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Herger grinste flüchtig. »Dorthin, wo die meisten Flüsse enden, Skar - zur Küste.«

»In Richtung Elay?«

Herger nickte. »Ungefähr. Wenn wir ihm folgen würden, dann würde er uns bis auf dreißig Meilen an die Stadt heranführen.« Er runzelte die Stirn, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen, und fügte hinzu: »Ich weiß, was du jetzt denkst - vergiß es.« Er schüttelte erneut den Kopf, stützte sich für die Dauer eines Atemzuges schwer auf dem Sattelknauf ab und seufzte hörbar. »Reiten wir hinunter«, murmelte er schwach. »Den Pferden wird ein Schluck Wasser guttun. Und mir auch.« Ächzend richtete er sich im Sattel auf, griff mit unsicheren Fingern nach den Zügeln und ließ sein Pferd antraben.

Skar warf einen raschen Blick über die Schulter zurück, ehe er ihm folgte: eine Bewegung, die ihm in den letzten Tagen so in Fleisch und Blut übergegangen war, daß er sie schon unbewußt ausführte. Aber natürlich war hinter ihnen nichts als die grüne Mauer des Waldes.

Sein Blick glitt wieder über die eintönige Landschaft. Seine Augen brannten, und wenn er lange genug hinsah, dann begannen die grauen Nebelfetzen vor ihm Umrisse und Formen zu bilden: Gesichter, Gestalten ... die Schemen aus seinem Inneren, die jede Gelegenheit nutzten, hervorzubrechen und ihn zu verhöhnen. O nein - er war nicht mehr der Mann, der er gewesen war. Er war sich so fremd geworden, daß er allmählich anfing, Furcht vor sich selbst zu empfinden. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er die Einsamkeit menschlicher Gesellschaft vorgezogen. Jetzt haßte er sie. Sie hatten während der letzten neun Tage keinen Menschen gesehen, obwohl dieses Land alles andere als dünn besiedelt war. Herger hatte bewußt eine Route gewählt, auf der sie alle Städte und Dörfer in weitem Bogen umgingen - eine Vorsichtsmaßnahme, der Skar nach anfänglichem Zweifel zugestimmt hatte, obwohl sie auf diesem Weg gut die doppelte Zeit brauchten, um Elay zu erreichen. Aber wenn sie jetzt dem Fluß folgten, dann würden sie Menschen treffen. Flüsse haben die Eigenschaft, Siedlungen anzuziehen.

Die Pferde begannen schneller zu laufen, als sie das Wasser witterten. Skar hielt sein Tier jetzt nicht mehr zurück, obwohl ihm der Gedanke, offen und ohne die geringste Deckung dahinzugaloppieren, ein fast körperliches Unbehagen bereitete, und auch Herger ließ die Zügel fahren und beschränkte sich darauf, sich krampfhaft am Sattelknauf festzuklammern. Der Boden federte unter den Hufschlägen der Tiere, und vom Wasser drang ihnen ein Schwall eisiger Luft entgegen. Aber durch den Nebel schimmerte es grün, und ein paar der dürren Büsche, die ihren Weg säumten, trugen bereits erste zaghafte Knospen. Der Frühling hatte Einzug in diesen Teil der Welt gehalten. Zwei Monate zu früh.

Sie saßen ab, und die Pferde senkten gierig die Köpfe zum Wasser, um zu trinken. Skar musterte die beiden Tiere besorgt. Sie waren sichtlich abgemagert. Ihr Fell war struppig und glanzlos geworden, und wo sich zu Beginn des Rittes kräftige Muskeln unter ihrer Haut abgezeichnet hatten, konnte man jetzt deutlich die Rippen sehen. Sie hatten nichts anderes als dürres Gras zu fressen bekommen und selbst davon nicht genug. Der Wald, durch den sie geritten waren, war nur scheinbar fruchtbar gewesen. Das Land war arm an wirklich fruchtbaren Gebieten, und die Landstriche, in denen der Boden gut genug für fettes Gras und Ackerbau war, waren dicht besiedelt und somit für Herger und ihn tabu. Und auch sie waren kaum in einem besseren Zustand als ihre Pferde - Skars Hoffnung, jagdbares Wild finden und erlegen zu können, hatte getrogen. Ein halb verhungertes Kaninchen und ein Bussard, der leichtsinnig genug gewesen war, sich die beiden Reiter aus einer Entfernung zu betrachten, in der ihn Hergers Pfeil hatte treffen können, waren die einzigen Bereicherungen ihrer Speisekarte gewesen. Ansonsten hatten sie von dem gelebt, was in den Satteltaschen gewesen war - Dörrfleisch und trockenes Brot, das abscheulich schmeckte und durstig machte. Aber auch diese Vorräte waren mittlerweile aufgebraucht. Vielleicht würden sie bald die Nähe von Menschen suchen müssen, ob sie wollten oder nicht. Herger kniete am Flußufer nieder, tauchte vorsichtig die Hand ins Wasser und zog sie hastig wieder zurück. »Eisig«, stellte er fest.

»Das ist nicht weiter verwunderlich«, sagte Skar lächelnd. »Immerhin ist genug Eis im Wasser. Wolltest du baden?«

Herger ignorierte seine Bemerkung, stand auf und rieb sich die Hand an der Hose trocken. »An Schwimmen ist jedenfalls nicht zu denken«, sagte er mißmutig. »Wir wären erforen, ehe wir halb drüben wären. Ganz abgesehen von der Strömung.«

Skar zuckte gleichmütig die Achseln. Er hatte keine Lust, über Strömungen und Flüsse zu diskutieren. Dieser Fluß war nichts als ein weiteres Hindernis, das sie überwinden würden. Eine Verzögerung von einem Tag, nicht mehr. Der Gedanke ließ ihn fast unberührt. Irgendwo auf halbem Wege zwischen hier und den Bergen dort vorne lag Elay, die Stadt, in der er Vela finden würde, und er wußte mit unerschütterlicher Gewißheit, daß es nichts mehr gab, was ihn noch aufhalten konnte. Sein Weg würde dort enden, auf die eine oder andere Weise, aber nicht vorher. Er wußte es mit der gleichen Gewißheit, mit der er wußte, daß der Wolf noch immer auf seiner Spur war, obwohl er ihn nicht mehr sah und obwohl selbst das höhnische Wolfsheulen des Windes verstummt war. Er war da, hier, irgendwo, ganz in seiner Nähe, unsichtbar, lauernd und ständig bereit zuzuschlagen, wenn er, Skar, versuchen würde, einen anderen Weg als den nach Elay einzuschlagen. Skar hatte Zeit genug gehabt, über alles nachzudenken, und er wußte jetzt, daß er sich getäuscht hatte, daß der Wolf in Hergers Haus in Anchor nicht eingegriffen hatte, um ihn zu töten, sondern - so absurd es klang - um ihn zu retten. Es wäre ein leichtes für das Ungeheuer gewesen, ihn zu vernichten, schon seit langem. Er hatte ihn gerettet, weil er noch nicht bereit war, so wie er ihn in Tuan gerettet hatte, indem er Vela zwang, ihre Festung auf den gläsernen Ebenen zu verlassen, und ihm damit Gelegenheit zur Flucht verschaffte. Er war noch nicht soweit, zu sterben, in ihm war noch Hoffnung, ein winziger Funke, der gegen alle Logik noch immer brannte und ihn weitertrieb, und solange er noch hoffte - solange es noch eine Enttäuschung gab, die er noch erleben konnte -, so lange würde er am Leben bleiben.

Um ein Haar hätte er laut aufgelacht. Der Gedanke war so makaber, daß er schon fast wieder komisch war. Vielleicht war niemals in der Geschichte dieser Welt ein Mann von einem so übermächtigen Feind verfolgt worden wie er - und trotzdem war es gerade dieser Umstand, der ihn sich so sicher fühlen ließ.

Er wandte sich um, suchte sich einen einigermaßen trockenen Platz und ließ sich darauf nieder. Er fühlte sich schwach, jetzt, wo er nicht mehr im Sattel saß, aber auch das war etwas, woran er sich fast schon gewöhnt hatte. Der Schwächeanfall während ihrer Flucht aus Anchor war kein Zufall gewesen. Seine Kraft ließ im gleichen Maße nach, in dem sie sich der Verbotenen Stadt näherten.

»Wir sollten uns überlegen, was wir tun«, sagte Herger plötzlich.

Skar fuhr aus seinen Gedanken hoch. Er hatte nicht gemerkt, daß Herger näher gekommen und einen halben Schritt vor ihm stehengeblieben war. Er sah auf, starrte Herger eine Sekunde lang an und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Sein Gaumen schmerzte bereits vor Durst, aber er widerstand der Versuchung, aufzustehen und zum Fluß zu gehen und zu trinken. Er wußte, daß das, was er tat, albern war, aber er wußte, daß er diese Bestätigung einfach brauchte: einen winzigen Triumph über sich selbst, der überflüssige und vermutlich sogar schädliche Beweis, daß er noch immer Herr seines Körpers war; daß sein Wille noch immer stärker war als dieses empfindliche Instrument, dessen er sich bediente.

»Was meinst du?« fragte er schwach. Er hatte Mühe, sich überhaupt auf Hergers Worte zu besinnen.

»Nichts Bestimmtes. Ich ...« Herger schüttelte den Kopf, setzte sich mit einer plötzlichen, abrupten Bewegung neben Skar auf den schlammigen Boden und zog die Knie an den Körper, bis er das Kinn darauf stützen konnte. »Ich habe ein ungutes Gefühl«, murmelte er.