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Skar sah sich unschlüssig um. Er wußte selbst nicht so recht, was er suchte - einen Gürtel, einen ledernen Waffenriemen, irgend etwas, das geeignet war, dem Toben eines Wesens standzuhalten, das fünfmal so stark wie ein normal gewachsener Mann war. Der Kampfplatz bot eine reichliche Auswahl aller möglichen Dinge - die Quorrl mußten eine geradezu unglaubliche Masse von Gepäck mit sich geschleppt haben; Waffen vor allem, aber auch Hausrat, Schmuck, Kleider und Geräte, wie man sie braucht, um Land zu bestellen. Vielleicht waren sie auf einem Beutezug gewesen, als der Tod nach ihnen gegriffen hatte. Aber es war nichts darunter, was für seine Zwecke geeignet war.

Ein paarmal kniete er nieder, nahm dies und das zur Hand und warf es jedesmal fort, um weiterzugehen. Schließlich, schon auf halbem Wege zum Fluß hinunter, fand er das, wonach er gesucht hatte: einen handbreiten, mit metallenen Gliedern verstärkten Gürtel, der stabil genug erschien, einen Ochsen zu halten. Er hob ihn auf, wischte mit dem Handrücken Schnee und verklumpten Matsch von den blinkenden Kupfergliedern und warf ihn sich mit einem zufriedenen Nicken über die Schulter.

Als er sich umdrehte, um zu Herger zurückzugehen, sah er die Spur.

Sie begann am Fluß und war eine schnurgerade Doppellinie, die aus dem Wasser hervorkam, wenige Schritte neben ihm vorbeiführte und dann, einen sanften, nach Westen geneigten Bogen schlagend, hinter den Hügeln jenseits ihres Lagers verschwand. Es war keine menschliche Spur - die Abdrücke waren groß wie eine Hand, aber viel tiefer, als sie selbst ein schwerbeladenes Packpferd hätte hinterlassen können, und ihre Ränder waren seltsam verwaschen, als wäre der Schnee halb geschmolzen und unter dem eisigen Wind sofort wieder erstarrt. Wäre sie kleiner gewesen, hätte es die Spur eines Hundes sein können.

Skars Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu machen. Für den Bruchteil einer Sekunde stieg Panik in ihm auf, eine graue, unbezwingbare Furcht, die jeden Ansatz klaren Denkens hinwegspülte. Er fuhr herum, drehte sich ein-, zweimal um seine Achse und griff instinktiv zum Gürtel, ehe ihm einfiel, daß der Waffengurt mit dem Tschekal am Sattel seines Pferdes hing, nur ein paar Schritte entfernt, aber trotzdem unerreichbar.

Der Gedanke brachte ihn wieder in die Realität zurück. Die Spur war mehrere Stunden alt. Wenn der Wolf gekommen wäre, um ihn zu töten, dann wäre er jetzt schon lange nicht mehr am Leben. Trotzdem blieb die Furcht; eine unsichtbare eisige Faust, die ihn umklammert hielt und ihm den Atem abschnürte. Er atmete ein paarmal tief ein, ballte die Fäuste, so fest er konnte, und versuchte das Gefühl zurückzudrängen. Aber sein Herz hämmerte weiter, und das eisige Gefühl in seinem Magen schien eher schlimmer zu werden. Er mußte sich mit aller Macht dazu zwingen, sich herumzudrehen und der Fährte zu folgen.

Sie führte knapp an ihrem Lager vorbei, bog dann nach Westen ab und verschwand hinter den Hügeln. Herger rief etwas, als Skar an ihm vorbeiging, aber er, Skar, achtete gar nicht auf die Worte, sondern ging mit erzwungen ruhigen Schritten weiter, erklomm den Hügel und blieb auf seiner Kuppe stehen.

Er empfand nicht einmal Schrecken - allerhöchstens so etwas wie Verwunderung darüber, daß er nicht von selbst darauf gekommen war.

Die Wolfsfährte ging vor ihm weiter - in direkter Linie den Hügel hinab und den nächsten wieder hinauf. Es sah aus, als hätte das Ungeheuer nicht einmal im Schritt verharrt, um die beiden Krieger zu töten.

Sie lagen in seltsam verrenkter Haltung im Schnee, zwei mehr als zwei Meter große Giganten, in schwarze, stachelbewehrte Hornpanzer gekleidet. Velas Krieger. Tuans Fluch, den sie heraufbeschworen und mit hierhergebracht hatten. Keine Menschen, sondern ... Dinger, leblose Scheusale, deren äußere Form allein deshalb der menschlichen zu ähneln schien, um ihre Vorbilder zu verspotten. Skar hatte es geahnt, als er das Schlachtfeld gesehen hatte, die Spuren eines Kampfes, der nur auf einer Seite Verluste forderte, und er hatte es gewußt, als er den Quorrl von Dämonen hatte reden hören.

Aber er war ein Narr gewesen, sich im Ernst einzubilden, daß sie keinen Wächter zurücklassen würde. Welchen Auftrag hatten sie gehabt? Den, ihn zu töten? Oder nur den, ihn zu beobachten und jeden seiner Schritte zu registrieren? Aber eigentlich blieb es sich gleich - Vela wußte jetzt, daß er hier war; spätestens jetzt. Diese beiden Krieger dort unten waren mehr als ihr verlängerter Arm - sie waren ihre Augen und Ohren gewesen, zwei von Hunderten, die über das gesamte Land verstreut sein mochten und nach ihm Ausschau hielten.

Er atmete tief ein, pumpte die Lungen mit der schneidend kalten Luft voll und versuchte an nichts zu denken. Aber als er die Augen schloß, sah er ein Gesicht vor sich - ein schmales, von glattem, dunklem Haar eingerahmtes Gesicht, dessen Augen ihn spöttisch anblickten. O nein - sie hatte diese beiden Hornkrieger nicht hier zurückgelassen, um ihn zu töten. Noch nicht. Sie mußte gewußt haben, daß er hier war, genau hier, so, wie sie wahrscheinlich die ganze Zeit über genau gewußt hatte, wo er sich aufhielt. Sie spielte noch immer mit ihm. Und vielleicht war auch das, genau dieser Gedanke, den er jetzt dachte, nur ein weiterer Teil dieses grausamen Spieles, vielleicht sollte er glauben, das System durchschaut zu haben, nur um in eine weitere, noch teuflischere Falle zu tappen. Das Spiel wurde ernster und der Einsatz höher. Sie schonte ihn nicht mehr, so wie sie es zuvor getan hatte, aber sie schlug noch nicht mit aller Macht zu. Vielleicht sah sie ihn auch jetzt, beobachtete ihn durch die Augen eines weiteren Dämons, der hinter einem der unzähligen Hügel verborgen sein mochte, und amüsierte sich über seine Hilflosigkeit, den ohnmächtigen Zorn, der seine Seele zerfraß.

»Siehst du mich?« fragte er. Und dann, plötzlich, schrie er mit aller Macht: »Hörst du mich, Vela? Ich weiß, daß du mich hörst und siehst. Ich komme, so wie du es gewollt hast, du Hexe! Ich komme, und ich schwöre dir bei meinem Leben, daß ich dich vernichten werde!«

Natürlich bekam er keine Antwort. Die schneebedeckte Weite vor ihm blieb stumm; unbeteiligt, wie sie es seit Äonen gewesen war.

Nur der Wind heulte leise um die Hügel. Und irgendwo, nicht sehr weit von der einsamen Gestalt auf der Hügelkuppe entfernt, zog ein gewaltiger schwarzer Wolf seine Spur durch den Schnee.

13.

Gegen Mittag kam erneut Nebel auf. Der Fluß - nun zu ihrer Linken und in die gleiche Richtung fließend, in der sie sich bewegten, verschwand unter einer brodelnden grauen Decke; es wurde wärmer. Das Schlachtfeld hatte in einer kleinen Enklave des Winters gelegen, in einem Gebiet, das vielleicht in weniger als einem Tagesritt zu durchmessen war. Skar erschrak, als er diesen Gedanken dachte. Der eisige Wind, der ihnen folgte und sie trotz der dicken Kleidung frieren ließ, erschien ihm wie ein Hauch aus einer fremden, längst vergessenen Welt. Eine Falle. Eis und Schnee und Kälte, auch sie waren Waffen, tödlicher als jedes Schwert, wenn sie gezielt eingesetzt wurden. Und dabei war es immer noch nicht mehr als ein Spiel, ein erstes, noch unwissendes Herumexperimentieren mit einer Macht, die, wenn sie erst einmal entfesselt war, die Welt aus den Angeln heben konnte. Wozu würde sie fähig sein, wenn sie erst die vollen Kräfte des Steines zu beherrschen gelernt hat? dachte Skar erschrocken. Er würde es nie erfahren. Vielleicht konnte er es verhindern, wahrscheinlicher aber war, daß er vorher starb. Vela hatte ihm erklärt, daß sie ihn brauchte, ihn - oder genauer gesagt das Erbe, das unerkannt in ihm schlummerte, jenen Teil von ihm, der nicht menschlich, sondern Teil der Götterrasse war, die vor Äonen über diese Welt herrschte. Aber aus irgendeinem Grund hatte sie ihre Meinung geändert. Vielleicht, dachte er, reichen ihr die Gewalten, über die sie jetzt schon gebietet, und vielleicht erschrickt sie sogar selbst vor der Macht, die der Stein wirklich birgt, und will sie gar nicht mehr kennenlernen.