Skar blieb sekundenlang reglos liegen, rang keuchend nach Atem und suchte den grausamen Schmerz in seinen Lungen zu bekämpfen. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise und Flecken. Er wälzte sich herum, stemmte sich mühsam auf Hände und Knie hoch und sah Tantor an. Ohne Mantel und Helm wirkte Tantor noch dürrer und bemitleidenswerter als sonst. Seine Gestalt wirkte irgendwie ... verzerrt, und die Haut seiner Hände war grau wie die Haut eines Toten.
Tantor bemerkte seinen Blick. »Sieh mich nur an«, zischte er. »Das ist dein Werk, Satai. Das habe ich bekommen, zum Dank dafür, daß ich dir zur Flucht verholfen habe.« Seine Stimme zitterte, und in den Worten schien ein schwaches Echo des Schmerzes mitzuschwingen, den er empfunden haben mußte. Plötzlich spürte Skar nur noch Mitleid mit ihm.
»Du ... du hast immer noch Angst vor mir, wie?« sagte er keuchend. »Warum tust du dich nicht mit mir zusammen und rächst dich an Vela?«
Tantor lachte, aber es war ein schriller, beinahe hysterischer Laut, der wohl eher an ein Schreien erinnerte.
»Mit dir?« keuchte er. »Danke, Skar - ich habe eine Kostprobe deiner Hilfe bekommen. Wenn ich die Wahl zwischen zwei Verrätern habe, dann bleibe ich lieber auf der Seite des Stärkeren.« Skar richtete sich schwankend auf die Knie auf. Tantor wich einen weiteren Schritt zurück. »Keine Bewegung!« zischte er. »Der Mantel ist aus Seide. Selbst wenn du mich tötest, würde er dich hinterher erwürgen. Er ist auf mich fixiert.«
Skar lächelte. »Du hast dich in Unkosten gestürzt, wie? Hast du solche Angst vor mir?«
Tantor antwortete nicht, aber sein Blick glühte vor Haß. Skar resignierte innerlich. Wenn er jemals eine Chance gehabt hatte, Tantors Vertrauen zu gewinnen, dann hatte er sie an der Grenze des Kristallwaldes verspielt.
»Was hast du jetzt mit mir vor?« fragte er. »Willst du mich zu Vela bringen?«
Tantor schüttelte den Kopf. »Damit du unterwegs eine Gelegenheit findest zu entkommen?« fragte er. »O nein, Skar. Ich gebe zu, daß ich dich unterschätzt habe - wir alle haben dich unterschätzt. Aber ich mache einen Fehler grundsätzlich nur einmal. Du wirst hingerichtet, noch heute. Du wirst ganz offen auf dem Marktplatz von Anchor hingerichtet.«
»Hingerichtet?« wiederholte Skar zweifelnd. »Ihr wollt einen Satai hinrichten lassen?«
Tantor gab ein abfälliges Geräusch von sich. »Satai!« Er spie das Wort aus, als handele es sich um eine Beschimpfung. »Du wirst es nicht mehr erleben, Skar, aber ich kann dir versichern, daß es bald keine Satai mehr geben wird. Ihr haltet euch für den Gipfel von Macht und Weisheit, wie? Ihr glaubt, die Welt würde ohne euch nicht mehr funktionieren, in Barbarei verfallen - ha! Es wird Zeit, daß ihr Satai von eurem hohen Roß heruntergeholt werdet!« Skar setzte zu einer Antwort an, schwieg dann aber. Irgend etwas sagte ihm, daß Tantors Worte ernst gemeint waren. Und es war nicht nur der Haß, der aus ihm sprach.
»Du ... hast Befehl, mich zu töten?« murmelte er.
Tantor nickte. »Was dachtest du? Hast du geglaubt, wir bringen dich im Triumphzug nach Elay?« Er lachte leise, wandte sich um und ging zur Tür. »Wir brauchen dich nicht mehr, Skar«, sagte er, während er ächzend den schweren Riegel zurückschob. »Du warst ein notwendiges Übel, aber jetzt bist du nur noch überflüssig. Und lästig.« Die Tür wurde von außen aufgestoßen. Flackernder roter Fackelschein fiel durch den breiter werdenden Spalt. Skar konnte an Tantor vorbei einen Blick auf ein Dutzend Bewaffneter erhäschen, das draußen vor dem Haus Stellung bezogen hatte. Der Zwerg öffnete die Tür vollends und rief ein paar Worte in einer raschen, unverständlichen Sprache hinaus. Drei der blaugekleideten Krieger lösten sich aus der Gruppe und traten an Tantor vorbei ins Haus. Es waren Thbarg, die gleichen Krieger, die am vergangenen Abend draußen am Kai gewesen waren. Sie gingen rasch an Tantor vorbei, zogen ihre Waffen und nahmen im Kreis um Skar Aufstellung. Skar fiel auf, daß sie sich krampfhaft zu bemühen schienen, den Zwerg nicht direkt anzublicken. Sie wirkten nervös.
»Weißt du, was man mit jemandem macht, der lästig wird?« fuhr Tantor fort, nachdem er die Tür wieder geschlossen und den Riegel vorgelegt hatte. »Man beseitigt ihn.«
»Ihr habt mir versprochen, ihn nicht zu töten«, sagte Herger. Skar drehte den Kopf und sah den jungen Schmuggler an. Hergers Gesicht hatte alle Farbe verloren. Sein Blick irrte immer wieder zwischen Skar und Tantor hin und her, und das Schwert in seiner Hand wirkte deplaciert. Er schien nicht so recht zu wissen, was er überhaupt mit der Waffe sollte.
Tantor wischte seinen Einwand mit einer ungeduldigen Geste beiseite. »Versprochen«, sagte er. »Frag deinen Freund Skar, wie er seine Versprechungen hält.«
»Aber du ...«
»Genug!« fauchte Tantor. »Sei still und bedanke dich lieber bei deinen Göttern, daß ich es mir nicht anders überlege und dich dafür bestrafe, daß du ihm Unterschlupf gewährt hast.«
Herger wurde sichtlich noch bleicher. Die Drohung in Tantors Stimme war nicht zu überhören. »Und ... Andred?« fragte er stockend.
Tantor runzelte in gespieltem Nichtverstehen die Stirn. »Was soll mit ihm sein?« fragte er überrascht. »Er ist ein Verräter wie Skar und wird mit ihm gehenkt. Wenn du willst, lasse ich dir einen Platz in der vordersten Reihe reservieren. Du kommst doch zur Hinrichtung, oder?«
Herger keuchte, machte einen halben Schritt und hob das Schwert. Einer der Thbarg-Krieger vertrat ihm drohend den Weg. Tantor lachte leise. »Du bist und bleibst ein Idiot, Herger«, sagte er gleichmütig. »Aber ich will großzügig sein. Ich habe lange auf diesen Tag warten müssen, weißt du ? Behalte das Schwert und den Waffengurt des Satai. Wer weiß, vielleicht wird das Zeug einmal wertvoll - für einen Trödler. Ich glaube ...«
Von draußen drang ein gellender, schriller Schrei herein. Tantor zuckte zusammen, sah erschrocken zur Tür und gab den drei Thbarg einen Wink. Die Krieger traten näher an Skar heran. Der Schrei wiederholte sich; höher, schriller und verzweifelter diesmal, dann drang ein dumpfes, dröhnendes Geräusch durch das dünne Holz der Tür, ein Laut, als schlüge Fels gegen Metall. Skar richtete sich weiter auf und versuchte auf die Füße zu kommen. Tantor fuhr herum und hob die Hand. Der Mantel zog sich mit einem schmerzhaften Ruck enger um Skar zusammen und ließ ihn erneut auf die Knie sinken.
Der Lärm vor der Tür verstärkte sich. Waffen klirrten, ein Mann schrie in Todesangst. Dann traf irgend etwas gegen die Tür, zerschmetterte den Riegel und das morsche Holz und brach in einem Wirbel von Kalk und fliegenden Holzsplittern in den Raum.
Skar reagierte um den Bruchteil einer Sekunde schneller als seine Bewacher. Er ließ sich zur Seite fallen, zog die Knie an den Körper und stieß mit aller Macht zu. Seine gefesselten Füße trafen Tantor vor die Brust, schleuderten ihn gegen die Wand und ließen ihn halb bewußtlos zu Boden sinken. Jemand schrie. Etwas Gewaltiges, Schwarzes setzte über Skar hinweg, brach wie ein tödlicher Sturmwind aus schwarzem Granit und reißenden Fängen über die drei Thbarg-Krieger herein und riß sie von den Füßen. Es ging zu schnell, als daß Skar wirklich Einzelheiten erkennen konnte. Eine Woge von Schwarz erfaßte die Krieger, rollte über sie hinweg und hinterließ nichts als drei zerschmetterte, blutige Bündel, die kaum mehr als menschliche Wesen zu erkennen waren. Herger stieß einen krächzenden, ungläubigen Schrei aus, wich zur Wand zurück und starrte aus weitaufgerissenen Augen auf das schwarze, steinerne Monstrum. Auch Skar versuchte sich hochzustemmen, aber der Mantel hatte sich so eng um seinen Körper geschlungen, daß er kaum mehr zu einer Bewegung fähig war.
Der Wolf wandte langsam den Kopf. Sein schwarzer Leib glitzerte wie ein Stück lebendig gewordener Nacht. Etwas Dunkles, Körperloses schien das Tier einzuhüllen, eine Aura von Macht und Gewalttätigkeit, die den Wolf begleitete wie ein letzter Hauch der fremden Welt, aus der er gekommen war. Skar versuchte vergeblich dem Blick seiner dunklen, lichtlosen Augen standzuhalten. Er spürte plötzlich, daß es nichts gab, was dem Blick dieser steinernen Pupillen verborgen bleiben konnte. Er spürte auch, daß das Tier so mühelos auf den Grund seiner Seele blickte wie er durch eine Glasscheibe, und daß es all seine Gefühle, Gedanken und Wünsche kannte, über jeden seiner Schritte Bescheid wußte, noch bevor er ihn tat. Der Wolf war vom ersten Tag an auf seiner Fährte gewesen, und er hatte diese Spur nicht für eine Sekunde verloren. Er hatte mit ihm gespielt, ihn gehetzt, so wie ein wirklicher Wolf seine Beute hetzt, bis sie müde und erschöpft ist und er sie ohne große Gefahr schlagen kann. Er hatte zugesehen, wie alles um ihn herum zerbrach, wie jeder Mensch, den er liebte oder dem er wenigstens Sympathie entgegenbrachte, auf die eine oder andere Weise zugrunde ging. Es war nicht so sehr eine Jagd über eine räumliche Entfernung hinweg gewesen, sondern vielmehr eine Hatz durch seine Gefühle, eine Jagd zum Ende der Verzweiflung. Der Tod war nicht genug für die Schmach, die Skar ihm zugefügt hatte. Combats Wächter wollte Rache, und er hatte sie bekommen. Er hatte den Skar, der in die brennende Stadt gekommen und seinen Schatz geraubt hatte, vernichtet, nicht ein-, sondern ein dutzendmal, hatte ihn gehetzt, bis seine Welt, sein Leben, Stück für Stück zerbrochen war, bis aus Skar, dem Satai, ein Mann geworden war, der sich selbst verachtete, haßte.