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Gondered wich einen halben Schritt zurück. Sein Blick irrte ungläubig zwischen Skars Waffe und Herger hin und her. Die spielerische Leichtigkeit, mit der Skar dem Hehler das Tschekal entrissen hatte, schien ihn mehr beeindruckt zu haben, als wenn er Herger getötet hätte.

Irgend etwas stimmt hier nicht, wisperte eine Stimme hinter Skars Gedanken. Gondered ist ein Feigling, vergiß das nicht. Er wäre nie allein hierher gekommen.

Gondered wich bis zur Wand zurück und hob das Schwert ein wenig höher. »Keinen Schritt näher!« sagte er drohend. »Du hast keine Chance.«

»Ach?« grinste Skar.

Gondered wollte etwas erwidern, aber er kam nicht mehr dazu. Skars Tschekal zuckte vor, hackte mit einer unglaublich schnellen Bewegung nach Gondereds Waffe und prellte sie ihm aus der Hand. Der Thbarg stieß einen krächzenden Laut aus, wich einen Schritt zur Seite und hob schützend die Unterarme vor das Gesicht.

Skar lachte leise.

»Sag mir einen Grund, Thbarg«, sagte er, »einen einzigen Grund, warum ich dich nicht töten sollte.«

Gondered nahm langsam die Hände herunter. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, aber sein Blick wirkte noch immer hochmütig, ja beinahe spöttisch. Skars Mißtrauen wuchs.

»Vielleicht«, sagte Gondered betont ruhig, »weil du es nicht kannst.«

Skar schwieg. Seine Sinne arbeiteten plötzlich mit jener seltenen Schärfe, die sich nur im Moment der Gefahr und selbst dann nur für kurze Momente einstellte. Er sah und hörte alles mit phantastischer Klarheit - Gondereds Gesicht, jedes winzige Zucken eines Muskels oder Nervs, das Flackern in seinem Blick, Hergers Atemzüge, die leisen Geräusche der Männer, die draußen vor dem Haus Aufstellung genommen hatten.

Gondereds Gesicht begann zu zerfließen. Seine Gestalt flackerte, als stünde er hinter einer Wand unsichtbaren treibenden Nebels. Stoff raschelte. Sein Helm rutschte ein Stück nach vorne, als schrumpfe sein Kopf auf geheimnisvolle Weise zusammen. Er wankte, hob die Hände und schlug sie vor das Gesicht. Ein seufzender, fast schmerzhafter Laut kam über seine Lippen. Er taumelte, prallte gegen die Wand und rutschte an ihr herab.

Jedenfalls war es das, was Skar in der ersten Sekunde zu sehen glaubte. Aber dann erkannte er, daß er sich täuschte. Gondered brach nicht zusammen - er schrumpfte. Der ganze Vorgang nahm nicht mehr als zwei, allerhöchstens drei Sekunden in Anspruch, aber als Gondered die Hände herunternahm, waren es nicht mehr seine Hände, und als er triumphierend zu Skar hinaufstarrte, waren es nicht mehr seine Augen, deren Glitzern Skar zu verhöhnen schien.

»Tantor!« keuchte Skar.

Der Zwerg nickte. »So nannte man mich dann und wann«, sagte er. Seine Stimme schien sich verändert zu haben, seit Skar das letzte Mal mit ihm zusammengetroffen war. Sie klang schriller, deutlich härter, und in seinem Gesicht waren neue tiefe Linien erschienen, Spuren von Schmerz und erstarrtem Haß. Er sah nun vollends aus wie ein häßlicher, böser Gnom. »Es freut mich, daß du mich nicht ganz vergessen hast«, sagte er. »Zumindest an meinen Namen kannst du dich noch erinnern.« Er verzog das Gesicht, spuckte angewidert aus und kam mit kleinen, trippelnden Schritten auf Skar zu. Der Goldhelm wackelte auf seinem plötzlich viel zu kleinen Kopf, und der blaue Thbarg-Mantel, der wie eine Schleppe hinter ihm herschleifte, gab ihm das Aussehen einer Witzfigur. Trotzdem spürte Skar plötzlich Furcht, zum ersten Mal, seit er dem Zwerg begegnet war. Tantor hatte sich verändert. Er reichte Skar noch immer kaum bis zur Brust, aber wenn er bisher allenfalls ein wenig unheimlich und verschlagen erschienen war, so konnte Skar nun den Haß, der den Zwerg zerfraß, regelrecht sehen. Der Gnom war eine personifizierte Drohung.

»Eines muß man dir lassen, Skar«, sagte er. »Du bist von einer geradezu aufdringlichen Hartnäckigkeit. Du hättest die Chance nutzen und dich trollen sollen, irgendwohin ans andere Ende der Welt. Vielleicht wärst du dann vor mir sicher gewesen.«

Skar wich einen halben Schritt zurück, obwohl er sich dabei fast lächerlich vorkam. Er wußte, wie gefährlich Tantor war, aber er kannte auch die Grenzen seiner Macht. Er hatte ihn schon einmal besiegt.

»Du hast mich verraten, Skar«, zischte Tantor. »Ich habe mein Leben riskiert, um das deine zu retten, und als Dank hast du mich an Vela ausgeliefert.« Steine Stimme bebte. Seine Hände formten sich zu Krallen, als könne er nur noch mühsam dem Drang widerstehen, sich auf den fast doppelt so großen Satai zu stürzen. »Weißt du, was sie mit mir gemacht hat, Skar?« fuhr er fort. »Weißt du, was sie mir angetan hat?«

»Nicht genug, wie mir scheint«, sagte Skar. »Immerhin lebst du noch.«

Tantor erbleichte. »Ja«, zischte er. »Ich lebe noch. So wie du leben wirst, noch lange, lange Zeit. Aber du wirst mich anflehen, dich zu töten, Skar, das verspreche ich dir. Du ...«

Skar sprang. Sein Fuß traf Tantors Gesicht, schmetterte den Zwerg wie eine Stoffpuppe gegen die Wand und ließ ihn mit haltlos pendelnden Gliedern daran herabrutschen. Skar fiel, prallte ungeschickt mit der Schulter auf und kam mit einer Mischung aus Schmerzens- und Kampfschrei wieder auf die Füße. Sein Schwert beschrieb einen blitzenden, tödlichen Halbkreis und raste auf Tantors Schädel herab.

Jedenfalls hätte es es tun sollen.

Irgend etwas geschah. Eine unsichtbare, unwiderstehliche Gewalt schien Skar zu ergreifen, zurück- und herumzuschleudern und ihm die Luft aus den Lungen zu pressen. Er schrie auf, ließ sein Schwert fallen und brach mit einem erstickten Keuchen in die Knie. Etwas preßte seine Arme mit mörderischer Kraft gegen seinen Leib. Er sah an sich herab, rang verzweifelt nach Luft und schrie erneut und diesmal vor Schreck auf, als er sah, was geschehen war. Der braune Sekal-Mantel schien zu bizarrem Leben erwacht zu sein. Seine Falten zuckten und bebten, zitterten wie die Haut eines lebenden Wesens. Eine rasche, wellenförmige Bewegung lief durch den braunen Stoff, mehr zu ahnen als wirklich zu sehen, während er sich enger und enger um Skars Körper schmiegte, sich zusammenzog wie nasses Leder, das in der Sonne trocknete, Skars Arme an seinen Leib und die Luft aus seinen Lungen preßte. Skar keuchte, bäumte sich auf und spannte jeden einzelnen Muskel, aber seine Anstrengungen schienen den irrsinnigen Druck eher noch zu verstärken. Der Würgegriff wurde unerträglich. Skar bekam keine Luft mehr. Langsam kippte er zur Seite, schlug schmerzhaft zu Tantors Füßen auf dem Boden auf und warf sich herum. Der Mantel zog sich enger zusammen; der Griff einer unsichtbaren stählernen Klaue, der das Leben aus seinem Körper herauspreßte. Sein Rippen knackten hörbar, während er sich langsam wie eine Feder, die von einer unwiderstehlichen Gewalt zusammengepreßt wird, krümmte.

Tantor schleuderte Helm und Mantel mit einer ungeduldigen Bewegung von sich, kam mit kleinen, trippelnden Schritten auf Skar zu und stemmte die Fäuste in die Hüften. Skar drehte mit letzter Kraft den Kopf und sah zu ihm empor. Das Gesicht des Zwerges hing wie eine häßliche Dämonenmaske über ihm, halb verborgen hinter einem Schleier aus Blut und Schmerzen.

»Er stirbt«, sagte Herger. Seine Stimme klang erschrocken. »Der Mantel erwürgt ihn.«

Tantor nickte. Ein dünnes, böses Lächeln spielte um seine Lippen. »Ich sollte ihn verrecken lassen«, sagte er, »so wie er mich den Geiern zum Fraß vorgeworfen hat.« Er trat zurück, schnippte mit den Fingern und stieß ein halblautes, kompliziertes Wort hervor.

Der Druck auf Skars Brust verschwand so plötzlich, daß es fast schmerzte. Skar schrie auf, warf sich herum und schlug die Hände gegen den Hals. Tantor wich rasch einen Schritt zurück und hob die Hand. »Versuch keine Dummheiten«, warnte er ihn.