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»Was ist... hier passiert?« fragte Herger. Seine Stimme klang brüchig, obwohl er sich alle Mühe gab, unbeeindruckt auszusehen. Sein Blick irrte unstet über das Flußufer. Auf der anderen Seite des Stromes hatte der Schnee das Schlimmste zugedeckt; hier, einer willkürlichen Laune der Natur folgend, war die weiße Decke weniger fest. Überall lagen Tote - drei-, vielleicht vierhundert, und es waren nicht nur Krieger.

»Eine Schlacht«, murmelte Skar.

Herger schüttelte heftig den Kopf. »Das war keine Schlacht«, krächzte er. Seine Lippen zitterten. »Das war ... ein Gemetzel.« Skar schwieg. Herger sprach nur das Wort aus, das ihm die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Die Quorrl hatten sich bis zum letzten Mann - zum letzten Kind, verbesserte er sich in Gedanken - verteidigt. Sie mußten in der gewohnten Formation vorgerückt sein - die Krieger außen, einen weiten, drei- oder vierfach gestaffelten Kreis bildend, dahinter die Frauen; das machte bei Quorrl keinen so großen Unterschied; und ganz innen, geschützt von der Hauptmacht der Graugeschuppten, die Wagen mit den Alten und Kranken und Kindern. Ihre verkohlten Reste waren noch deutlich zu erkennen; ein niedergebrannter Scheiterhaufen aus verkohltem Holz und dunklen, zusammengebackenen Körpern, die einzeln nicht mehr zu erkennen waren. Ein paar von ihnen waren deutlich kleiner als die anderen. Es waren nicht einmal die Kinder verschont worden.

»Das ist...«

»Das ist Krieg«, sagte Skar hart. »Das, wovon ihr in Anchor beim Frühstück oder zwischen zwei Geschäften redet, Herger. Das, was dich erwartet, wenn du länger bei mir bleibst.«

Herger fuhr mit einer abrupten Bewegung herum. Seine Augen waren weit und voller Angst. Skar hätte seine letzte Bemerkung am liebsten rückgängig gemacht. Vielleicht war jetzt der Augenblick gegeben, sich von Herger zu trennen. Skar war sicher, daß ein winziger Anstoß genügen würde - aber plötzlich wollte er es gar nicht mehr. »Entschuldige«, sagte er leise. »Ich ...«

»Warum haben sie das getan?« fragte Herger, als hätte er Skars Worte gar nicht gehört. »Warum -«

Skar lachte, leise, bitter und mit einer raschen, bestimmenden Handbewegung. »Die Kinder?« fragte er. »Du willst wissen, warum sie auch die Kinder und die Frauen und die Alten umgebracht haben?«

Herger schluckte ein paarmal hintereinander. Die Blässe in seinem Gesicht rührte jetzt nicht mehr allein von seiner Erschöpfung her.

»Auch aus kleinen Quorrl werden einmal Krieger«, fuhr Skar fort. »Krieger, die töten und plündern und ihrerseits neue Krieger zeugen.« Er sah, daß Herger unter seinen Worten wie unter einem Hieb zusammenzuckte, und setzte - etwas sanfter - hinzu: »Das sind nicht meine Worte, Herger. Und das ist es auch gar nicht, worauf es hier ankommt.« Er schwieg einen Moment, griff gedankenverloren nach den Zügeln seines Pferdes und begann das Tier hinter den Ohren zu kraulen. »Sieh dich ruhig um«, fuhr er fort. »Du hast mich gefragt, warum ich Vela hasse, und hier siehst du die Antwort. Diese Krieger hier sind in Wirklichkeit keine Krieger, sondern Figuren, Spielsteine auf Velas Brett. Erinnerst du dich, was du gesagt hast? Dem Volk etwas geben, woran es seinen Zorn auslassen kann ...« Er schüttelte den Kopf und gab ein wütendes Geräusch von sich. »Das sagt sich so leicht, Herger. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Wahrheit, das ist Blut und Tod und Schrecken. Du -« Er brach ab, erschrocken über seine eigenen Worte. Herger konnte nichts dafür. Er war ebenso entsetzt über das, was hier geschehen war, wie er selbst, und für einen Moment war Skar in Gefahr gewesen, ihn zu behandeln, wie er es mit Gowenna getan hatte. Seinen Zorn auf ihn zu entladen. Aber das wäre zu billig gewesen.

»Vergiß es«, murmelte er. »Ich rede Unsinn. Du hast recht - es sind Quorrl. Sie wußten, was sie taten, als sie in dieses Land kamen.«

Aber hatten sie es wirklich gewußt? Hatte er gewußt, was er tat, als er Combat betrat oder den Wald von Cosh? Natürlich nicht. Und sowenig wie er hatten diese Quorrl gewußt, daß sie in Wirklichkeit nicht ihrem eigenen Willen gehorchten. Skar wußte nicht, wie Vela es bewerkstelligt hatte, aber er war plötzlich vollkommen sicher, daß sie dafür gesorgt hatte, daß die Quorrl-Armee im richtigen Augenblick die Grenzen dieses Landes überschritt. Einen besseren Vorwand, zu einem Krieg zu rüsten, konnte sie sich nicht mehr wünschen. Er wandte sich um, deutete mit einer Kopfbewegung auf die niedergebrannte Wagenburg im Zentrum des Schlachtfeldes und gab Herger mit einer Geste zu verstehen, ihm zu folgen. »Hilf mir«, sagte er. »Wir brauchen Holz, wenn wir nicht erfrieren wollen.«

Herger zuckte sichtlich zusammen. »Holz?« echote er dümmlich. »Wozu?«

Skar seufzte. »Für ein Feuer, Herger. Es brennt im allgemeinen besser als Schnee.«

»Du ... du willst hier ... hier übernachten?« fragte Herger stockend.

Skar blickte demonstrativ in den Himmel. Die Sonne würde in weniger als einer Stunde untergehen, und im Norden zeigte sich bereits ein düsterer grauer Streifen am Horizont. »Hast du eine bessere Idee?« fragte er, bewußt grob.

»Aber es ist ein ... Schlachtfeld«, keuchte Herger.

Skar schürzte abfällig die Lippen. »Solltest du Angst vor den Geistern der Erschlagenen haben«, sagte er, »dann laß dich beruhigen. Es ist nicht das erste Mal, daß ich auf einem Kampfplatz übernachte, und ich bin noch keinem Geist begegnet.«

Er ging los, ehe Herger Gelegenheit zu einer Entgegnung fand, und suchte sich seinen Weg zwischen den Toten hindurch. Es waren Quorrl, ausnahmslos. Die Angreifer mußten ihre Toten und Verwundeten mitgenommen haben. Wenn es bei ihnen Tote und Verwundete gegeben hatte ...

Er erreichte die Überreste der Wagen, sah sich einen Moment unschlüssig um und biß die Zähne zusammen, als sich der Wind drehte und einen durchdringenden Leichengestank mit sich brachte. Die Wagen waren ausnahmslos zerstört und verbrannt worden, der Großteil des Holzes war verkohlt und unbrauchbar. Aber zwischen den Trümmern gab es noch genügend Reste, und zur Not konnten sie die Kleider der Toten verbrennen. Der Gedanke, wie ein Leichenfledderer über das Schlachtfeld zu streifen und den Toten selbst noch die Hemden vom Leib zu ziehen, behagte ihm nicht. Aber wenigstens würden sie auf diese Weise nicht erfrieren. Und sie konnten sich mit warmen Kleidern versorgen, falls das schlechte Wetter anhalten sollte.

Er drehte sich zu Herger um und winkte ungeduldig. »Komm her und hilf mir!« rief er. Der Schmuggler war bei den Pferden stehengeblieben, setzte sich nun jedoch widerwillig in Bewegung und ging auf ihn zu. Auf halbem Wege stoppte er, beugte sich vor und fuhr plötzlich mit einer erschrockenen Bewegung wieder hoch. »Skar! Hier lebt noch einer!« Seine Hand fuhr zum Gürtel und riß das Schwert aus der Scheide, aber es war eine reine Abwehrbewegung.

Skar fuhr herum und war mit zwei, drei schnellen Schritten neben Herger. »Nicht«, sagte er hastig. »Steck die Waffe weg.« Herger gehorchte, während Skar neben der zusammengekrümmten Gestalt niederkniete. Im ersten Augenblick glaube er, Hergers Nerven hätten diesem einen Streich gespielt; der Quorrl lag im Schnee, die Hände auf die schreckliche Wunde an seiner Seite gepreßt, und war über und über mit Blut befleckt. Aus seiner linken Schulter ragte der zersplitterte Schaft eines Pfeiles, und der stachelbesetzte Kupferhelm auf seinem Kopf war unter einem fürchterlichen Hieb geborsten und mit einem Kranz eingetrockneten Blutes besudelt. Aber dann sah Skar, wie sich die Augen des Schuppenwesens öffneten, nur um eine Winzigkeit und für den Bruchteil einer Sekunde. Trotz seiner fürchterlichen Verletzungen lebte das Wesen noch.