»Wir müssen ihn hier wegschaffen«, sagte Skar nach kurzem Überlegen. »Er braucht Wärme.«
Herger erschrak. »Du willst ihn ... retten?«
»Er kann uns vielleicht wertvolle Informationen geben«, sagte Skar ruhig. »Außerdem ist er verletzt - keine Sorge. Er wird dir nichts mehr tun.«
»Aber er ist ein Quorrl«, begehrte Herger auf. »Diese Wesen haben unsere Städte und Dörfer überfallen und -«
Skar brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Verstummen. Herger schluckte, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und schob schließlich seine Waffe in den Gürtel zurück. »Was soll ich tun?« fragte er, ohne Skar anzusehen.
»Hilf mir, ihn hier wegzuschaffen«, sagte Skar. Er stand auf, kniete über dem Kopf des Schuppenkriegers erneut nieder und schob die Hände unter die Schultern des Verwundeten. »Nimm seine Füße«, sagte er zu Herger. »Wir schaffen ihn zu den Wagen hinüber. Dort sind wir wenigstens vor dem Wind geschützt.«
Herger ließ sich gehorsam auf die Knie sinken, ergriff die Beine des Quorrl und hob ihn an. Skar stöhnte unter dem Gewicht des reglosen Körpers. Der Quorrl war ein besonders großes Exemplar seiner Rasse - ein zwei Meter hoher, unglaublich massiger Gigant von gut vier Zentnern Gewicht. Ein dumpfes, qualvolles Stöhnen entrang sich seiner Brust, als Skar und Herger ihn ächzend über das Schlachtfeld trugen. Die Wunde an seiner Seite brach wieder auf und hinterließ eine unregelmäßige Spur roter Tropfen im Schnee.
Herger taumelte vor Anstrengung, als sie endlich die verkohlte Wagenburg erreichten und den Quorrl wieder in den Schnee sinken ließen. Hergers Atem ging pfeifend, und sein Blick glitt immer wieder über die gewaltige graue Gestalt zu seinen Füßen.
Skar richtete sich auf, atmete ein paarmal tief ein und wartete, bis seine Hände zu zittern aufhörten. Das Gewicht des Quorrl hatte seine Kräfte fast überstiegen.
»Wir müssen ... ein Feuer entzünden«, sagte er schweratmend. »Such Holz. Und hol unsere Pferde hierher. Ich werde mich inzwischen um seine Wunden kümmern.«
Herger nickte und fuhr so rasch herum, daß es beinahe an eine Flucht grenzte. Er schien froh zu sein, wenigstens für kurze Zeit die Nähe des Schuppenkriegers meiden zu können.
Skar sah ihm kopfschüttelnd nach. Herger haßte den Quorrl nicht wirklich, das spürte Skar. Aber er schien halb von Sinnen vor Furcht zu sein. Die Quorrl waren berüchtigt für ihre Grausamkeit, auch wenn das, was grausam erscheinen mochte, in den meisten Fällen wohl nur Ausdruck einer vollkommen fremden Lebensart war. Selbst Skar konnte sich eines unguten Gefühles nicht erwehren, als er den graugeschuppten Riesen betrachtete. Er kniete erneut neben dem Quorrl nieder, bettete ihn mühsam in eine einigermaßen bequeme Lage und machte sich daran, seine Wunden zu untersuchen. Viel war es nicht, was er tun konnte - die Verletzungen, jede für sich, hätten den Quorrl eigentlich umbringen müssen. Es grenzte an ein Wunder, daß er überhaupt noch am Leben war. Skar war sicher, daß das Wesen die Nacht nicht überstehen würde. Selbst ein ausgebildeter Heiler wäre hier wohl machtlos gewesen. Sein Schädel war zertrümmert und wurde wahrscheinlich nur noch durch den zerbrochenen Helm zusammengehalten, und die Wunde an seiner Seite - ein Speerstich, wie Skar bei näherer Betrachtung feststellte - war bereits brandig. Nein - der Quorrl würde sterben, schon bald.
Skar sah sich ungeduldig nach Herger um, nahm nach kurzem Zögern seinen Mantel von den Schultern und breitete ihn über dem Quorrl aus - eine Geste, die allenfalls symbolische Bedeutung haben konnte; der Quorrl hatte einen Tag und vielleicht eine Nacht im Schnee gelegen und mußte bis auf die Knochen ausgekühlt sein.
Skar stand auf, bewegte die Finger, um das brennende Prickeln zu vertreiben, und begann Holz zu sammeln. Als Herger mit den Pferden zurückkam, hatte Skar bereits einen ansehnlichen Stapel zusammengetragen. Herger warf ihm wortlos die Satteltasche mit dem Verbandszeug zu und band die Pferde an ein zerbrochenes Wagenrad. Danach machte Herger sich daran, das Feuer zu entzünden, während Skar erneut zu dem Quorrl hinüberging. Ihr Verbandszeug war auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen; kaum genug, um eine einzige der Wunden des Quorrl zu versorgen. Aber Skar fand eine Salbe, die wenigstens für kurze Zeit die Schmerzen des Verwundeten lindern würde. Behutsam schmierte Skar sie auf die Wundränder, jederzeit bereit, zurückzuspringen, falls sich der Quorrl regen würde. Aber das Wesen erwachte nicht, auch nicht, als Skar den Pfeil aus seiner Schulter zog und die Wunde mit einem schmalen Streifen Verbandszeug versorgte.
Herger trat zu ihm, als er das Feuer entfacht hatte. Zwischen seinen Brauen zeigte sich eine mißbilligende Falte, als er sah, was Skar getan hatte. »Hoffentlich denkst du daran, daß wir das Verbandszeug selbst noch brauchen könnten«, murrte er.
Skar schwieg. Herger hatte seinen ersten Schrecken überwunden, und seine Unsicherheit schlug nun in Aggressivität um. »Reine Verschwendung«, fuhr er fort, als Skar nicht antwortete. »Es wäre menschlicher, wenn du dein Schwert nehmen und ihn erlösen würdest.«
Skar legte seinen Mantel wieder über den Quorrl, sah sich suchend um und zog schließlich ein halbverkohltes Stoffbündel aus den Trümmern hervor, um es wie ein Kissen unter den Nacken des Quorrl zu schieben. »Ich will wissen, was hier geschehen ist«, sagte er. »Und dieser Quorrl kann es uns vielleicht noch sagen.« Herger gab ein abfälliges Geräusch von sich. »Sei kein Narr, Skar«, sagte er. »Wenn er überhaupt noch einmal zu sich kommt, dann wird er versuchen, uns umzubringen, das weißt du so gut wie ich. Also hör mit deinem sentimentalen Quatsch auf und laß uns weiterziehen. Wir schaffen noch ein paar Meilen bis zum Dunkelwerden.«
»Und erfrieren irgendwo«, knurrte Skar. »Wir bleiben hier, Herger. Hier haben wir Holz und einen Schutz vor dem Wind, und die Geister der Toten, vor denen du dich so fürchtest, werden uns Wegelagerer und anderes Gesindel vom Hals halten.«
»Und Plünderer anlocken«, sagte Herger lakonisch. »Ich habe meine Erfahrungen mit ihnen, Satai - wo ein Schlachtfeld ist, da sind auch Leichenfledderer nicht weit.«
»Dann wird es wohl das Beste sein, wenn du Wache hältst, während ich schlafe«, sagte Skar. »Oder?«
Herger starrte ihn einen Herzschlag lang mit unverhohlener Wut an, ehe er herumfuhr und durch den Schnee davonstapfte. Skar wandte sich um, nahm die Satteltaschen und die zusammengerollten Decken von den Rücken der Pferde und begann das Nachtlager vorzubereiten. Die verkohlten Wagen bildeten einen unregelmäßigen Halbkreis, hinter dem man zumindest notdürftig vor dem Wind geschützt war, und auch der Schnee lag hier nicht so hoch wie draußen auf dem Schlachtfeld. Skar breitete die Decken rechts und links des Feuers aus, legte ein wenig Holz nach und öffnete seinen Wasserschlauch, der leer war bis auf einen schalen, übelriechenden Rest. Skar schüttete ihn aus, beugte sich noch einmal prüfend über den Quorrl und ging dann zum Fluß hinunter. Herger hatte sich in der entgegengesetzten Richtung entfernt und stand, reglos und den Blick starr nach Norden gerichtet, auf der Kuppe eines Hügels. Das rote Licht der untergehenden Sonne verwandelte seinen Körper in einen schwarzen, flachen Schatten. Skar überlegte einen Augenblick, ob er zu ihm gehen und ihn um Verzeihung bitten sollte, tat es aber dann doch nicht. Vielleicht war es das erste Mal in Hergers Leben, daß er mit eigenen Augen sah, wie die Welt, in die er hineingeboren war, wirklich beschaffen war. Er mußte damit fertig werden, je eher, desto besser.