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Herger lächelte unsicher. »O doch, du hast. Aber ich gebe nicht auf, weißt du? Wenn du irgendwann einmal Hilfe brauchst, dann erinnere dich an mich.«

Skar aß mit erzwungener Ruhe weiter, ohne zu antworten. Hergers Angebot war verlockend, trotz allem. Elay war weit, und wenn auch nur ein Bruchteil der Gerüchte, die über das Drachenland im Umlauf waren, zutrafen, dann würde der Weg dorthin schwerer werden, als es die Wanderung nach Combat und ihre Odyssee über die toten Ebenen von Tuan zusammen gewesen waren.

Aber dann fiel ihm Andred ein, und jeder Gedanke daran, Hergers Hilfsangebot anzunehmen, erschien ihm mit einemmal lächerlich. Er stellte den hölzernen Teller ab, spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Wasser hinunter und stand mit einem Ruck auf. »Ich habe schon viel zu vielen Unglück gebracht«, sagte er. »Und ich bin viel zu lange hiergeblieben. Laß uns gehen.«

Herger zögerte. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber ein Blick in Skars Augen überzeugte ihn davon, daß jedes weitere Wort nur Zeitverschwendung war. »Vielleicht hast du recht«, murmelte er nach einer Weile. »Je eher du aus der Stadt heraus bist, desto besser. Für uns beide.« Er wandte sich um, hantierte eine Weile an einer offenstehenden Kiste herum und reichte Skar einen zusammengerollten dunkelbraunen Umhang. »Zieh das an«, sagte er.

Skar griff nach dem Mantel, wickelte ihn auseinander und betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Die Kleidung eines Sekal?« fragte er zweifelnd.

»Warum nicht? Auf diese Weise spricht dich wenigstens niemand an. Und wenn du aus der Stadt bist, kannst du ihn ja wegwerfen. Nun mach schon. Und gib acht, daß niemand deine Waffen sieht. Ein Sekal mit einem Schwert ...« Er grinste, lehnte sich gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Das dünne Hemd spannte sich deutlich über seinen Muskeln. Er war kräftiger, als Skar bisher geglaubt hatte.

Skar legte den Mantel neben sich, schnallte - sichtlich zögernd - den Waffengurt ab und drehte ihn sorgfältig zusammen. Hergers Blick heftete sich auf sein Schwert.

»Darf ich es ... einmal in die Hand nehmen?« fragte er zögernd.

Skar sah ihn einen Herzschlag lang durchdringend an. Dann zog er die schlanke Klinge aus der Scheide und reichte sie Herger. Der Schmuggler griff zögernd nach dem Schwert, hielt es an Griff und Spitze und drehte es bewundernd. »Eine phantastische Waffe«, murmelte er. »Man sagt ihr wahre Wunderdinge nach. Stimmt es, daß sie Stahl schneidet?«

Skar mußte gegen seinen Willen lächeln. In diesem Moment kam ihm Herger wie ein großes Kind vor. »Eine Waffe ist immer nur so gut wie der Mann, der sie führt«, sagte er. »Aber du hast schon recht - es ist ein phantastisches Schwert. Es gibt nicht sehr viele davon.«

Herger nickte, faßte den Griff mit beiden Händen und täuschte einen Angriff vor. Die schlanke Klinge schnitt silberne Blitze aus der Luft.

»Es ist sehr leicht«, sagte Herger verblüfft. »Man spürt es kaum. Woraus ist es gemacht?«

Skar streifte den Mantel über, befestigte die schmucklose Metallspange vor der Brust und zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich ...« Er sprach nicht weiter. Für einen winzigen Moment sah er nicht mehr das Schwert in Hergers Hand, sondern eine andere, identische Klinge, schlank, silbern und zerbrochen, das schmale Heft geborsten wie Eis...

Er verscheuchte die Vision, zog den Umhang straff und schlug die Kapuze hoch.

»Es wird Zeit«, sagte er. »Gib mir das Schwert, und dann gehen wir.« Er hob die Hand, trat einen Schritt auf Herger zu - und erstarrte.

Herger wich mit einem blitzschnellen Schritt zurück, drehte die Waffe herum und richtete die Spitze der Klinge auf Skars Gesicht. »Nein, Skar«, sagte er.

Skar blinzelte, eher verblüfft als wirklich erschreckt.

»Was soll das heißen?«

Herger schluckte. In seinem Gesicht zuckte ein Nerv, aber sein Blick blieb fest. »Nein heißt nein«, wiederholte er. »Ich werde dir das Schwert nicht geben. Und wir werden auch nicht von hier weggehen. Es tut mir leid.«

Skar lachte, leise, unsicher und gekünstelt. »Mach dich nicht lächerlich, Herger«, sagte er. »Du weißt, daß du keine Chance gegen mich hast. Auch nicht mit einem Schwert.«

»Das braucht er auch nicht«, sagte eine Stimme hinter ihm. Ein Faustschlag zwischen die Schulterblätter hätte Skar nicht härter treffen können. Er kannte die Stimme, sie und den Mann, dem sie gehörte. Er hatte sie zweimal gehört, einmal draußen auf See, das andere Mal gestern abend, im Hafen.

Langsam, mit erzwungenen, steifen Bewegungen drehte er sich um und sah den Thbarg an. Gondered trug noch den gleichen Mantel wie am vergangenen Abend. Sein Goldhelm funkelte wie ein böses Dämonenauge.

»Sagte ich nicht, daß wir uns wiedersehen?« fragte Gondered mit einem dünnen, flüchtigen Lächeln. Skar blickte ihn sekundenlang durchdringend an und drehte sich dann wieder zu Herger um.

»Wieviel hat er dir bezahlt?« fragte er.

Hergers Blick flackerte unsicher. »Ich ... hatte keine Wahl«, sagte er. Seine Stimme klang leise, beinahe flehend, und das Schwert in seinen Händen begann unmerklich zu zittern. »Er hat mich gezwungen, Skar. Ich ... mußte dich ihm ausliefern, wenn ich Andreds Leben retten wollte.«

Skar lächelte böse. »Narr! Glaubst du wirklich, daß er dich oder Andred am Leben läßt? Ich hätte dich für klüger gehalten.« Herger erbleichte, und in seinem Blick erschien ein neuer Ausdruck - Zweifel, Furcht, aber auch allmählich aufdämmerndes Erkennen. »Du ...«

»Genug jetzt!« fiel ihm Gondered ins Wort. Er trat vollends hinter dem Kistenstapel, hinter dem er versteckt gewesen war, hervor, schlug mit einer raschen Bewegung seinen Mantel zurück und zog sein Schwert aus dem Gürtel. Sein Gesicht wurde hart. »Gibst du auf, oder soll ich dich gleich hier töten?« fragte er kalt.

Skar wich um eine Winzigkeit zur Seite, verlagerte sein Körpergewicht auf das linke Bein und spannte sich. Er hörte, wie Herger hinter ihm in Position ging.

»Du bist mutiger, als ich dachte, Gondered«, sagte Skar. »Ich hätte nicht geglaubt, daß du allein kommst.« Er spannte sich, langsam, damit die Bewegung nicht trotz des Mantels auffiel. Seine Hände pendelten lose vor dem Körper; eine harmlos, täuschend harmlose Haltung, die trotzdem jeden, der etwas von der Kampftechnik der Satai verstand, gewarnt hätte.

Aber Gondered gehörte entweder nicht zu diesen Menschen - oder er war noch überheblicher, als Skar bisher geglaubt hatte. Seine Lippen verzogen sich zu einem abfälligen Lächeln. Das Schwert in seiner Hand zuckte hoch und schnitt ein paarmal durch die Luft. Die Bewegung wirkte hölzern. Gondered hätte vermutlich selbst gegen einen Nicht-Satai keine sonderlich gute Figur abgegeben.

»Wer sagt dir, daß ich allein bin?«

Skar lächelte. »Oh, ich bin sicher, daß das Haus umstellt ist«, sagte er spöttisch. »Wie viele Männer hast du mitgebracht? Hundert? Oder noch mehr?«

»Genug«, sagte Gondered hart. »Jedenfalls genug, um mit dir fertig zu werden.«

»Du ... solltest nicht versuchen, dich zu wehren«, sagte Herger stockend zu Skar. »Du hast keine Waffe.«

Skar drehte sich beinahe gemächlich um, musterte Herger einen Sekundenbruchteil und trat einen Schritt auf ihn zu. Herger zuckte zusammen und brachte das Schwert hoch. Skar täuschte mit der Linken an, griff mit der anderen Hand zu und riß ihm die Waffe aus der Hand.

»Wie du siehst«, sagte Skar gelassen, »stimmt das nicht ganz.« Er schenkte Herger ein flüchtiges Lächeln, wandte sich dann wieder zu Gondered um und sah ihn mit einer Mischung aus Herablassung und Bedauern an.

»Ich fürchte, ich habe einen Fehler gemacht, Herger zu vertrauen«, sagte er im Plauderton. »Aber du auch, Gondered.« Gondered schwieg. Sein Gesicht blieb unbewegt, aber sein Blick hatte viel von seiner Selbstsicherheit verloren. Er zitterte.

»Vielleicht komme ich hier nicht mehr lebend raus«, fuhr Skar fort. »Und vielleicht erfüllt sich dein Wunsch, daß ich zur Hölle fahre, Thbarg - aber wenn, dann befinde ich mich in guter Gesellschaft dabei.«