Skar versuchte sich zu erinnern, was er empfunden hatte, damals, vor (wie vielen Jahren eigentlich? Dreißig? Vierzig?), vor so langer Zeit, als er wie jetzt Herger als junger Satai-Novize auf einem Hügel über einem Schlachtfeld gestanden und auf das schreckliche Bild hinuntergesehen hatte. Er wußte nicht mehr im einzelnen, wie es gewesen war. Er hatte seitdem zu viele Schlachtfelder gesehen, zu viele Kämpfe gekämpft und zu oft dem Tod ins Auge geblickt, um wirklich noch zu wissen, was Furcht war. Er war... ja, abgestumpft, so wie jeder, der mit der Waffe in der Hand lebt und für den Tod Leben bedeutet, irgendwann abstumpft. Aber Skar hatte nie vergessen, wie schlimm es gewesen war, damals. Er konnte sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern, doch der ungläubige Schrecken, der alle anderen Gefühle überwog, war ihm deutlich in seiner Erinnerung haftengeblieben. Der Schrecken und die Frage, was Menschen dazu bringen konnte, so etwas zu tun.
Er hatte nie eine Antwort auf diese Frage gefunden. Und irgendwann hatte er auch aufgehört, nach ihr zu suchen.
Er verscheuchte den Gedanken und ging weiter. Vom Fluß wehte ihm Kälte wie ein eisiger Hauch entgegen, und zwischen den flachen Steinen, die den Verlauf der Furt markierten, hatte sich Eis angesammelt. Skar betrachtete die durchbrochene weiße Linie stirnrunzelnd. Wenn die Temperaturen weiter so niedrig blieben, dann würde das Eis in Kürze einen Damm an der flachen Stelle bilden, und der Fluß würde über die Ufer treten. Vielleicht ein würdigeres Begräbnis für die Toten, als den Geiern als Nahrung zu dienen.
Skar blieb am Flußufer stehen. Auch im Wasser lagen Tote - nicht ganz so viele wie diesseits des Flusses, aber mehr, als er vorhin auf den ersten Blick gesehen hatte. Aber es waren nur Quorrl. Kein Mensch. Nicht ein einziger Angreifer.
Er wandte sich nach links und ging flußaufwärts. Das Wasser war hier noch immer schlammig und braun, aber zumindest nicht mehr mit Leichen verseucht. Trotzdem kostete es ihn enorme Überwindung, am Ufer niederzuknieen und seinen Schlauch zu füllen. Bei dem Gedanken, das Wasser am Morgen, wenn auch ahnungslos, getrunken zu haben, drehte sich ihm noch jetzt der Magen herum.
Er trank, füllte seinen Schlauch und band die Öffnung sorgfältig zu, ehe er zu Herger und ihrem Lager zurückging. Die Sonne berührte den Horizont, als er am Feuer anlangte und sich wortlos neben Heger niederließ. Die Schatten wurden länger, und die toten Quorrl verwandelten sich in formlose graue Hügel. Skar schauderte. In Augenblicken wie diesem konnte er verstehen, daß sich Menschen wie Herger vor den Geistern der Toten fürchteten. Mit der Dunkelheit kam die Kälte, und Skar rückte näher ans Feuer heran. Die Flammen spendeten eine wohlige Wärme, und mit ihr kam die Müdigkeit.
»War das dein Ernst, vorhin?« fragte Herger plötzlich. »Das mit der Wache?«
Skar sah auf. Hergers Gesicht wirkte im flackernden Licht der Flammen noch müder als zuvor. Sein linkes Auge war entzündet und rot, was seinem Antlitz ein seltsam asymmetrisches Aussehen gab.
»Vorhin nicht«, murmelte er. »Aber jetzt. Ich glaube, es ist besser, wenn wir abwechselnd Wache halten. Schon wegen ihm«, fügte er mit einer Kopfbewegung auf den reglosen Quorrl hinzu. Sie hatten das Wesen so dicht ans Feuer herangezogen, wie es ging, und Skar hoffte, daß die wärmenden Flammen bald Wirkung zeigen würden.
Herger folgte Skars Blick. Er schwieg eine ganze Weile, aber Skar konnte direkt sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. »Was ich vorhin gesagt habe«, begann er stockend, »tut mir leid. Ich ...«
Skar unterbrach ihn mit einem sanften Kopfschütteln. »Schon gut«, sagte er. »Ich verstehe dich.«
»Aber ich bin trotzdem dagegen«, fuhr Herger nach einer weiteren Pause fort. »Wir hätten ihn sterben lassen sollen.«
»Er wird sterben«, sagte Skar ruhig. »Noch heute nacht.«
»Und warum quälst du ihn dann?«
Skar blickte nachdenklich auf die gewaltige Gestalt des Quorrl. Das Wesen war noch immer ohne Bewußtsein, aber seiner Brust entrang sich von Zeit zu Zeit ein tiefes, qualvolles Stöhnen. Skar hatte schon vielen dieser Wesen im Kampf gegenübergestanden und wußte, wie stark und wild sie waren, und er hatte Menschen gesehen, die von Quorrl im wahrsten Sinne des Wortes in Stücke gerissen worden waren. Trotzdem empfand er keinen Triumph - nicht einmal diese schwer zu beschreibende Erleichterung, wenn man sich einer Gefahr erst dann bewußt wird, nachdem sie vorüber war. Alles, was er empfand, war Mitleid; Mitgefühl mit einem Wesen, das verwundet war und Schmerzen litt.
Aber wahrscheinlich empfand der Quorrl im Moment weniger Schmerzen als Herger oder er.
»Ist dir nicht aufgefallen, daß hier nur Quorrl liegen?« fragte er nach einer Weile.
Herger sah ihn fragend an.
»Keine Menschen«, sagte Skar. »Ich habe mich umgesehen. Es sind nur Quorrl-Rüstungen. Quorrl-Waffen. Quorrl-Pferde.«
»Sie werden ihre Toten und Verwundeten mitgenommen haben«, meinte Herger unsicher.
»Keine zerbrochenen Waffen«, fuhr Skar unbeeindruckt fort. »Keine abgeschlagenen Hände und Arme, keine verlorenen Helme, kein totes Pferd.«
»Worauf ... willst du hinaus?« fragte Herger unsicher.
Skar zuckte mit den Achseln. »Vielleicht darauf, daß sie keine Verluste hatten«, murmelte er, mehr zu sich selbst. Der Gedanke war die ganze Zeit über in ihm gewesen, aber er begriff eigentlich erst jetzt, als er ihn laut aussprach, was er wirklich bedeutete. »Das ist unmöglich«, sagte Herger.
»Das ist es«, bestätigte Skar. »Aber ich weiß keine andere Erklärung.«
Herger schwieg sekundenlang. »Vielleicht haben sie sie in eine Falle gelockt«, murmelte er. »Wenn sie sie auf große Distanz angegriffen ...« Er brach mitten im Satz ab und starrte mit unnatürlich weit aufgerissenen Augen an Skar vorbei auf das Schlachtfeld hinaus. Die meisten Quorrl waren durch Pfeilschüsse getötet worden - aber längst nicht alle. Selbst er erkannte eine Schwertwunde, wenn er sie sah.
»Vielleicht haben sie sich nicht gewehrt«, murmelte er.
Oder sie haben gegen einen Gegner gekämpft, der nicht zu verwunden war, dachte Skar. Aber das sprach er nicht laut aus. Statt dessen stand er auf, hängte sich seinen Wasserschlauch über die Schulter und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Hügelkette. »Ich werde die erste Wache übernehmen«, sagte er. »Versuch ein wenig zu schlafen. Ich wecke dich kurz nach Mitternacht.«
»Skar!«
Irgend etwas war in Hergers Stimme, das ihn anhalten ließ. Er zögerte, wandte sich noch einmal um und trat wieder ans Feuer heran. »Ja.«
»Ich ...« Herger schluckte. »Bleib hier«, bat er. »Du kannst auch hier Wache halten. Und ich auch.«
Wovor hat er Angst? dachte Skar. Vor den Geistern der Toten? Oder vor dem Quorrl? Oder vielleicht einfach davor, allein zu sein? Aber er sprach nichts von alledem aus, sondern ließ sich wortlos wieder am Feuer nieder und hielt die Hände über die wärmenden Flammen. Im Grunde war er ganz froh, am Feuer bleiben zu können.
Und obwohl er es niemals - auch sich selbst gegenüber nicht - zugegeben hätte, war er ebenso froh, nicht allein sein zu müssen. »Was wirst du tun, wenn wir Elay wirklich erreichen?« fragte Herger. »Sie töten?«
»Ja«, sagte Skar. »Und jetzt schlaf. Wir müssen morgen ausgeruht sein.«
Herger schien noch mehr fragen zu wollen, aber er sah ein, daß Skar nicht nach reden zumute war, und so legte er sich zurück und rollte sich in seine Decke ein. Schon nach wenigen Augenblicken wurde sein Atem ruhiger; er war eingeschlafen, der Kälte und der Furcht, die mit dunklen Schatten um das Lager strich, zum Trotz. Skar betrachtete ihn nachdenklich. Es war seltsam - sie kannten sich jetzt seit elf Tagen, aber er hatte bereits ein so vertrautes Gefühl, als ritten sie schon seit Jahren zusammen. Obwohl ihm Herger so rätselhaft wie am ersten Tag geblieben war, fühlte er trotzdem so etwas wie ... Freundschaft? Nein, Freundschaft sicher nicht. Sie waren sich fremd, und sie würden sich auch immer fremd bleiben, ganz egal, wie lange sie zusammen sein würden. Und trotzdem war es eine Fremdheit, die - so absurd es klang - etwas Vertrautes hatte.