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Er nickte noch einmal, sah flüchtig zum Wald zurück, fast als ob er befürchte, die Verfolger dort bereits auftauchen zu sehen, und setzte sein Pferd in Bewegung. Sie trabten los; nicht sehr schnell, denn die Tiere waren immer noch müde und würden ein schärferes Tempo kaum durchhalten.

Fast eine Stunde lang ritten sie schweigend nebeneinander her. Der Wind drehte sich ein paarmal, wurde aber auch zunehmend schwächer, und mit seinem Abflauen stiegen die Temperaturen. Es war noch immer kühl, aber trotzdem entschieden zu warm für die Jahreszeit. Skar war froh, nicht reden zu müssen; doch er war auch froh, nicht allein zu reiten. Obwohl er Herger noch vor wenig mehr als einer Stunde am liebsten zum Teufel gejagt hätte - und obwohl er noch immer nicht wußte, ob Herger nun sein Verbündeter oder nur ein weiterer Feind war, der nur darauf wartete, ihn in eine Falle zu locken -, war er plötzlich froh, nicht allein sein zu müssen. Es war seltsam - er hatte die Einsamkeit eigentlich immer geliebt; zumindest hatte sie ihm nichts ausgemacht, aber jetzt fürchtete er sich davor. Vielleicht waren Einsamkeit und Alleinsein auch zwei grundverschiedene Dinge. Vielleicht lag es auch daran, daß sich alles geändert hatte. Es war ... ja, vielleicht war das Gefühl, das er vorhin verspürt hatte, weniger Enttäuschung als vielmehr Furcht gewesen. Sein Weg hatte ihn quer über die gesamte bekannte Welt hierhergeführt, aber er wußte, daß er sein Ende bald erreicht haben würde. Wenn er die Analogie zu einem Spiel, die er öfter benutzt hatte, weiterführte, dann war dies die letzte Runde, in der sich alles ändern konnte. Irgend etwas war geschehen, während er in Endor auf ein Schiff gewartet hatte. Er wußte nur noch nicht, was.

Herger drängte sein Tier dichter an das seine heran - eigentlich schon zu nahe, um noch wirklich bequem reiten zu können -, lächelte flüchtig, als er seinem Blick begegnete, und sah dann wieder starr nach Norden. Skars Blick tastete über das schwarze Fell des Pferdes von Herger. Es war ein sehr kräftiges Tier - schlank, aber mit gut entwickelten, starken Muskeln, deren Spiel durch das schweißfeuchte Fell deutlich zu beobachten war; wie seines ein Tier, das mit großer Sorgfalt ausgewählt worden war, und mit ebensogroßer Sorgfalt war ihre Ausrüstung zusammengestellt. Herger hatte sich auf das Allernotwendigste beschränkt, dabei aber nichts Wichtiges übersehen. Skar hatte den Inhalt seiner Satteltaschen flüchtig geprüft, als sie im Schutz des Waldes gerastet hatten. Wenn sie unterwegs ausreichend Wasser und Wild fanden, dann konnten sie Elay erreichen, ohne auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein.

»Wieso eigentlich zwei Pferde?« fragte er unvermittelt.

Herger sah auf. »Ich habe mich schon gefragt, wann du diese Frage stellen wirst«, sagte er.

»Jetzt«, knurrte Skar. »Und ich wäre dir dankbar für eine Antwort.« Der aggressive Ton in seiner Stimme überraschte ihn fast selbst, aber Herger schien ihn gar nicht zu bemerken. »Hattest du von Anfang an vor, mit mir zu reiten?«

Herger zögerte einen Moment mit der Antwort. »Nicht direkt«, sagte er schließlich. »Aber ich bin grundsätzlich mißtrauisch, weißt du. Ich weiß immer noch nicht, ob ich dir trauen kann, und ich habe auch Gondered nicht getraut.« Er lachte leise. »Ich habe es mir schon seit langer Zeit zur Regel gemacht, immer irgendwo eine Hintertür zu wissen, durch die ich im Notfall rasch verschwinden kann, weißt du.«

»Es scheint dir nicht allzuviel auszumachen, Hab und Gut zu verlieren«, murmelte Skar.

Herger machte eine wegwerfende Handbewegung. »Hab und Gut«, stieß er hervor. »Du hast das Gerümpel gesehen. Die beiden Pferde, auf denen wir reiten, sind mehr wert, als ich für den Kram bekommen hätte. Und Anchor hat mir schon lange nicht mehr gefallen. Ich wäre sowieso früher oder später weggegangen. Seit die Thbarg in der Stadt aufgetaucht sind, ist das Leben dort auch für einen Mann wie mich nicht mehr so sicher, wie es einmal war.« Skar sah ihn scharf an. Der Wind hatte Hergers Haar zerzaust, und im grellen Licht der Sonne wirkten die Linien in seinem Gesicht hart; er sah mit einemmal viel älter aus, als Skar ihn bisher eingeschätzt hatte.

»Ein Mann wie du ...«, wiederholte Skar nachdenklich. »Und was für ein Mann bist du?«

»Unter anderem dein Lebensretter«, sagte Herger, »wenn ich dich daran erinnern darf.«

»Nachdem du mich vorher verkauft hast«, konterte Skar ruhig, »wenn ich dich daran erinnern darf.«

Herger lächelte dünn. »Was hast du erwartet? Seit Wochen schleichen diese Thbarg durch die Stadt und erzählen von einem verrückten Satai, der hierherkommt, um einen Ein-Mann-Krieg gegen die Errish zu beginnen. Dann kommst du, bringst einen meiner Freunde mehr tot als lebendig in mein Haus und erzählst seelenruhig, daß sein Schiff mit seiner gesamten Besatzung verbrannt ist.« Er zuckte mit den Achseln und machte eine ungeduldige Handbewegung. »Außerdem war Gondered schon vor euch bei mir, schon bevor das Schiff in den Hafen eingelaufen ist, wenn du es ganz genau wissen willst.«

»Aber wie konnte er wissen ...«

»Es ist kein Geheimnis, daß Andred und ich Freunde sind«, fuhr Herger fort. »Wahrscheinlich war er nicht sicher, euch wirklich im Hafen zu erwischen - womit er durchaus recht hatte, wie sich zeigte. Was ist an dieser Geschichte dran?«

Die Frage überraschte Skar. Sie hatten, obwohl sie sich seit weniger als vierundzwanzig Stunden kannten, bereits so viel gemeinsam erlebt, daß er Herger unbewußt schon als Gefährten akzeptiert hatte. Aber er hatte fast vergessen, daß der Hehler wenig mehr als seinen Namen von ihm wußte.

»Nichts«, sagte er ausweichend. »Jedenfalls nicht an der Version, die du gehört hast.«

Hergers Reaktion kam völlig überraschend. Er beugte sich vor, griff nach dem Zaumzeug von Skars Pferd und brachte das Tier mit einem harten Ruck zum Stehen.

»Jetzt hör mir einmal zu, Skar«, sagte er wütend. »Ich habe einen meiner besten Freunde verloren durch deine Schuld. Mein Haus ist verbrannt, ich wäre um ein Haar umgebracht worden, und auf meinen Kopf ist wahrscheinlich schon ein Preis ausgesetzt deinetwegen. Jeder Halsabschneider von hier bis Elay wird sich einen Spaß daraus machen, mich umzubringen, und dieses Monster, das den Zwerg und die Thbarg getötet hat, wird mich sicher nicht verschonen, wieder deinetwegen nicht, Skar. Und du glaubst, ich hätte kein Recht, die Wahrheit zu erfahren?«

Skar seufzte. Hergers plötzlicher Ausbruch hatte ihn überrascht, aber die Schauspielkünste des jungen Hehlers waren nicht gut; nicht gut genug zumindest, ihn darüber hinwegzutäuschen, daß er sich die Worte - und auch die Betonung - sorgsam zurechtgelegt und nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, sie möglichst wirkungsvoll anzubringen. »Recht...«, wiederholte er, betont ruhig. »Mag sein, daß du ein Recht darauf hast - von deinem Standpunkt aus. Aber ich habe dich nicht gebeten, mich zu begleiten, und nach Rechten« - er betonte das Wort, als handele es sich um einen üblen Scherz -, »nach Rechten wird in diesem Spiel schon lange nicht mehr gefragt, Herger. Andere Leute hatten auch ein Recht weiterzuleben, und Andred hatte das Recht, seine Hand zu behalten.«

»Ich möchte aber wenigstens wissen, warum man mir nach dem Leben trachtet«, sagte Herger unsicher. Skar hatte in schärferem Ton gesprochen, als er erwartet hatte. »Und wer?«

»Wenn du wirklich so gute Verbindungen hast«, knurrte Skar, gleichermaßen wütend auf Herger wie auf sich selbst, daß er sich so hatte hinreißen lassen, »dann solltest du die Antwort kennen. Ich bin erst seit ein paar Stunden in diesem Land, aber selbst ein Blinder würde sehen, daß hier zu einem Krieg gerüstet wird.« Herger nickte ungerührt. »Wie überall«, sagte er. »Die Quorrl...«