»Andred?« Herger nickte, zog die Knie an und umschlang sie mit den Armen; eine Haltung, die nicht zu seiner Erscheinung paßte und unecht war. Er war nicht halb so gelassen, wie er vorgab. »Warum nicht? Er ist mein Freund.«
»Aber er wird auch gesucht«, sagte Skar. »Und ich werde mich kaum um ihn kümmern können. Ich muß fort.«
»Er ist sicher bei mir«, sagte Herger noch einmal. »Und du auch. Ich habe ein zweites Zimmer, hinten im Anbau. Du kannst dort schlafen, wenn du willst.«
Skar schüttelte den Kopf.
»Wenn es wegen Gondered ist«, sagte Herger, »so brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Mein Haus wäre wahrscheinlich der letzte Ort, an dem er euch suchen würde.«
»Es geht nicht um ihn«, sagte Skar. »Ich muß weiter.«
»Und was treibt dich zu solcher Eile?«
Skar nahm einen weiteren Löffel Suppe, ehe er antwortete: »Es ist besser, wenn du nichts weißt.«
»Mißtraust du mir?« Herger grinste. »Ich bin verschwiegen, Satai. Man kann sagen, ich lebe von meiner Verschwiegenheit - manchmal. Aber ich bin auch neugierig.« Er legte eine winzige, genau bemessene Pause ein und fuhr fort: »Immerhin gehe ich ein Risiko ein, wenn ich dir Unterschlupf gewähre. Du wirst gesucht.«
»Und auf meinen Kopf steht wahrscheinlich ein hübscher Preis«, fügte Skar hinzu.
»Wahrscheinlich«, bestätigte Herger ungerührt. »Aber ich hätte nicht viel davon, dich auszuliefern. Gondered würde mir das Geld sowieso bei der nächsten Gelegenheit wieder abnehmen. Außerdem - wer hat schon gerne einen Satai zum Feind?«
»Reicht dir Andreds Schicksal nicht?« fragte Skar ruhig. »Ich habe ihn ins Vertrauen gezogen. Du siehst, was ihm passiert ist.« Zu seiner Überraschung begann Herger leise zu lachen. »Der Mann mit dem Fluch«, sagte er. »Man hat mich gewarnt, daß du verrückt sein würdest.«
»So?« erwiderte Skar lauernd.
Herger nickte. »Ich weiß eine Menge über dich, Skar - sogar deinen Namen. Machen wir ein Geschäft - du sagst mir, was ich wissen will, und ich helfe dir weiter, wenn ich kann. Ich habe eine Menge Freunde in der Stadt.«
»Ich habe nicht vor, allzu lange in Anchor zu bleiben«, antwortete Skar kalt. Ihr Gespräch war schon lange keine harmlose Plauderei mehr. Herger wußte genau, was er wollte.
»Wo hast du von mir gehört?« fuhr Skar fort. »Und was?« Herger zögerte einen Moment, stand auf und zog sich einen zersprungenen Korbsessel mit abgebrochener Lehne heran, um sich darauf niederzulassen. »Ich habe Freunde in der Stadt«, sagte er noch einmal. »Und einer von ihnen berichtete mir, daß er ein Gespräch zwischen diesem Hundsfott von Thbarg und einem seiner Offiziere belauscht habe. Sie haben Anweisung bekommen, auf einen Satai zu achten, der vielleicht versuchen würde, über Anchor in das Land zu gelangen. Einen Verrückten«, fügte er mit undeutbarer Betonung hinzu. »Man behauptet, du wärest hier, um eine Errish zu töten. Stimmt das?«
Es kostete Skar Mühe, sich seinen Schrecken nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Ein weiterer Punkt für Vela. Sie ließ ihn jagen, damit hatte er gerechnet. Womit er nicht gerechnet hatte, war die Offenheit, mit der sie dabei zu Werke ging. Sie log nicht einmal, sondern verdrehte die Wahrheit nur ein ganz kleines bißchen. Nicht weit genug, daß irgend jemand außer ihr selbst und Skar die Veränderung wirklich bemerken konnte. Schließlich war er hierhergekommen, um eine Errish zu töten.
»Natürlich nicht«, sagte er. »Ich bin vielleicht verrückt, aber so verrückt nun auch wieder nicht.«
»Warum bist du dann hier?« fragte Herger lauernd. »Und warum sucht dich die halbe Armee?«
»Ich ... suche wirklich jemanden«, gestand Skar nach kurzem Überlegen. Vielleicht war es das Beste, sich - für einen Moment wenigstens - Velas eigene Taktik zu eigen zu machen. Und hatte er nicht selbst - irgendwann, vor tausend Jahren und in einem anderen Leben - einmal zu Del gesagt, er solle sich, wenn es schon nötig war, zu lügen, so dicht wie möglich an der Wahrheit bewegen? »Aber es ist keine Errish«, fügte er hinzu.
»Wer dann?«
»Wer hat diese Armee aufgestellt?« gab Skar zurück. »Und warum?«
Auf Hergers Stirn erschien eine schmale Falte. »Zug um Zug, wie?« fragte er. »Ich sehe, du kennst die Regeln. Aber ich muß dir die Antwort schuldig bleiben - ich weiß es nicht. Offiziell«, fuhr er nach sekundenlangem Schweigen fort, »heißt es, daß Quorrl über die Grenzen gekommen sind.«
»Und inoffiziell?«
»Sie ziehen überall Truppen zusammen. Und ich hörte, daß die Händlerkarawanen nicht abreißen. Das sieht mir verdammt nach Vorbereitungen für einen Krieg aus. Aber das sind Vermutungen - ich kümmere mich nicht um Politik. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für mich. Aber gute auch«, fügte er verschlagen hinzu. »Ich mache dir einen Vorschlag, Skar: Ich habe Freunde, auch außerhalb Anchors. Ich sorge dafür, daß du ungefährdet aus der Stadt und dorthin gelangst, wohin du willst.«
»Und was verlangst du dafür?«
»Informationen«, erwiderte Herger. »Du sagst mir, was du unterwegs siehst und hörst« - er zuckte mit den Achseln und starrte scheinbar versonnen gegen die Decke - »und was dieses ganze Affentheater soll.«
»Ich denke, du interessierst dich nicht für Politik?« fragte Skar. »Nur wenn es mir einen Vorteil bringt«, gestand Herger grinsend. »Das Wissen, wann und wo ein Krieg ausbricht, kann Gold wert sein, Satai.«
Skar wußte für einen Moment nicht, ob er Herger nun bewundern oder verachten sollte. Die Vorstellung war verlockend - er traute ihm durchaus zu, daß er ihn aus der Stadt und sicher bis Elay bringen lassen konnte; und der Preis, den er verlangte, war nicht hoch; genaugenommen war er gleich Null - wenn Skar sein Ziel nicht erreichen würde, würde es keinen Krieg geben; wenn er vorher starb, ging Herger ebenfalls leer aus. Aber es war auch nicht mehr als eine Vorstellung. Letztlich war Herger nicht mehr als ein Spitzel und Hehler, und seine Freunde waren gemeine Straßenräuber oder noch Schlimmeres. Wahrscheinlich würden sie ihn bei der ersten sich bietenden Gelegenheit umbringen oder an Velas Häscher verkaufen. Die Geschichte von Räubern und Ausgestoßenen, die sich im Moment der Gefahr erhoben und ihr Leben für die gerechte Sache und das Volk einsetzten, gehörte ins Reich der Phantasie. Es waren Männer wie Herger, die Vela zu ihren Statthaltern machen würde.
»Ich ... werde darüber nachdenken«, sagte er müde.
In Hergers Augen blitzte es auf. Er wußte, daß es nicht mehr als eine Ausflucht war. Und er hatte wohl auch nie ernsthaft mit einem »Ja« gerechnet.
»Du wirst auf jeden Fall die Nacht über hierbleiben«, sagte er bestimmt. »Morgen lasse ich dich aus der Stadt bringen.« Skar wollte protestieren, aber Herger ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ich weiß ja, daß ihr Satai große Helden seid«, sagte er spöttisch. »Männer aus Stahl, die nichts umwirft. Im Nebenzimmer hängt ein Spiegel, Skar. Sieh hinein, ehe du mir antwortest. Du hast Rost angesetzt. Wenn du jetzt losgehst, dann schläfst du im Laufen ein und wirst erst wach, wenn du gegen den nächsten Posten gerannt bist.« Er stand auf und deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür. »Ich zeige dir dein Zimmer.«
»Warum tust du das?« fragte Skar Herger zuckte die Achseln. »Nimm an, weil du ein Freund von Andred bist«, sagte er.
»Unsinn«, knurrte Skar.
Herger nickte. »Sicher ist es Unsinn. Aber es klingt gut. Die Gesellschaft eines berufsmäßigen Helden verleitet dazu, pathetisch zu werden, weißt du?« Er wurde übergangslos ernst. »Ich kann es mir gar nicht leisten, dich jetzt gehen zu lassen«, sagte er. »Wenn sie dich schnappen, dann werden sie bald wissen, wer dir geholfen hat. Und ich möchte meinen Kopf noch eine Weile auf den Schultern tragen.«