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Skar hob mühsam den Kopf und sah Herger an. Der Hehler war ebenfalls in den Sattel gestiegen und deutete wild nach draußen. Sein Gesicht war verzerrt; eine entstellte Grimasse, die kaum mehr Ähnlichkeit mit einem menschlichen Gesicht zu haben schien. Skar hörte die Worte, aber es dauerte lange, endlos lange, bis ihm ihr Sinn klarwurde.

»Wir müssen weg!« keuchte Herger.

Skar nickte, aber die Bewegung war nur ein blinder Reflex seines Körpers. Das wattige Grau der Dämmerung vor der Stalltür wich allmählich flackerndem, blutigem Feuerschein. Ein gellender Schrei wehte zu ihnen herein. Über dem Hof von Hergers Haus lag ein lodernder Schirm aus weißer und gelber Helligkeit; Feuerschein, der direkt aus den tiefsten Schlünden der Hölle emporzuwabern schien. Das Feuer Combats, dachte Skar, von seinem Wächter hierher, ans andere Ende der Welt getragen, um ihn zu verbrennen ...

Der Gedanke riß ihn endgültig aus seiner Lethargie. Er richtete sich im Sattel auf, sammelte noch einmal alle Kraft und preßte dem Pferd die Schenkel in die Seiten. Das Tier schnaufte erschrocken, machte einen Satz und preschte los.

Seite an Seite jagten sie aus dem Stall hinaus.

Hinter ihnen griffen die Flammen allmählich auf die benachbarten Häuser über. Als sie aus der Gasse hervorbrachen und auf die Hauptstraße Anchors hinausgaloppierten, sah Skar sich noch einmal um. Hergers Haus brannte wie eine Fackel. Und davor, vor dem Hintergrund der lodernden Feuerwand überdeutlich auszumachen, stand ein zottiger schwarzer Schatten.

8.

»Besser jetzt?« Herger lächelte aufmunternd, knotete den Verband zusammen und sah Skar mit mühsam verhohlener Besorgnis an. Sein Gesicht war noch immer grau vor Schrecken, aber seine Hände hatten nicht gezittert, als er Skars Wunden gesäubert und verbunden hatte.

Skar setzte sich auf, bewegte prüfend den rechten Arm und ballte ein paarmal die Faust, so daß sich die Muskeln unter dem breiten weißen Verband spannten. Die Wunde schmerzte kaum noch. Herger hatte sie mit Wasser aus dem Bach, an dem sie rasteten, ausgewaschen und hinterher eine farblose, übelriechende Paste aufgetragen, die die Blutung vollends zum Stillstand gebracht und die Schmerzen mit wohltuender Kühle vertrieben hatte. Der Verband war nicht der einzige - Herger hatte darauf bestanden, Skar gründlich zu untersuchen, und hatte fast zwei Dutzend Wunden gefunden; die meisten waren allerdings nicht mehr als harmlose Kratzer, die nicht einmal eines Verbandes bedurften; einige waren aber auch tief und gefährlich, klaffende Schnitte, die Skar erst jetzt nach und nach zu spüren begann. Der Hehler hatte fast ihren gesamten Vorrat an Verbandszeug und Salben aufgebraucht, um ihn zu versorgen. Aber Skar mußte zugeben, daß Hergers Behandlung wahre Wunder gewirkt hatte. Nicht nur die Schmerzen waren verschwunden, auch das Schwächegefühl hatte sich Stück für Stück zurückgezogen und, wenn auch nicht neuer Kraft, so doch einem Gefühl angenehmen Wohlbefindens Platz gemacht.

Skar nickte dankbar, stemmte sich in eine halb sitzende, halb hockende Position hoch und griff nach Hergers hilfreich dargebotener Hand, um vollends aufzustehen.

»Du solltest ein paar Stunden ruhen«, sagte Herger. »Du hast viel Blut verloren. Und ich glaube, wir sind hier in Sicherheit. Vorläufig wenigstens.«

Skar sah sich zweifelnd um. Sie hatten Anchor verlassen und waren zwei, vielleicht drei Stunden - die genaue Zeit wußte er nicht mehr - nach Norden geritten, über karges, nur von vereinzelten Büschen und halbvertrockneten Grasinseln bewachsenes Land zuerst, später über Steppe, und sie hatten schließlich diesen kleinen Hain am Fuß einer jäh aus der Ebene aufwachsenden Hügelkette erreicht. Hergers Worte klangen verlockend. Skar war noch immer müde, und noch dringender als sie brauchten die Pferde eine Rast. Aber Skar wußte auch, daß ihre Verfolger ihnen die Zeit, die sie brauchten, nicht zugestehen würden. Tantors Tod änderte vieles, aber nicht alles, und er, Skar, war noch immer ein Gejagter, vielleicht noch mehr als zuvor.

»Wir müssen weiter«, sagte er. »Ich bin sicher, daß sie hinter uns her sind. Selbst ein Blinder könnte unsere Spuren verfolgen.«

»Die Thbarg?« Herger versuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm kläglich. Skars Worte hatten die Erinnerung an das, was in Anchor geschehen war, wieder geweckt, und in Hergers Augen glomm erneut Furcht auf. »Ich glaube kaum, daß noch genug von ihnen übrig sind, um uns zu verfolgen«, sagte er. Seine Worte sollten betont gleichmütig klingen, bewirkten aber eher das Gegenteil. Skar musterte ihn scharf. Hergers Gesicht war blaß; von einer ungesunden, leicht ins Gräuliche spielenden Farbe, die an feuchtes Wachs erinnerte. Er wirkte gefaßt, aber in seinen Augen stand ein verräterisches Glitzern, und es war nicht nur die Erschöpfung, die seine Züge gezeichnet hatte.

»Ich spreche nicht von Thbarg«, sagte Skar grob, »und das weißt du genau.« Er ging an Herger vorbei, schwang sich in den Sattel und griff nach den Zügeln. Das Pferd scheute, versuchte auszubrechen und begann unruhig auf der Stelle zu tänzeln, als Skar es mit einem harten Ruck am Zügel zur Räson brachte. Sein Fell glänzte, und Skar konnte den scharfen Schweiß des Tieres riechen. Herger hatte zumindest in einem Teil seiner Versprechungen Wort gehalten - das Fluchttor an der Nordseite der Stadt hatte offengestanden, aber sie waren, nachdem sie Anchor verlassen hatten, fast ununterbrochen im Galopp geritten und hatten den Pferden das letzte abverlangt. Es war schon beinahe ein Wunder, daß noch keines der Tiere tot unter seinem Reiter zusammengebrochen war. Herger hatte recht - es war Wahnsinn, jetzt auf diesen Tieren weiterzureiten; aber es wäre ein noch größerer Wahnsinn gewesen, zu bleiben und auf die Verfolger zu warten. »Dieser ... Wolf«, fragte Herger, ohne sich von der Stelle zu rühren, »was war das? Ein Dämon?«

Skar schwieg einen Moment. »Wenn man an Dämonen und Geister glaubt, dann ja«, sagte er schließlich.

Herger dachte einen Moment über Skars Worte nach, kam aber sichtlich zu keinem Ergebnis. Langsam und mit deutlichem Widerwillen ging er zu seinem Pferd, stieg in den Sattel und sah unsicher zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Skar folgte seinem Blick. Hinter ihnen lag nichts als die dichte, grüne Wand des Waldes, aber er konnte sich lebhaft vorstellen, was Herger hinter dem wuchernden Grün sah.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte er, ohne Herger anzusehen. »Er ... wird dir nichts tun.«

Herger runzelte die Stirn, schwieg aber. Das Schicksal Tantors und der Thbarg-Krieger strafte Skars Worte Lügen.

»Wir werden uns trennen«, sagte Skar hastig. »Am besten jetzt gleich. Solange du nicht in meiner Nähe bist, bist du nicht in Gefahr, glaub mir.«

»Trennen?« wiederholte Herger. »Du scherzt, Skar.«

Skar schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht. Ich danke dir für deine Hilfe, aber von jetzt an reite ich allein weiter. Ich würde dich nur in Gefahr bringen.«

Zu seiner Überraschung begann Herger zu lachen. »Gefahr, sagst du? Was ist das, Skar? Satai-Humor? Ich glaube nicht, daß du mich noch mehr in Gefahr bringen kannst, als du es bereits getan hast.«

»Muß ich dich erst niederschlagen, oder reitest du freiwillig in einer anderen Richtung weiter?« fragte Skar, ohne auf Hergers Worte einzugehen. »Ich spaße nicht, Herger. Du hast gesehen, was jemandem passieren kann, der mir zu nahe kommt.«

Herger verzog abfällig die Lippen. »Skar, der Unglücksbringer«, sagte er spöttisch. »Der Mann mit dem Fluch, wie? Hör mit dem Unsinn auf. Ich habe euch Satai nie als Halbgötter angesehen, wie es die anderen tun, und ich werde damit auch jetzt nicht anfangen. Du kennst dieses Land nicht, Skar. Du willst nach Elay, aber allein und ohne Hilfe wirst du es niemals bis dorthin schaffen. Du wärest ja nicht einmal über Anchor hinausgekommen aus eigener Kraft. Und ich werde schon auf mich achtgeben, keine Sorge.«