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»Wie lange, sagst du, brauchen wir bis Elay?« fragte er, mühsam die Erinnerungen und Gedanken zurückdrängend, die seine Seele wie der Hauch einer üblen, schleichenden Krankheit zu verpesten begannen.

»Zwei Wochen«, antwortete Herger. »Eher drei, wenn wir einen Bogen um die Städte schlagen, was wir wahrscheinlich tun müssen.«

»Drei Wochen ...« Skar atmete hörbar ein. »Zeit genug zum Reden.«

9.

Der Fluß schnitt wie ein braunes, in willkürlichen Schleifen und Kehren hingeworfenes Band unter ihnen durch die Ebene. Die schlammigen braunen Fluten schienen sich träge zu Tal zu wälzen, aber Skar wußte, daß dieser Eindruck täuschte. Sie waren noch eine gute Meile vom Ufer entfernt; vielleicht auch noch mehr. Das Land war hier flach und ohne sichtbare Markierungen - es gab nichts, was er als Vergleichsmaßstab hätte heranziehen können. Trotzdem konnte er bereits das Geräusch des Wassers hören: ein dumpfes Murmeln und Raunen wie von weit entfernten Stimmen, ein Laut, der nach Feuchtigkeit und Kälte klang und ihn für einen winzigen Moment frösteln ließ. Sein Pferd begann unruhig mit den Hufen zu scharren. Das Tier war durstig - wie er und Herger hatte es vor anderthalb Tagen das letzte Mal getrunken, eine schlammige braune Brühe aus einem stehenden Wasserloch, das die Bezeichnung Tränke selbst mit sehr viel gutem Willen kaum verdiente. Jetzt spürte das Tier die Nähe des Wassers und wollte hinunter. Auch Skars Lippen waren rissig vor Durst, und sein Gaumen fühlte sich pelzig an. Aber er beherrschte sich. Die letzten beiden Tage waren sie im Schutze des Waldes geritten, doch nun war vor ihnen nichts mehr, was als Deckung hätte dienen können; weder auf dieser Seite des Flusses noch auf der anderen.

Sein Pferd begann sich stärker gegen den Zug der Zügel zu stemmen, und Skar sah sich ungeduldig um. Herger war dicht hinter ihm; der Hufschlag seines Pferdes hatte Skar seit Tagesanbruch wie ein arhythmisches Echo begleitet. Trotzdem schien eine Ewigkeit zu vergehen, ehe sich das Unterholz teilte und die gebeugte Gestalt des Schmugglers aus dem Wald heraustrat. Er war abgesessen und führte sein Pferd am Zügel. Sie wechselten sich in dieser Marschordnung ab, um die Kräfte der Pferde zu schonen: Mal ritt er voraus, und Skar führte sein Tier am Zügel neben sich her, mal - wie jetzt - übernahm Skar die Führung, und Herger folgte in geringem Abstand. Sie kamen auf diese Weise nicht halb so schnell voran, wie Skar es sich gewünscht hätte. Aber die Tiere waren am Ende.

So wie ihre Reiter, fügte er in Gedanken hinzu.

Herger blieb neben ihm stehen, fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und blinzelte mehrmals hintereinander. Die Sonne stand - obwohl sie erst vor wenigen Augenblicken aufgegangen war - bereits als weißglühender Ball über dem Horizont, und ihr Licht war hart und schmerzhaft.

»Ist das der Fluß, von dem du gesprochen hast?« fragte er. Herger zögerte einen Moment. Er seufzte, blickte erst nach rechts, dann nach links, als müsse er sich das Bild mühsam ins Gedächtnis zurückrufen und mit seiner Erinnerung vergleichen, und nickte dann. »Der Eisfluß«, bestätigte er. »Wir haben die Hälfte geschafft.«

Vielleicht - sicher - waren seine Worte als Aufmunterung gedacht gewesen, aber wenn sie bei Skar überhaupt etwas bewirkten, so eher das Gegenteil. »Die Hälfte«, murmelte er. »Das heißt noch einmal zehn Tage.«

Herger sah ihn nachdenklich an, krauste die Stirn und schüttelte schließlich den Kopf. »Eher zwölf, fürchte ich«, sagte er. »Der Wald endet hier - von jetzt an werden wir vorsichtiger reiten müssen.«

Skar antwortete nicht darauf. Es gab auch nichts, was er hätte sagen können. Sie hatten viel geredet, aber ihre Gespräche waren mit jedem Tag mehr verflacht, wie Rinnsale versickert in der unglaublichen Weite des Landes, das sie durchquerten. Alles, was zu sagen war, war gesagt worden, und weder Herger noch er waren Männer, die Freude daran fanden, das gleiche mit anderen Worten immer wieder neu zu sagen. Vielleicht, dachte er, lag es auch nur daran, daß er zu weit gewandert war. Wie viele Meilen hatte er zurückgelegt in den letzten Monaten? Viertausend? Fünftausend? Wie viele Hufschläge? Wie viele Worte, die nur gesprochen worden waren, um die Eintönigkeit zu vertreiben?

Herger kletterte mit sichtlicher Anstrengung aus dem Sattel, fuhr sich erneut - und diesmal eindeutig müde - mit der Hand über das Gesicht und sah zum Fluß hinunter. Sein rechtes Auge blinzelte noch immer. »Seltsam«, murmelte er.

»Was?«

Herger deutete mit einer Kopfbewegung nach unten. »Der Fluß führt zu viel Wasser«, sagte er. »Selbst für diese Jahreszeit. Und die Strömung ist zu stark.«

Skar blickte stirnrunzelnd auf das gewundene braune Band hinunter. Er konnte nichts Außergewöhnliches entdecken, aber schließlich war er hier auch nicht zu Hause wie Herger.

»Vielleicht hat die Schneeschmelze früher eingesetzt als sonst«, murmelte er ohne rechte Überzeugung.

Herger blickte instinktiv nach Norden. Die Berge waren als graue, verwaschene Schemen irgendwo vor dem Horizont zu erkennen; graue Giganten mit blitzenden weißen Helmen, die hinter dem widerwillig weichenden Morgennebel allmählich sichtbar wurden. Der Anblick hatte sich seit zehn Tagen nicht verändert. Hätte sich Skar nur am Bild der Berge orientiert, dann hätte er kaum geglaubt, sich weiter als ein paar Meilen von Anchor entfernt zu haben.

»Nein«, sagte Herger schließlich. »Der Fluß ist voller Eis - siehst du es nicht?«

Skar hatte bis jetzt nicht mehr als einen flüchtigen Blick für den Fluß übrig gehabt, aber als er genauer hinsah, merkte er, was Herger meinte: In den kochenden braunen Fluten blitzte es immer wieder auf. Eis - winzige Körner, die wie achtlos hineingestreute Diamantsplitter durch die Wasseroberfläche glitzerten, aber auch große, unregelmäßige Brocken, auf denen ein Mann bequem hätte stehen können. Hier und da lagerte sich auch am Ufer Eis ab; schimmernde weiße Nester, die dem Ansturm des Frühlings trotzten, und der Fluß brachte nicht nur Schlamm und verklumpten Schnee mit sich, sondern auch Kälte. Der Nebel, der von seiner Oberfläche aufstieg, atmete noch den Hauch des Winters. Nein - Herger hatte recht: Selbst die rasendste Strömung war nicht schnell genug, Eis in solcher Menge über die fünf- oder sechshundert Meilen, die es bis zu den Bergen sein mußten, zu tragen, ohne daß es geschmolzen wäre.

»Und was bedeutet das?« fragte er. »Für uns?«

Herger antwortete nicht gleich, aber sein Blick nahm wieder jenen nachdenklichen, halb besorgten Ausdruck an, den Skar in den letzten Tagen oft an ihm beobachtet hatte. Sie waren - von ein paar kaum nennenswerten Umwegen abgesehen - zehn Tage ununterbrochen nach Norden geritten, aber es war trotzdem nicht kälter, sondern im Gegenteil wärmer geworden. Obwohl die Temperaturen in der Nacht noch immer unter den Gefrierpunkt sanken, war es tagsüber bereits doch so warm, daß sie die Mäntel ablegen und nur mit dünnen wollenen Hemden bekleidet reiten konnten. Skar hatte bislang über diesen Umstand kein Wort verloren, aber er hatte ein paar unbewußte Bemerkungen Hergers aufgeschnappt und daraus geschlossen, daß ein Wetter wie dieses auch hier nicht normal war.

»Es bedeutet auf jeden Fall einen Umweg«, murmelte Herger. »Die Pferde schaffen es nicht durch diese Strömung. Und wir auch nicht.«

»Und was schlägst du vor?«

Wieder überlegte Herger sekundenlang. »Es gibt eine Furt«, sagte er nach einer Weile. »Einen Tagesritt westlich von hier.«

»Wohin fließt dieser Fluß?« fragte Skar, Hergers letzte Bemerkung bewußt ignorierend.