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Skar nickte. »Ich auch. Vor allem im Magen.«

»Es gibt ein kleines Dorf nicht sehr weit von hier«, sagte Herger. »Wir könnten versuchen, dort Lebensmittel und frische Pferde zu kaufen.«

Skar schüttelte heftig den Kopf. Ganz davon abgesehen, daß sie nichts hatten, womit sie hätten bezahlen können, wollte er kein Risiko mehr eingehen. Sie hatten zu viele Entbehrungen auf sich genommen, um jetzt einfach in das nächstbeste Dorf zu spazieren und nach Essen und einem Schlafplatz zu fragen. Vermutlich wäre das Risiko wirklich minimal gewesen - aber er wollte es trotzdem nicht eingehen, einfach aus dem gleichen Grund, aus dem er seinem Durst widerstand. Jetzt in das nächste Dorf einzureiten und dort womöglich Essen und einen warmen Schlafplatz zu finden, hätte fast eine Enttäuschung bedeutet - ein Gefühl ähnlich dem, das ein Mann empfinden mochte, der unter großen Mühen einen Berg besteigt und, am Gipfel angekommen, feststellen muß, daß es auf der anderen Seite einen bequemen Pfad gibt. Herger schnitt eine Grimasse. »Ich glaube nicht, daß Velas Spione jetzt schon in jedem Bauernhaus sitzen«, sagte er ironisch. »Das Risiko ist nicht sehr groß.«

»Nein«, sagte Skar einfach.

Herger seufzte, riß einen dürren Grashalm aus und begann, darauf herumzukauen. »Auch gut«, sagte er. »Ich wollte ohnehin schon immer wissen, wie lange ein Mensch ohne Nahrung auskommen kann.«

»Länger als ohne Freiheit«, murmelte Skar.

Herger gab einen undefinierbaren Laut von sich. »Eigentlich hätte ich mir denken sollen, daß du keine Gelegenheit ausläßt, eine deiner berüchtigten dramatischen Bemerkungen anzubringen«, sagte er in einer Mischung aus Spott und echtem Ärger. »Niemand zwingt dich, bei mir zu bleiben«, sagte Skar grob. »Ich frage mich ohnehin, warum du es tust.«

Herger grinste. »Du bist mein Kapital, Skar. Wenn dir etwas zustößt, dann bin ich runiert. So einfach ist das.«

Skar wußte für einen Moment nicht, ob er nun wütend werden oder lachen sollte, aber Herger sprach bereits weiter: »Natürlich könnte ich aufstehen und gehen«, sagte er gleichmütig. »Und wie kämst du dann nach Elay?«

Skar musterte ihn kühl. »Ich bin um die halbe Welt gereist, Herger, und werde auch die letzten hundert Meilen noch schaffen, glaub mir.«

»Und wenn du auf Händen und Knien kriechen müßtest, wie?« Seltsamerweise sprach Herger die Worte vollkommen ernst aus. Der spöttische Unterton fehlte, und in seinem Blick war etwas, das Skar zusammenzucken ließ.

»Weißt du, an wen du mich erinnerst, Skar?« fuhr Herger fort. »An Tantor.«

»So?«

»Nicht äußerlich«, fügte Herger - nun wieder spöttisch - hinzu. »Aber du hast mir genug von ihm erzählt. Du hast mehr von ihm, als du selbst ahnst, Skar. Ihr seid euch sehr ähnlich.«

»Wir waren es«, verbesserte ihn Skar. »Bei Tantor bietet es sich an, in der Vergangenheitsform zu sprechen.«

Herger ignorierte Skars Worte. »Ihr seid beide von Haß zerfressen«, sagte er ernsthaft. »Ihm hat sein Haß den Tod gebracht. Du hast gesehen, wie er endete.«

»Er hat es herausgefordert.«

»Wie du«, sagte Herger unbeeindruckt. »In Wirklichkeit willst du gar nicht nach Elay, um dich dort zu rächen. Du suchst den Tod. Du forderst ihn heraus, wo immer du eine Gelegenheit findest.«

Skar hob widerwillig den Blick und sah Herger ins Gesicht. Der Schmuggler lächelte, aber seine Augen blieben vollkommen ernst. Und Skar begann sich unter seinem Blick unbehaglich zu fühlen. Das ganze Gespräch nahm allmählich eine Wende, die ihm nicht behagte. Es war nicht so sehr das, was Herger sagte, oder auf welche Art - er wäre niemals Satai geworden, wenn er nicht frühzeitig gelernt hätte, sich selbst zu beobachten und sich über seine eigenen Gefühle und Motivationen klarzuwerden -, sondern daß er es sagte. Was in ihm war, seine Gefühle, der Haß, der ihn hierhergetrieben hatte, dieser Haß und die Furcht, die noch immer unter der Oberfläche seiner Gedanken brodelte, die Furcht davor, daß das Ding in ihm vielleicht doch nicht tot war, sondern nur schlief, daß es irgendwo tief in ihm noch immer schlummerte und irgendwann einmal erwachen könnte, ein grausames Gegenstück zu der schwarzen Bestie, die sich auf seine Spur gesetzt hatte - all dies gehörte ihm. Er wollte nicht, daß ein anderer wußte, wie es in ihm aussah, daß irgendein Mensch hinter die Maske blickte, die zu tragen er sich bemühte. Hergers Worte gaben ihm das Gefühl, nackt und schutzlos zu sein, ein Mensch aus Glas, dessen geheimste Gedanken klar vor jedem ausgebreitet waren, der sich die Mühe machte, sie lesen zu wollen.

»Das ist meine Sache«, knurrte er.

»Das stimmt nicht«, widersprach Herger ruhig. »Nicht, wenn nicht alles, was du mir erzählt hast, gelogen war.«

Skar sah mit einem Ruck weg und ballte so wuchtig die Fäuste, daß seine Gelenke hörbar knackten. Für einen Moment hatte er Lust, einfach aufzustehen und wegzugehen, aber das wäre nur ein weiterer Beweis für seine Schwäche gewesen. »Es war die Wahrheit«, sagte er. »Aber du wirst trotzdem nie verstehen, weshalb ich hier bin.«

»O doch«, widersprach Herger. »Ich weiß -«

»Nichts weißt du!« fiel ihm Skar wütend ins Wort. »Ich bin hier, um Del zu rächen, und das ist alles.« Er hatte mit einem Mal Mühe, nicht zu schreien. »Ich habe dir von Vela und ihren Plänen erzählt, aber ich habe es nicht getan, um dein Mitleid zu erregen, Herger. Ich habe dir von ihr erzählt, damit du weißt, worauf du dich einläßt und du mir nicht hinterher vorwerfen kannst, ich hätte dich blind in dein Unglück rennen lassen.«

»Ich - oder du dir selbst?« fragte Herger ruhig.

Skar machte eine wütende Handbewegung. »Nimm es, wie du willst. Vielleicht habe ich es auch getan, damit es wenigstens noch einen Menschen gibt, der die Wahrheit kennt, wenn ich sterben sollte. Ich bin hier, um eine persönliche Rechnung zu begleichen, das ist alles. Nicht mehr und nicht weniger, ganz gleich, was du hineingeheimnissen willst oder nicht. Ich habe dieser Hexe Rache geschworen, und wenn ich dabei zufällig auch noch die Welt rette - wie du es ausdrücken würdest -, dann ist es in Ordnung. Wenn nicht...«

»Wenn nicht, soll ich es tun?«

Diesmal antwortete Skar nicht. Es erschien ihm plötzlich sinnlos, das Gespräch fortzuführen. Wie konnte er Herger erklären, warum er hier war - wo er es doch im Grunde selbst nicht wußte? Sicher - er redete sich ein, Del (und auch sich selbst) rächen zu wollen. Aber er hatte sich auch einmal eingeredet, Velas Befehlen zu gehorchen, weil sie ihn vergiftet hatte, dann wieder, weil er seiner Aufgabe als Satai gerecht werden wollte. Unsinn. Es war alles Unsinn gewesen. Seit er dieses Land betreten hatte, fühlte er sich verwirrt und hilflos wie nie zuvor in seinem Leben, aber vielleicht war es gar keine Verwirrung, vielleicht erkannte er sich nur jetzt zum ersten Mal selbst, vielleicht war es, weil er endlich zu begreifen begann, daß er sich belogen hatte, schon immer, nicht erst, seit er Vela begegnet war. Er begriff mit einem Mal, daß er nicht der große starke Mann war, für den er sich selbst immer gehalten hatte; daß er sein Leben lang eigentlich nichts anderes getan hatte als das, was er Gowenna vorgeworfen hatte: sich zu verstecken; sich hinter der Maske des Supermanns zu verkriechen.

Und was ist das jetzt? dachte er mit einem Zynismus, der ihn erschreckte. Selbstmitleid?

Vielleicht. Vielleicht war alles viel einfacher, und sein Geist war schlicht und einfach unter der ständigen Belastung zusammengebrochen. Vielleicht wurde er langsam verrückt. Und vielleicht... Ja, dachte er, was, wenn alles, was mich antrieb, wenn der brennende Haß in meinem Inneren in Wirklichkeit nichts anderes als verletzter Stolz war? Wenn ich es nur nicht ertragen habe, gedemütigt worden zu sein, noch dazu von einer Frau?