All dies lag in diesem einen kurzen Blick, dies und noch viel, viel mehr. Die Jagd war zu Ende, hier und jetzt. Skar hatte ihm allen Schmerz zugefügt, den er ihm zufügen konnte, hatte ihn gequält, ohne daß Skar bis jetzt begriffen hatte, wer sein wirklicher Gegner war.
Jetzt würde der ihn töten.
Langsam, aber mit einer Eleganz, die der scheinbaren Schwerfälligkeit seines aus Granit gemeißelten Körpers spottete, drehte sich das gewaltige Tier herum, machte einen Schritt in Skars Richtung und blieb abermals stehen. Sein Rachen öffnete sich. Der Atem der Hölle schien Skar zu streifen.
Es war Tantor, der Skar das Leben rettete. Der Zwerg hatte sich unbemerkt aufgerichtet und einen Beutel aus dem blauen Mantel hervorgeholt. Sein Gesicht war blutüberströmt und geschwollen, und dort, wo er gegen die Wand geprallt war, war ein schmieriger roter Fleck zurückgeblieben. Doch von alldem schien er kaum etwas zu bemerken. Wankend, aber trotzdem hochaufgerichtet und mit festen Schritten trat er über Skar hinweg, breitete die Arme aus und verstellte dem Wolf den Weg.
Das Tier zögerte. Der Blick seiner schwarzen, grundlosen Augen glitt über Tantors Gestalt, taxierte den neuen Gegner. Ein dumpfes Knurren drang aus der gewaltigen Brust des Wolfes. »Sharagey«, sagte Tantor. »Sharagey tehm!«
Waren die Worte Skar auch fremd, so schien der Wolf ihre Bedeutung - oder zumindest ihren Sinn - doch zu verstehen. Seine Ohren zuckten. Skar sah, wie sich die gewaltigen Muskeln des Tieres zum Sprung spannten.
»Nein!« schrie Tantor. »Laß ihn! Er gehört mir!« Mit einem gellenden Schrei warf er sich dem Wolf entgegen, riß die Hand hoch und warf das Pulver, das er bisher darin verborgen gehalten hatte.
Für eine halbe Sekunde schien der Wolf hinter einer glitzernden weißen Wolke zu verschwinden. Eine unsichtbare Woge mörderischer, beißender Kälte rollte über Skar hinweg und ließ seine Haare und Augenbrauen gefrieren. Die Luft war plötzlich von Dampf und knisternder Kälte erfüllt. Auf dem Boden und an den Wänden bildete sich Eis, eine hauchdünne, blitzende Schicht, schimmernd wie millionenfach geborstenes Glas. Die Atemluft schien in Skars Kehle zu gefrieren, und sein Gesicht brannte plötzlich wie Feuer. Der Sekal-Mantel zuckte, zog sich noch einmal wie unter einem gewaltigen Krampf um Skars Körper zusammen und zerbrach wie Glas, als Skar sich instinktiv dagegenstemmte. Skar warf sich herum, hörte Herger schreien und schlug schützend die Hände vor das Gesicht, als ihn eine zweite Kältewelle wie ein Axthieb traf. Tantors Gestalt schien in einen Mantel aus blitzenden Eiskristallen eingehüllt zu sein. Er schrie, aber auch seine Stimme war wie Glas, spröde und geborsten. Der Wolf taumelte. Tantors Zauberpulver hatte seinen Körper erstarren lassen und das matte Schwarz des Granits mit milchig-blinkendem Weiß überzogen und seine Augen in geborstene Spiegelscherben verwandelt. Seine Bewegungen wurden langsamer, eckig, erstarrten schließlich in glitzerndem, gesprungenem Weiß.
Aber nur für einen Moment. Noch bevor Skar sich vollends aus den Resten des Mantels befreit und auf die Füße gestemmt hatte, ging der schwarze Dämon aus Combat zum Gegenangriff über. Winzige gelbe Flammen züngelten aus seinen Nüstern, ließen Eis zu Wasser und Wasser zu Dampf werden, hüllten sein Maul, den Kopf und dann, mit rasender Geschwindigkeit um sich greifend und gleichzeitig wachsend, seinen gesamten Leib ein. Ein berstender Schlag ließ das Gebäude in den Grundfesten erbeben. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich der Wolf in ein waberndes, flammengekleidetes Schemen, unerträgliche, sengende Hitze verbreitend. Skar taumelte zurück, senkte den Kopf und schlug abermals die Hände vor das Gesicht. Seine Kleider begannen zu schwelen. Er hörte Schreie von Herger und Tantor, aber auch seine eigenen, sah ein glosendes Etwas auf sich zutaumeln und erkannte Tantor, Tantor, der brannte, schrie, seine verkohlten Hände betrachtete und in blindem Schmerz zurücktaumelte. Skar reagierte instinktiv. Mit einem verzweifelten Satz warf er sich zur Seite, wankte an den beiden brennenden, ineinander verbissenen Schemen vorbei und taumelte zur rückwärtigen Wand des Raumes. Von draußen drangen jetzt gedämpfte Schreie herein, das Trappeln zahlreicher Füße, aufgeregte Rufe, das Klirren von Waffen. Skar wurde es plötzlich bewußt, daß seit dem Auftauchen des Wolfes erst wenige Sekunden vergangen waren. Das Erscheinen des Monsters mochte Tantors Männer überrascht und für Augenblicke gelähmt haben, aber schon in kurzer Zeit würde es hier drinnen von Kriegern wimmeln.
Herger wich mit einem gleichermaßen erschrockenen wie ungläubigen Keuchen zurück, als Skar auf ihn zutaumelte. Er hob das Schwert und versuchte ungeschickt, nach Skar zu schlagen, aber der Hieb hätte nicht einmal einem Kind gefährlich werden können. Skar schlug ihm die Waffe aus der Hand, packte ihn grob bei der Schulter und warf ihn gegen die Wand. »Gibt es einen Hinterausgang?« keuchte er.
Herger nickte verkrampft. Der Widerschein der Flammen ließ sein Gesicht noch blasser erscheinen, als es ohnehin war. Skar packte ihn ohne ein weiteres Wort, riß ihn herum und stieß ihn vor sich her. Der Vorhang an der Tür fing Feuer, als sie hindurchrannten.
Skar warf einen Blick über die Schulter zurück. Der Raum hatte sich in ein Chaos aus Flammen verwandelt, aus brodelndem Feuer, das wie unzählige Glieder eines weißglühenden, lodernden Tieres nach Decke und Wänden und den aufgestapelten Waren griff. Irgendwo in seinem Zentrum waren zwei Schatten, dunkle, zu einem unentwirrbaren Knäuel verbissene Körper, die einzeln nicht mehr zu erkennen waren.
»Weiter!« keuchte Skar, als Herger stehenbleiben wollte. Der Schmuggler stolperte blindlings weiter, wich vor dem Raum, in dem Skar die Nacht verbracht hatte, zur Seite und deutete auf eine weitere, nur angelehnte Tür. Das Schreien und Waffenklirren hinter ihnen wurde lauter, und als Skar sich abermals umblickte, sah er lodernden Feuerschein durch die Tür brechen. In wenigen Augenblicken würde das Haus einem brennenden Scheiterhaufen gleichen. Die Flammen fanden in dem Gerümpel, das Herger über Jahre geduldig gesammelt hatte, reichliche Nahrung und fraßen sich fast mit der Geschwindigkeit einer Explosion weiter.
Sie durchquerten einen niedrigen Raum, der wie der Rest des Hauses bis unter die Decke mit Kisten und Ballen vollgestopft war, liefen durch einen kurzen Flur und standen plötzlich vor einer nur halbhohen verschlossenen Tür. Herger streckte die Hand nach der Klinke aus, führte die Bewegung jedoch nicht zu Ende, sondern prallte mit einem halb überraschten, halb erschrockenen Laut zurück. »Der Schlüssel!« keuchte er. In seiner Stimme schwang Panik mit. »Ich habe den Schlüssel nicht...«