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Herger hielt abermals an, kaum daß sie hundert Meter weitergeritten waren. Sein Blick tastete über den Himmel, glitt unsicher hierhin und dorthin und suchte schließlich den Blick Skars. »Ich verstehe das nicht«, murmelte er hilflos.

»Was?«

»Das Wetter«, sagte Herger. »Ich habe so etwas noch nie erlebt. Weder hier noch anderswo.«

»Was hast du noch nie erlebt? Eis?«

Herger machte eine ärgerliche Handbewegung. »Du weißt genau, was ich meine«, sagte er. »Die letzten Tage war es zu warm, und jetzt -«

»Jetzt kommen wir gleich in Schnee«, beendete Skar den Satz. »Siehst du?« Er hatte den dünnen, weißen Streifen am Horizont schon vor einer geraumen Weile entdeckt, bisher aber geglaubt, es handele sich um eine weitere Nebelbank. Doch es war zu kalt für Nebel, und der sterile Geruch, der mit dem Wind heranwehte, sprach seine eigene Sprache.

Herger schüttelte verwirrt den Kopf. »Das ist Irrsinn«, murmelte er. »Spielt denn jetzt schon die ganze Welt verrückt?« Skar antwortete nicht. Er hatte einen Verdacht - nicht erst jetzt, sondern schon seit langem, aber es war zu früh, ihn auszusprechen.

»Schnee ist nicht das Schlechteste«, sagte er statt dessen. »Wir können wenigstens Spuren lesen und wissen, wer vor uns ist.« Herger schnaubte. »Das kann ich dir auch so sagen«, versetzte er ärgerlich.

Skar lächelte. »Quorrl?«

»Wenn es nur das wäre. Aber wo Quorrl sind, sind auch Soldaten nicht weit«, antwortete Herger. »Außerdem reicht der Schnee allein schon aus. Wir haben nicht die passende Kleidung, vergiß das nicht. Ich habe schon von Fällen gehört«, fügte er ironisch hinzu, »in denen Menschen erfroren sein sollen.«

Skar grinste. »Wer leidet jetzt hier unter Verfolgungswahn? Du oder ich?«

»Wahrscheinlich wirkt er ansteckend«, knurrte Herger böse. »Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie wir über den Fluß kommen sollen, bei diesen Temperaturen? Wir erfrieren, wenn wir durch das Wasser waten.«

Skar deutete mit einer Kopfbewegung auf die kreisenden schwarzen Punkte unter der Sonne. »Warten wir ab, wie sie das Problem gelöst haben«, murmelte er. »Vielleicht erübrigt sich die Antwort auf diese Frage ja auch.«

Herger setzte zu einer wütenden Entgegnung an, aber Skar ritt rasch weiter und sah demonstrativ zum Fluß hinunter.

Die Temperaturen fielen weiter, nicht mehr ganz so schnell wie am Morgen, aber rasch genug. Nach einer Weile trabten sie wirklich über Eis, und die dürren Büsche rechts und links des Weges verwandelten sich in bizarre, blinkende Skulpturen. Skar hielt die Zügel nur mehr mit einer Hand und steckte die andere abwechselnd unter die Achselhöhle, um seine Finger geschmeidig zu halten, aber auch das nutzte nicht viel. Herger hatte recht - sie waren nicht dazu ausgerüstet, länger als ein paar Stunden diese Temperaturen auszuhalten. Selbst wenn sie nicht erschöpft und hungrig gewesen wären, würden sie spätestens in der zweiten Nacht erfrieren.

Skar verscheuchte den Gedanken mit einem ärgerlichen Knurren, setzte sich im Sattel auf und konzentrierte sich auf das, was vor ihnen lag. Die zweite Nacht... er war nicht in der Lage, über solche Zeiträume vorzuplanen. Alles, was er von Anfang an hatte tun können, war reagieren. Abwarten, welchen Zug der Gegner machte, und sich darauf einstellen. Bisher war er auf diese Weise zumindest am Leben geblieben. Und eigentlich war das schon mehr, als er hätte erwarten dürfen.

11.

Beiderseits des Flusses lag Schnee, eine dünne, durchbrochene weiße Decke, die sich vergebens das zu verbergen bemühte, was hier geschehen war. Da und dort hatten die Geier bereits mit ihrem grausigen Werk begonnen; der Schnee war aufgewühlt und mit roten Fleischfetzen bedeckt, und an manchen Stellen blinkte Metall durch das Weiß. Ein schwacher, süßlicher Geruch lag in der Luft, und im Heulen des Windes schienen noch die Schreie der Sterbenden mitzuschwingen.

»Zwei Tage«, murmelte Skar. »Allerhöchstens. Vielleicht auch weniger.« Er ließ sich in die Hocke sinken, wischte mit dem Handrücken Schnee und vereisten Matsch vom Brustpanzer des toten Quorrl und versuchte, das Wesen herumzudrehen. Es gelang ihm nicht. Schließlich gab er auf, richtete sich wieder auf und sah zu Herger empor. Der Tote war nur einer von vielleicht fünfzig, die auf dieser Seite des Flusses herumlagen. Das Ufer war hier flacher, und aus dem schäumenden Wasser erhoben sich zahllose flache Steine. Hier und da konnte man trotz der reißenden Strömung und des schlammigen braunen Wassers den Grund des Flußbettes erkennen. Ein idealer Ort, den Fluß zu durchqueren. Aber auch ein idealer Ort für einen Überfall. Die Furt war nicht sehr breit - fünfzehn, vielleicht zwanzig Meter. Wer hier versuchte, das andere Ufer zu erreichen, der saß so sicher in einer Falle, als befände er sich auf einer schmalen Brücke.

Skar wandte sich um, sah zum anderen Ufer hinüber und schüttelte den Kopf. Er konnte sich gut vorstellen, wie es gewesen sein mußte. Die Ebene war auf der anderen Seite des Flusses nicht ganz so flach und deckungslos wie hier - hinter dem sandigen Uferstreifen erhob sich eine Anzahl niedriger, unregelmäßig geformter Hügel, dazwischen lagen Felsen und dürres, aber dicht wachsendes Gestrüpp. Deckung genug für Männer, die wußten, wie man sich zu verstecken hatte.

Aber nicht genug für eine Armee ...

Skar schüttelte abermals den Kopf und zog sich mit einer entschlossenen Bewegung in den Sattel empor. Die meisten Quorrl schienen durch Pfeilschüsse ums Leben gekommen zu sein. Vielleicht waren sie einfach überrascht worden. Und vielleicht war ihnen ja auch ein zweiter Trupp auf den Fersen gewesen und hatte sie in den Pfeilregen derer, die drüben versteckt gewesen waren, hineingejagt.

»Zwei Tage, sagst du?« knüpfte Herger an Skars Bemerkung an.

Skar nickte. »Höchstens. Vielleicht auch weniger. Es kann genausogut während der letzten Nacht passiert sein. Aber ich glaube nicht, daß uns hier Gefahr droht, wenn du das meinst. Wer immer diese Quorrl umgebracht hat, ist längst weitergezogen.«

Herger schien sich mit dieser Antwort zufriedenzugeben - obwohl er so gut wie Skar wissen mußte, daß es nicht mehr als eine Vermutung war. Die Toten hier bewiesen nicht, daß die Schlacht vorüber war. Sie konnten ebenso hinter dem nächsten Hügel auf einen Trupp Quorrl oder Soldaten treffen, wie es diesen Wesen hier ergangen war. Vielleicht ritten sie ahnungslos mitten in eine Schlacht hinein. Vielleicht - Vielleicht fällt uns gleich der Himmel auf den Kopf, dachte Skar ärgerlich. Hör endlich auf, dich selbst nervös zu machen. Mit einer heftigen Bewegung zwang er sein Pferd herum und ritt zum Ufer hinunter. Das Tier scheute zurück, als es den eisigen Hauch spürte, der ihm von der Wasseroberfläche entgegenwehte, und Skar mußte es schließlich mit brutaler Kraft zwingen, ins Wasser zu gehen.

Der Fluß war so seicht, wie Skar gehofft hatte - das Wasser war kaum tiefer als zwei oder drei Handspannen und reichte ihm nicht einmal bis zu den Füßen, aber die Strömung war mörderisch, und die Spritzer, die Skars ungeschützte Beine trafen, stachen wie winzige Messer in seine Haut. Das Pferd schnaubte vor Schmerz und warf unruhig den Kopf hin und her, und als sie die Mitte des Flußbettes erreicht hatten, strauchelte es, und Skar wäre um ein Haar aus dem Sattel gefallen. Er zitterte vor Kälte und Anstrengung, als er endlich das gegenüberliegende Ufer erreicht hatte und absaß.

Herger folgte ihm in geringem Abstand. Er hockte in unnatürlich steifer Haltung im Sattel, und als er endlich neben Skar anlangte, war er so verkrampft, daß er kaum aus eigener Kraft absteigen konnte. Er taumelte, fiel mit einem schmerzhaften Laut auf die Knie und krümmte sich, als hätte er Schmerzen.

Skar trat rasch hinzu, aber Herger schüttelte verbissen den Kopf und schlug Skars Hand zur Seite. »Laß mich«, zischte er. »Ich komme schon noch hoch.«

Skar trat einen halben Schritt zurück und runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Er verstand Herger. Es war nicht das erste Mal, daß er so etwas beobachtete - der Hehler hatte, eigentlich die ganze Zeit über, ganz genau gewußt, worauf er sich einließ. Sie waren vom ersten Tag an in Lebensgefahr gewesen, jede einzelne Minute, seit sie Anchor verlassen hatten, und Herger war sich dieses Umstandes immer bewußt gewesen. Er war innerlich nicht halb so ruhig, wie er vorgab. Herger war kein Held, und die ständige Angst, die Furcht, die ihn ständig begleitet haben mußte, hatte an seinen Kräften gezehrt. Der Anblick des Schlachtfeldes mußte ihm den Rest gegeben haben. Man konnte gut über den Tod und das Sterben reden, aber ein Schlachtfeld mit Toten, Verstümmelten und Sterbenden zu sehen, war eine andere Sache. Skar war schon so lange Krieger, daß er manchmal vergaß, wie dieser Anblick auf einen Menschen wirkte, dessen Alltag aus Handel und friedlichen Geschäften bestand.