Skar stieß ihn grob beiseite und trat die Tür kurzerhand ein. Das morsche Holz gab schon unter dem ersten Ansturm nach. Die Tür bebte, neigte sich langsam nach außen und schlug krachend auf dem Boden auf. Skar versetzte Herger einen Stoß, der ihn mehr aus dem Haus fallen als aus eigener Kraft gehen ließ, setzte mit einem kraftvollen Sprung nach und ließ sich zur Seite fallen. Seine Vorsicht war nicht übertrieben gewesen. Der Hof war voller Männer. Skars plötzliches Auftauchen schien sie zu überraschen, aber allein ihre gewaltige Übermacht machte diesen geringen Vorteil mehr als nur wett.
Skar rollte herum, parierte einen Schwerthieb und duckte sich, als er sah, wie einer der Krieger seinen Bogen hochriß. Der Pfeil zischte eine knappe Handbreit über Skars gekrümmtem Rücken durch die Luft und zerbrach an der Wand. Ein zweiter Pfeil zischte aus der entgegengesetzten Richtung heran, riß eine blutige Schramme in Skars Oberarm und ließ ihn zurücktaumeln.
Dann waren sie über ihm - sieben, acht von Tantors Männern, die gleichzeitig und wild entschlossen auf ihn eindrangen und ihn zurücktrieben. Skar wehrte sich verzweifelt, aber er spürte, daß er kaum eine reelle Chance hatte. Seine Gegner waren keine gedungenen Mörder und Straßenräuber, sondern Krieger, Männer, die fast ebenso gut mit ihren Waffen umzugehen wußten wie er und genau wußten, wie gefährlich der Mann war, dem sie gegenüberstanden. Und er hatte einfach nicht genug Platz, um seine überlegene Kampftechnik so anzuwenden, wie es notwendig gewesen wäre.
Schritt für Schritt wurde er zurückgedrängt. Die Hiebe und Stiche prasselten immer rascher auf ihn herab, und mehr als einer durchbrach seine Deckung. Schon nach wenigen Sekunden blutete er aus zahlreichen schmerzenden Wunden. Er spürte bereits, wie seine Kräfte nachließen. Er schlug zu, duckte sich, parierte mit einer verzweifelten Bewegung drei, vier Hiebe gleichzeitig und tötete mit einem blitzschnellen Konter einen Krieger, dessen Platz aber beinahe augenblicklich von einem anderen eingenommen wurde. Schließlich stand er mit dem Rücken zur Wand, eingekreist von fast einem Dutzend Thbarg. Seine Hände zitterten. Ein Stich hatte seine Seite aufgerissen; der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.
»Gib auf, Satai!« keuchte einer der Thbarg. Die Männer wichen zurück - kaum mehr als einen halben Schritt, gerade genug, um aus der Reichweite seines Schwertes zu sein -, aber der Halbkreis aus Schwertern und Dolchen, in dessen Zentrum er sich befand, lockerte sich nicht.
»Gib auf!« sagte der Mann noch einmal. »Du hast keine Chance mehr!«
Skar rang keuchend nach Atem. Das Gesicht des Mannes war bleich. Er blutete aus einem häßlichen gezackten Schnitt auf der Wange, und das Schwert in seinen Händen zitterte. Er hatte Angst. Aber Gegner, die Angst haben, das hatte Skar in langer schmerzlicher Erfahrung erlernt, waren die gefährlichsten.
Aus dem Haus drang ein gellender Schrei, ein Laut, wie ihn Skar schon unzählige Male gehört hatte, ohne daß er jemals seinen Schrecken verloren hätte. Der Todesschrei eines Menschen. Tantors Schrei.
Für eine endlose, schreckliche Sekunde legte sich Schweigen wie ein erstickender Mantel über den winzigen Hinterhof. Selbst das Atmen der Männer war nicht mehr zu hören. Der Thbarg erbleichte noch mehr, sah unsicher zu der zerborstenen Tür, durch die Skar gekommen war, und senkte das Schwert um eine Winzigkeit. Ein dumpfes, polterndes Krachen ließ das Haus erbeben, ein Geräusch, als breche etwas Gewaltiges, Großes rücksichtslos durch Wände und Balken. Ein Teil des Daches sackte lautlos nach innen, und der Himmel flammte plötzlich im grellroten Widerschein lodernden Feuers. Der Boden zitterte.
Skar ließ sich einfach zur Seite fallen. Zwei, drei der Krieger rissen in einer instinktiven Bewegung ihre Waffen hoch und drangen erneut auf ihn ein, aber ihre Reaktion kam zu spät.
Der Faustschlag eines zornigen Gottes traf das Gebäude. Die Rückwand barst in einer Explosion von Steinen, Kalk, Holzsplittern und Flammen auseinander. Die Männer schrien auf, brachen, von wirbelnden Trümmerstücken oder Flammen getroffen, zusammen oder suchten ihr Heil in der Flucht. Ein flammenspeiendes schwarzes Ungeheuer brach aus dem Gebäude hervor, ein zorniger Gott, gekleidet in einen Mantel aus Haß und dem Feuer der Sterne. Skar schlug schützend den Unterarm vor die Augen, als der Wolf mit einem gewaltigen Satz über ihn hinwegsprang. Der Boden dröhnte, als das steinerne Ungeheuer zwischen den Kriegern aufprallte. Ein Ring aus Flammen strebte mit trügerischer Langsamkeit von dem Wolf weg über den Hof, erfaßte zwei, drei Thbarg und verwandelte sie in lebende Fackeln. Skar tastete blind nach seinem Schwert, stemmte sich hoch und wankte los. Die Hitze schlug wie eine glühende Pranke nach ihm und ließ ihn aufschreien.
»Skar! Hierher!«
Hergers Stimme ging im Schreien der Männer und dem Brüllen der Flammen beinahe unter. Skar blieb stehen, sah sich gehetzt um und erkannte den Schmuggler am gegenüberliegenden Rand des Hofes. Herger stand geduckt unter einer niedrigen, halb offenstehenden Tür, gestikulierte verzweifelt mit beiden Händen und schrie etwas, das Skar nicht verstand. Ein Thbarg taumelte auf ihn zu, brennend, brach in die Knie und starb, ehe er die halbe Strecke zurückgelegt hatte.
Skar erwachte endlich aus seiner Erstarrung. Hinter ihm wütete der Wolf wie ein blutrünstiger Todesengel unter den Thbarg, die seinem ersten Ansturm entgangen waren, aber der Kampf konnte nur noch Sekunden dauern. Skar rannte los. Herger fuhr herum und verschwand im Dunkel hinter der Tür. Skar erreichte den Durchgang, warf sich mit einem verzweifelten Sprung hindurch und glitt auf dem nassen Kopfsteinpflaster aus.
»Zum Stall, Skar!« brüllte Herger verzweifelt. Skar erkannte ihn nur als undeutlichen Schemen im grauen Licht der heraufziehenden Dämmerung. Er sprang wieder auf, hetzte, ohne sich noch ein weiteres Mal umzublicken, hinter ihm her und holte ihn mit wenigen Schritten ein.
Herger deutete auf ein flaches, strohgedecktes Gebäude zwanzig Meter vor ihnen. Skar nickte, lief schneller und warf sich mit aller Macht gegen die Tür. Ein betäubender Schmerz zuckte durch seine Schulter, aber der Riegel gab unter dem ungestümen Anprall nach und zerbrach; die Tür flog krachend nach innen und prallte gegen die Wand. Skar taumelte, vom Schwung seiner eigenen Schritte vorwärtsgerissen, ein Stück weit in den Stall hinein, versuchte stehenzubleiben und glitt ein weiteres Mal aus. Der Stall roch nach Heu und Schweiß und Pferdemist, und die Tiere, die beiderseits der Tür in schmalen, hölzernen Verschlagen untergebracht waren, begannen unruhig zu schnauben und mit den Hufen zu stampfen.
Herger langte keuchend neben der Tür an, griff mit der Linken nach dem Pfosten und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Verschlag direkt neben dem Eingang. »Die ... die beiden dort«, stieß er schweratmend hervor.
Skar sprang auf, verlor erneut das Gleichgewicht und fing den Sturz im letzten Moment ab. Für einen zeitlosen, schrecklichen Augenblick begann sich der Stall vor seinen Augen zu drehen; Übelkeit und Schwindel ergriffen ihn. Er wankte, griff haltsuchend um sich und bekam etwas Warmes, Weiches zu fassen. »Warte«, keuchte Herger, »ich helfe dir.«
Das Schwächegefühl wurde stärker. Skars Knie drohten nachzugeben. Er merkte kaum, wie Herger den Verschlag aufriß und die beiden Pferde ungeduldig an den Zügeln hervorzerrte. Eine Hand berührte ihn an der Schulter, riß ihn mit erstaunlicher Kraft auf die Füße und stieß ihn vorwärts. Das Pferd tauchte wie ein massiger schwarzer Schatten aus den wallenden Nebelschwaden vor seinen Augen auf. Er griff blind nach dem Sattelknauf, zog sich mit letzter Kraft empor und tastete nach den Zügeln. Das Pferd scheute, warf den Kopf zurück und schlug aus. Seine Hufe trafen das Holz eines Verschlages und zerschmetterten es. »Skar!« Hergers Stimme zitterte vor Panik, überschlug sich fast. »Verdammt noch mal, reiß dich zusammen!«