»Du weißt so gut wie ich, daß es nicht nur um die Quorrl geht«, fiel ihm Skar ins Wort. »Hast du nicht gestern abend etwas Ähnliches gesagt?«
Herger schwieg einen Moment. Seine dunklen Augen musterten Skar mit einer Mischung aus Neugierde und allmählich aufkeimender Furcht. Vielleicht fragte er sich, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, dem Satai zu helfen.
»Ich weiß so wenig wie du, was in diesem Land vorgeht«, sagte er schließlich. »Natürlich ist der Zug gegen die Quorrl nur ein Vorwand, und das ist nicht einmal ein Geheimnis. Aber es steht uns nicht zu, an den Entschlüssen der Errish herumzukritisieren. Seit tausend Jahren halten sie ihre schützende Hand über uns, und ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem es zu unserem Schaden gewesen wäre.«
Skar antwortete nicht gleich. Es war das erste Mal, daß Herger direkt über die wahren Herren dieses Landes, die Errish, sprach, und der unterwürfige Ton, in dem er es tat, überraschte ihn, vor allem nach dem Eindruck, den er bisher von Herger gewonnen hatte.
Aber hätte er das nicht erwarten müssen? Hätte er nicht noch vor wenigen Monaten ebenso geredet und gedacht? Die Ehrwürdigen Frauen waren seit jeher das Sinnbild für Gerechtigkeit und Ehre gewesen, eine kleine, verschworene Kaste, gleichermaßen gefürchtet wie geachtet, deren bloße Anwesenheit jeden Gedanken an Verrat und Betrug von vornherein lächerlich erscheinen ließ?
»Und es ist dir gleich, wenn dein Land zum Krieg rüstet?« fragte Skar. Herger suchte einen Moment nach Worten. »Natürlich nicht«, sagte er. »Und das ist einer der Gründe, warum ich dich begleite. Ich ... bin nicht der einzige, der laut darüber nachdenkt, ob die Befugnisse der Thbarg wirklich so weit reichen, wie sie behaupten.«
Skar sah verwundert auf, aber Herger sprach schnell weiter. »Skar, wir wissen, daß die Errish keine Hexen sind und nicht zaubern können. Und sie kümmern sich nicht viel um das, was hier im Lande vorgeht. Ein Befehl kann so oder so interpretiert werden. Krieg ...« Er sprach das Wort mit seltsamer Betonung aus. »Gegen wen? Gegen Kohon? Larn? Die Westländer?« Er lächelte und begleitete jeden Namen, den er aufzählte, mit einem überzeugten Kopfschütteln.
»Warum nicht gegen alle?« fragte Skar.
Herger erschrak, hatte sich aber sofort wieder in der Gewalt. »Warum nicht gleich gegen die ganze Welt?« In seiner Stimme war eine ganz leise Spur von Unsicherheit.
»Vielleicht«, murmelte Skar.
Herger antwortete nicht mehr, sondern sah Skar nur mit wachsendem Schrecken an und blickte dann abrupt weg. Er hatte sich auch weiter in der Gewalt, aber seine Hände krampften sich ein wenig zu fest um die Zügel, und der Ausdruck auf seinem Gesicht wirkte beinahe zu gefaßt.
Skar schüttelte verwirrt den Kopf. Was war nur mit ihm - mit ihnen beiden - los! Er versuchte sich an den Herger von gestern abend zu erinnern, aber es fiel ihm schwer. Von seiner übertriebenen, schon fast an Überheblichkeit erinnernden Selbstsicherheit war nicht viel geblieben, und er spürte ganz genau, daß es unter der Maske aus Ruhe und nicht einmal sonderlich überzeugend wirkendem Spott, die Herger aufgesetzt hatte, brodelte. Es schien, als ritte er, Skar, jetzt neben einem völlig anderen Menschen, der nur noch zufällig Ähnlichkeit mit dem Herger hatte, zu dem der Freisegler ihn geführt hatte. Aber auch er selbst hatte sich verändert, mehr, als ihm bis jetzt klargeworden war.
»Dieser Zwerg«, sagte Herger plötzlich. »Tantor - das war doch sein Name?«
Skar nickte. Herger starrte noch immer unverwandt geradeaus, aber seine Stimme hatte sich erneut verändert; eine weitere Fracette des Chaos, das in seinem Inneren toben mußte.
»Ist das, was er erzählt hat, wahr?«
»Was meinst du?«
»Er sagt, daß du ihn ... verraten hast«, preßte Herger hervor. »Wie hat er das gemeint?«
Skar zögerte. Er hatte nicht geglaubt, daß Herger sich so deutlich an Tantors Worte erinnerte; nicht nach allem, was geschehen war. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, einfach mit nein zu antworten, aber irgend etwas hielt ihn zurück.
»Es... ist wahr«, sagte er leise. »Und auch wieder nicht.« Er lächelte unsicher und beinahe verlegen und fuhr nach einem verwirrten Kopfschütteln fort: »Von seinem Standpunkt aus betrachtet, habe ich ihn verraten, glaube ich. So wie du mich gestern nacht verraten hast, um einen Freund zu retten.«
Herger zuckte zusammen. »Ich ...«
»Kein Vorwurf, Herger«, sagte Skar rasch. »Du wolltest eine Antwort, und mehr war es nicht. Ich hatte die Wahl zwischen seinem Leben und dem eines Freundes.«
»Und?« fragte Herger. »Lebt dein Freund?«
Skars Miene verdüsterte sich. Leben? Lebte Del? Vielleicht würden ihn die Sumpfleute auferstehen lassen, aber würde er jemals wieder der Del sein, den er gekannt hatte?
»Ich weiß es nicht«, sagte er schließlich. »Und es spielt auch keine Rolle mehr. Jetzt nicht mehr.«
Herger seufzte. »Warum erzählst du mir nicht alles?« fragte er geduldig. »Früher oder später erfahre ich es ja doch. Stückweise und unvollkommen, aber ich erfahre es.« Er wandte den Kopf, sah Skar einen Herzschlag lang nachdenklich an und preßte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Dann deutete er nach Norden. »Wir werden zwei Wochen unterwegs sein, mindestens. Vielleicht länger, wenn wir uns unterwegs verbergen müssen, und wahrscheinlich werden wir Umwege machen müssen, weil die Pässe gesperrt sind. Eine lange Zeit, wenn man sich jedes Wort überlegen muß, das man spricht.«
Skar schwieg.
»Du hast mich vorhin schon gefragt, was für ein Mann ich bin«, fuhr Herger fort.
»Du hast nicht geantwortet.«
Herger lächelte und wurde sofort wieder ernst. »Zum einen bin ich sehr neugierig«, sagte er scherzhaft und dann ernsthafter: »Aber ich habe auch eine Menge Freunde. Männer, die dir helfen können. Ich glaube nicht daran, daß die Errish in aller Stille einen Krieg gegen den Rest der Welt vorbereiten, Skar, aber ich glaube, daß in diesem Land irgend etwas vorgeht, das nicht gut ist. Und ich möchte wissen, was. Deshalb habe ich dir geholfen. Auch deshalb«, fügte er nach einer kaum merklichen Pause hinzu.
Skar schwieg noch immer, obwohl er selbst nicht zu sagen wußte, warum. Der Mann, der er noch vor ein paar Monaten gewesen war, hätte geantwortet. Er hätte jede Chance ergriffen, Männer um sich zu scharen, um gegen Vela zu ziehen.
Aber er war nicht mehr der Mann, der gegen Combat gezogen war. Nur war die Veränderung anders, als er bisher geglaubt hatte. Er hatte geglaubt, sich Vela anzupassen, hatte diesen fast schmerzhaften Wandel in sich zwar gespürt, aber in der falschen Richtung interpretiert. Seine Zweifel, die Unruhe, die ihn bereits in Hergers Haus überkommen hatte, die unerklärliche Schwäche, die ihn überfallen hatte, als sie flohen, und die jetzt noch nicht vollends verschwunden war ... Um ein Haar hätte er laut aufgelacht. Hatte er sich wirklich eingebildet, härter geworden zu sein? Irgend etwas in ihm hatte ihm gesagt, daß er Vela nur besiegen konnte, wenn er wie sie wurde, wenn er genauso berechnend und kalt mit Menschenleben umging, wenn er tötete, ohne zu denken, wenn er alles, was er je über Ehre und Ritterlichkeit gelernt hatte, über Bord warf und dem Ungeheuer in sich freie Bahn ließ.
Aber das Ungeheuer war nicht mehr in ihm. Sein Dunkler Bruder war fort, schon lange, und er begann erst jetzt allmählich zu spüren, wie sehr er bisher sein Leben bestimmt hatte. Seine Schwäche war nichts als Ekel gewesen, Ekel vor sich selbst, vor seinen Händen, die - wieder einmal - getötet hatten. Vielleicht, dachte er, war der steinerne Wolf nichts anderes als die Verkörperung seines Dunklen Bruders, ein Ding, langsam über Jahrzehnte in ihm herangewachsen, das jetzt zu eigenem, bösem Leben erwacht war.