geheizt war, und als Skar sich neben Andred setzte, stieg ihm ein schwacher übler Geruch in die Nase.
»Ist er vertrauenswürdig?« fragte er mit einer Kopfbewegung auf die Tür, durch die Herger verschwunden war.
Andred nickte. »Absolut. Ich kenne ihn, seit er ein Kind war. Und er haßt die Thbarg so sehr wie ich.«
Skar sah den Freisegler mißtrauisch an. Seine Stimme klang wieder ruhig, zu ruhig. Das war nicht die Stimme eines Mannes, der vor Stundenfrist sein Schiff und seine Mannschaft verloren hatte. Aber Skar kam nicht dazu, eine entsprechende Frage zu stellen. Die Tür wurde laut geöffnet, und Herger kam - ein Tablett vor sich herbalancierend und ein frisch gewaschenes weißes Tuch über dem Arm - zurück. In seiner Begleitung war der Alte, der sie eingelassen hatte. Herger lächelte, stellte das Tablett - auf dem sich die versprochene Brühe und ein Krug mit einer dunklen, heißen Flüssigkeit befand - in Ermangelung eines anderen freien Platzes auf den Boden und kniete vor Andred nieder.
»Zeig deinen Arm«, sagte er.
Andreds Rechte zuckte mit einer fast erschrockenen Bewegung herab und legte sich auf die verwundete Hand. Herger seufzte, griff nach Andreds Gelenk und drückte den Arm ohne sichtliche Kraftanstrengung beiseite. Sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, als er die schwärzliche Verfärbung sah. Andreds linke Hand war verkrümmt wie eine Kralle. Wenn er einen Krampf hatte, dann mußte er fast unerträgliche Schmerzen ausstehen.
»Wie lange hast du das schon?« fragte er.
Andred antwortete nicht, und Herger wandte sich mit einem fragenden Blick an Skar.
»Nicht lange«, murmelte Skar. »Eine Stunde - zwei, allerhöchstens. Seit wir von Bord des Schiffes geflüchtet sind.«
Es dauerte einen Moment, bis Herger begriff. »Das ... das Schiff, das im Hafen gebrannt hat, war die SHANTAR?« fragte er ungläubig.
Skar nickte.
»Sie haben uns in eine Falle gelockt«, sagte er düster. »Gondereds Männer haben im Hafen auf uns gewartet. Du wußtest es nicht?«
Herger schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich ... Gondered sagte, daß ... daß sie einem Piraten auflauern wollen«, sagte er stockend.
Skar verzog mißtrauisch die Lippen. »Seit wann haben Piraten Satai an Bord?«
Herger schien dem Gedankensprung nicht sofort folgen zu können. Dann zuckte er zusammen, lächelte und beugte sich wieder über Andreds Hand. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, sagte er, ohne Skar anzusehen. »Aber darüber reden wir später. Jetzt kümmere ich mich erst einmal um deine Hand.« Der letzte Satz galt Andred. Herger berührte seine Fingerknöchel. Die Berührung war sehr flüchtig, aber Andred zuckte trotzdem vor Schmerz zusammen und stieß ein leises Stöhnen aus.
»Zwei Stunden, sagst du?« fragte Herger zweifelnd.
»Allerhöchstens«, bestätigte Skar an Andreds Stelle.
Herger überlegte wieder einen Moment, zog dann einen schmalen Dolch aus dem Stiefelschaft und begann Andreds Hemd säuberlich von der Manschette bis zur Schulter aufzuschneiden. Skar fuhr zusammen, als er die abgebrochene Pfeilspitze sah, die dicht oberhalb des Ellbogengelenks aus dem Arm des Freiseglers ragte. Die Wunde hatte kaum geblutet, aber rings um die Pfeilspitze herum war die Haut schwarzblau verfärbt, und ein dünner, wie mit einer Tuschfeder gezeichneter Strich zog sich über seinen Arm bis zum Ellbogengelenk hinunter, um dort in einer Explosion von Blau und schließlich Schwarz Besitz von seiner Hand zu ergreifen.
»Gift«, sagte Herger trocken. »Sie haben auf euch geschossen? Ihr seid verfolgt worden?«
Skar schüttelte verwirrt den Kopf. Andred mußte getroffen worden sein, als sie noch an Bord des Schiffes gewesen waren. Gondereds Männer sind wirklich gründlich gewesen, dachte er grimmig. Nicht genug, daß sie die SHANTAR in eine Fackel verwandelt hatten - sie hatten das brennende Schiff auch noch mit Pfeilen überschüttet. Vergifteten Pfeilen dazu.
»Warum hast du nichts gesagt?« fragte er. »Narr!«
Andred wandte müde den Kopf. »Was hätte ich sagen sollen?« erwiderte er. Herger unterbrach die Unterhaltung mit einer bestimmenden Geste. »Streiten könnt ihr euch später«, sagte er. »Jetzt muß erst einmal die Wunde versorgt werden.«
Andred nickte. »Gib mir einen Becher Wein«, sagte er. »Den stärksten, den du hast. Und dann schneid das verdammte Ding raus.«
»Den Teufel werde ich tun«, gab Herger zurück. »Du gehst jetzt in mein Schlafgemach und legst dich hin, und ich schicke nach einem Heiler. An der Wunde schneide ich nicht herum.« Andred wollte protestieren, aber Herger hörte gar nicht hin. Er gab seinem Gehilfen einen Wink, zog Andred mit sanfter Gewalt hoch und führte ihn aus dem Raum. Der Freisegler wankte, und die beiden Männer schleppten ihn mehr, als daß er aus eigener Kraft ging.
Skar spürte plötzlich seine Müdigkeit. Er wollte nicht schlafen. Es gab zu viel zu bedenken, zu vieles abzuwägen und zu entscheiden. Er konnte nicht hierbleiben, weder für die Nacht noch für wenige Stunden. Wahrscheinlich hatte Gondered jetzt bereits die Leichen seiner beiden Männer gefunden. Wenn er, Skar, zu lange zögerte, dann würden sich Anchors Tore schließen, und er war erneut gefangen.
Aber die Müdigkeit war stärker als sein Wille. Er schlief nicht ein, verfiel jedoch in einen leichten Dämmerzustand, in dem er seine Umgebung zwar noch wahrnahm, aber kaum mehr fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen oder gar auf etwas zu reagieren. Erst als Herger nach einer Weile zurückkam und laut die Tür hinter sich ins Schloß warf, schrak Skar wieder hoch und fand verwirrt in die Wirklichkeit zurück.
Herger grinste, nahm mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden Platz und reichte Skar eine Schüssel mit dampfender Suppe.
»Andred schläft«, sagte er, während Skar nach dem hölzernen Löffel griff und vorsichtig zu essen begann. Der Gedanke an Speise und Trank war ihm bisher nicht einmal gekommen, aber nach den ersten behutsamen Schlucken meldete sich sein Magen ungestüm zu Wort, und er aß schneller.
»Bedien dich ruhig«, sagte Herger auffordernd. »Du kannst auch Andreds Portion noch haben. Ich glaube nicht, daß er im Moment große Lust zum Essen hat.«
»Wie geht es ihm?« fragte Skar kauend.
Das Lächeln auf Hergers Gesicht erlosch. »Nicht gut«, sagte er ernst. »Ich bin kein Heilkundiger, aber ich habe genug Verletzungen gesehen. Seine ist keine von der harmlosen Art. Er hat dir nichts gesagt?«
Skar schüttelte den Kopf.
»Dieser Narr«, fuhr Herger fort. »Du hättest den Pfeil herausschneiden und das Gift aus der Wunde saugen können. Jetzt ist es zu spät dafür. Ich fürchte, er wird die Hand verlieren. Zumindest wird sie steif bleiben.«
Skar aß wortlos weiter und griff, nachdem er die erste Schale geleert hatte, auch noch nach Andreds Suppe. Jetzt wurde ihm vieles klar. Das Gift mußte, während sie auf dem Weg hierher gewesen waren, bereits Andreds Gehirn erreicht und seine Sinne umnebelt haben. Es war nicht der Schock, der ihn hatte abstumpfen lassen. Und dieser Narr hatte nichts gesagt, wahrscheinlich aus Furcht, Skar mit seiner Verwundung noch mehr zu belasten. Skar schüttelte den Kopf, seufzte und fragte: »Kannst du ihn hierbehalten?«