Skar setzte zu einer scharfen Entgegnung an, beließ es aber dann bei einem wortlosen Achselzucken und ritt los. Herger folgte seinem Beispiel und drängte sein Tier ans Skars Seite. »Ich habe dir ein Angebot gemacht gestern abend«, fuhr er fort, ohne Skars verbissenes Schweigen zu beachten. »Und es sieht so aus, als hättest du gar keine andere Wahl, als es anzunehmen.«
Skar schwieg noch immer. Das Schlimme ist, dachte er, daß Herger mit jedem Wort recht hat. Vielleicht würde er den Weg nach Elay aus eigener Kraft finden, aber er hatte keine Ahnung, welche Gefahren und Fallen unterwegs auf ihn lauerten, und das, was in Anchor geschehen war, bewies ihm überdeutlich, wie gut Vela sich auf sein Kommen vorbereitet hatte. Sicher - Herger hatte ihn verraten, aber er hatte keine große Wahl gehabt, und letztlich würde er, Skar, Freunde - oder wenigstens Verbündete - brauchen, wenn er auch nur in die Nähe der Verbotenen Stadt kommen wollte.
Sie ritten eine Zeitlang schweigend nebeneinander her, bis der Weg so schmal wurde, daß Herger zurückbleiben mußte. Der Wald wurde dichter und setzte sich auch hinter der Hügelkette fort. Sie ritten eine Weile parallel zum Bach, bis das glitzernde Band unter einem Wust von Unterholz und wuchernden Luftwurzeln verschwand und sie sich mühsam ihren eigenen Weg suchen mußten. Herger sprach nicht mehr mit Skar, aber das lag wohl eher daran, daß der Weg mit jedem Meter schwieriger wurde und sie ihre ganze Konzentration dazu aufbringen mußten, immer wieder neue Lücken und Breschen im Unterholz zu erspähen, um nicht plötzlich in einer Dornenhecke oder einem Sumpfloch steckenzubleiben. Die Sonne kletterte allmählich höher, und es wurde warm, selbst hier unter dem nahezu geschlossenen Blätterdach des Waldes. Skar streifte schon bald den Umhang von den Schultern und legte ihn zusammengefaltet vor sich über den Sattel. Der Wald schien wie ein gewaltiges lebendes Treibhaus zu funktionieren - die grüne Decke über ihren Köpfen ließ die Wärme der Sonne zwar herein, aber nicht wieder hinaus, und der Gedanke, daß auf den Felsen, die die Hafeneinfahrt von Anchor flankierten, noch Schnee und glitzernder Rauhreif gelegen hatten, erschien Skar beinahe lächerlich.
Später wurde der Weg breiter, und Herger ritt wieder neben Skar, der demonstrativ in eine andere Richtung sah, obwohl er sich allmählich selbst albern vorzukommen begann. Herger wußte so gut wie er, daß ihm letztlich gar nichts anderes übrigbleiben würde, als sein Hilfsangebot anzunehmen. Auch wenn sich das ungute Gefühl, das ihn bei dieser Vorstellung beschlich, eher noch verstärkte.
Gegen Mittag wurde der Wald lichter, und als die Sonne den höchsten Punkt ihrer Wanderung erreicht hatte, lag vor ihnen wieder flaches, steppenähnliches Land, das sich bis zum Horizont erstreckte und irgendwo mit dem Himmel verschmolz. Skar konnte die Weite und Endlosigkeit, die sie erwartete, beinahe spüren.
Sie hielten an, als der Wald vollends hinter ihnen zurückblieb. Die Sonne strahlte heiß von einem wolkenlosen Himmel herab, aber der Wind war noch immer kalt und schneidend, und Skar und Herger wickelten sich wieder in ihre Mäntel. Ein seltsames Gefühl, über dessen Bedeutung Skar sich im ersten Augenblick selbst nicht ganz im klaren war, ergriff von ihm Besitz. Es war ... ja, es war fast so etwas wie Enttäuschung. Er wußte nicht, was er erwartet hatte - im Grunde hatte er es die ganze Zeit über, selbst noch an Bord der SHANTAR, beinahe ängstlich vermieden, über Elay und das Drachenland nachzudenken, zum Teil, weil er prinzipiell nichts davon hielt, Tag um Tag mit wilden Spekulationen und Vermutungen zuzubringen, nur um hinterher zu merken, daß die Realität doch ganz anders aussah, zum Teil aber auch aus reinem Selbstschutz. Es gab unzählige Legenden über das Drachenland, und wenn seine Grenzen für Fremde auch nicht geschlossen waren, so kam doch nur selten ein Reisender über Anchor oder eine der wenigen anderen Grenzstädte hinaus, und diese Unkenntnis von der wahren Beschaffenheit des Landes nährte die Gerüchte und Märchen noch. Nein - er wußte nicht, was er erwartet hatte, aber das nicht. Schon Anchor kam ihm jetzt, da er das erste Mal die Ruhe hatte, wirklich über seine Eindrücke nachzudenken, beinahe bedrückend normal vor: eine Hafenstadt wie hundert andere an den Küsten Enwors, vielleicht ein bißchen besser befestigt und ein bißchen weniger gut zugänglich, aber im Grunde eine Stadt, mehr nicht. Und dieses Land und der Wald, durch den sie gekommen waren - nun, es war Wald, wie er überall zu finden war, und Land, das sich in nichts von den Steppen Ma-labs oder des Treiberlandes unterschied.
»Du bist enttäuscht, wie?«
Skar wandte verwirrt den Kopf. Herger lächelte, wenn auch auf sehr eigentümliche Art. Skars Empfindungen mußten deutlich auf seinem Gesicht zu lesen sein. »Enttäuscht ist nicht das richtige Wort«, sagte er nach kurzem Zögern.
»Jedermann ist enttäuscht, wenn er erst einmal so weit gekommen ist«, widersprach Herger. »Ich kenne das - du bist nicht der erste, den ich hierherbringe, und du wirst nicht der letzte sein. Ich weiß nicht, was man draußen in der Welt über uns redet, aber jeder zweite, der hierherkommt, scheint Herden von Drachen und Hexen zu erwarten, verzauberte Wälder, Wunschbrunnen und Glasflaschen, in denen Geister gefangen sind und nur darauf warten, daß man sie befreit und drei Wünsche äußert.« Er lachte amüsiert. »Es ist ein ganz normales Land, wie du siehst.«
»Natürlich«, sagte Skar hastig. Hergers Worte machten ihn verlegen. Selbstredend hatte er nichts von alledem wirklich erwartet, aber vollkommen unrecht hatte Herger nicht. Zumindest war er mit der Erwartung von etwas Besonderem, Außergewöhnlichem hierhergekommen.
»Allerdings werden wir in Gebirge kommen, wenn wir weiter nach Norden ziehen«, schränkte Herger nach einer Weile ein. »Elay liegt zwar an der Küste, aber der Weg dorthin ist alles andere als leicht.« Er schwieg einen Moment, starrte nachdenklich zum Horizont und beschattete die Augen mit der Hand. Zwischen seinen Brauen entstand eine schmale Falte; eine übertrieben aufgesetzte Geste, die in seinem jugendlichen Gesicht beinahe komisch wirkte. »Dir ist doch klar, daß sie auf uns warten werden in Elay«, sagte er.
Skar nickte. »Auf mich«, verbesserte er den Hehler.
Herger seufzte. »Dann von mir aus auf dich«, sagte er geduldig. »Aber wer immer diesen komischen Zwerg und die Thbarg auf dich gehetzt hat, wird wissen, daß du kommst. Es ist noch keinem gelungen, in die Verbotene Stadt einzudringen - und sie auch lebend wieder zu verlassen.«
»Wer sagt, daß ich das vorhabe?« gab Skar ruhig zurück. Herger gab ein schwer zu definierendes Geräusch von sich. »Du mußt noch etwas leiser sprechen«, sagte er ernsthaft, »und mit Grabesstimme, damit der Satz richtig wirkt.«
Skar fuhr mit einem wütenden Ruck herum. »Du scheinst das Ganze als einen großen Spaß anzusehen, Herger«, sagte er. »Aber das ist es nicht. Begreif das endlich. Ist dir das Schicksal Tantors und seiner Männer nicht Warnung genug?«
Hergers Lächeln erlosch schlagartig. »Ich weiß, daß es kein Spaß ist, Skar«, sagte er ruhig. »Aber ich halte nichts davon, mich die nächsten zwei Wochen mit Gedanken an den Tod zu belasten. Wenn es passiert, dann passiert es - Schicksal. Aber bis es soweit ist, werde ich kämpfen.«
Skar schnaubte. »Geschwafel!« sagte er hart. »Du mischst dich in Dinge, die dich absolut nichts angehen. Ich weiß nicht, warum du es tust - ob aus Abenteuerlust oder Leichtsinn -, aber du machst einen Fehler, Herger.«
»So wie Andred?« fragte Herger ruhig.
Skar fuhr betroffen zusammen. Hergers Worte waren unfair, und er wußte es.
»Wir sollten aufhören, uns zu streiten«, fuhr Herger - merklich sanfter - fort. »Wenn du recht hast und sie uns verfolgen, dann müssen wir hier weg, so schnell es geht.«
Skar nickte. Es kostete ihn Mühe, seine Gedanken wieder auf den Weg und das, was vor ihnen liegen mochte, zu konzentrieren. Aber Herger hatte recht. Sie redeten nicht nur - beide - Unsinn, sondern vergeudeten auch wertvolle Zeit. Es würde eine Weile dauern, bis sich die Nachricht von Tantors Tod herumgesprochen und Velas Häscher sich neu formiert haben würden, aber früher oder später würden sie zur Verfolgung ansetzen. Und seine Gegner hatten einen gewaltigen Vorteiclass="underline" Sie kannten jeden Schritt, den er machen würde, im voraus.